Jesper Juul: Das Kind wahrnehmen, statt es zu beurteilen
Entwicklung
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Auch eine positive Wertung ­stabilisiert ein Kind nicht

Eltern und Kindern. Eltern beurteilen sie ständig, sagen ihnen, was sie gut oder schlecht finden. Der einzige Unterschied ist, dass Kinder in den ersten neun Jahren ihres Lebens tatsächlich glauben, dass ihre Eltern recht haben, dass sie die besten Eltern der Welt sind – ganz egal, ob sie ihre Kinder als positiv oder negativ «definieren».

Einer meiner ersten Klienten, ein Sohn wohlhabender Eltern, der in allen Lebensbereichen erfolgreich war, sich aber selbst nicht ausstehen konnte, hat es in einer der Sitzungen sehr gut auf den Punkt gebracht: «Meine Eltern haben mir immer gesagt, wie wunderbar ich bin, aber sie haben mir keine Substanz mit auf den Weg gegeben.» Sie haben ihm ein schönes Label verpasst, aber ­dieses Label hatte keinen Inhalt. Wie soll er sich wunderbar fühlen? Wie fühlt sich so etwas an? Das Label hilft ihm nicht, diese Frage zu beantworten. Die Eltern haben es wohl gut gemeint, ihn mit einem positiven Label zu versehen, aber ein Label bleibt ein Label, ob negativ oder positiv – es hat keine Tiefenwirkung und stabilisiert das Kind nicht wirklich. Für ein solches Kind ist es sehr schwierig, ein gutes Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Ich sage nicht, dass Eltern das Verhalten der Kinder niemals beurteilen sollen. Natürlich kann man dem Kind sagen, dass es schlecht ist, die heisse Herdplatte anzufassen. Aber man sollte zwischen «Wie sich ein Kind verhält» und «Wer das Kind ist» unterscheiden. Denn Eltern denken darüber gar nicht oder recht kurzschlüssig nach: Wenn das Verhalten nicht in Ordnung ist, ist das Kind nicht in Ordnung! Und das ist ein Fehlschluss. Das Kind ist kein böses Kind, nur weil es sich überzeugen wollte, ob die Herdplatte tatsächlich heiss ist. Wenn du ihm das aber so vermittelst: «Du bist böse!», machst du es dem Kind sehr schwer, sein Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Eltern können ganz simpel sagen: «Ich will nicht, dass du das und das tust!» Damit sagst du dem Kind, was du willst, es hat also die Gelegenheit, dich besser kennenzulernen, und sein Selbstwertgefühl kann sich entwickeln: Es weiss, es ist in Ordnung, wie es ist!
In den ersten neun Jahren ihres Lebens glauben Kinder ­tatsächlich, dass ihre Eltern recht haben.
Was ich damit allerdings nicht meine, ist, dass Kinder einfach wunderbar sind und alles tun sollten, wozu sie gerade Lust haben. Aber sie dauernd zu kritisieren und zu korrigieren, als würden sie nichts gut genug machen, das hilft ihnen keinen Schritt weiter – und auch den Erwachsenen nicht. Die können nämlich auf diese Weise ihr mangelhaftes Selbstwertgefühl auch nicht aufpäppeln.
In persönlichen Beziehungen sollte es immer möglich sein, dein Unbehagen oder deine Unzufriedenheit auch anders auszudrücken, als bloss indem du den anderen zurechtweist. Was du nämlich dabei machst, ist, dich auf den Thron zu setzen – und das geht nur auf Kosten des anderen.

Das Merkwürdige ist, das stelle ich immer wieder mit Erstaunen fest, dass Eltern in den ersten zwölf Monaten des Kindes sehr eifrig dabei sind, herauszubekommen, wer dieses Kind ist. Wenn es weint, wollen sie wissen, warum. Wenn es sich freut, ebenfalls. Also haben Erwachsene grosses Interesse daran, zu wissen, ob es ihrem Kind gut geht oder nicht. Sie sind sehr neugierig auf jede seiner Reaktionen. Aber nach diesen ersten paar Monaten verlieren Eltern plötzlich dieses Interesse und sie fangen an, das Kind zu «definieren» – sie fangen an, jede seiner Taten zu beurteilen, und sind nur noch am Korrigieren. 
Erwachsene haben demnach ein Problem, mit den Kindern in Kontakt zu bleiben. Sie wollen zwar wissen, wie es ihnen geht, fragen aber dann nicht: «Wie geht es dir?», sondern: «Was ist heute los mit dir?» Das heisst, sie geben dem Kind das Gefühl, es sollte sich gefälligst anders verhalten – denn so ist es nicht in Ordnung. Sie warten gar nicht ab, dass das Kind ihnen etwas erzählt, sondern schiessen gleich los. Ich meine, es steckt eine tiefe Wahrheit in dem Sprichwort: «Du machst Kinder böse, indem du sie für böse erklärst.»

Jesper Juul (1948 - 2019)

Nehmen Sie Ihr Kind ernst – begegnen Sie ihm mit Respekt. Kinder brauchen keine Grenzen – sondern Beziehung. Eltern müssen nicht konsequent sein – sondern glaubwürdig.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt. Der Gründer von familylab, einem Beratungsnetzwerk für Familien, und Autor von über 40 Büchern («Dein kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung») starb am 25. Juli 2019 im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark. Er war zweimal verheiratet und hinterlässt einen Sohn aus erster Ehe und zwei Enkelkinder.

Jesper Juul starb am 25. Juli 2019 im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark.

Die Kolumnen von Jesper Juul entstehen in Zusammenarbeit mit familylab.ch

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  • Viele Eltern fragen sich nur, was sie für ihre Kinder tun können. Mütter und Väter sollten sich aber erst einmal fragen, was sie selber brauchen. Liebe Eltern, denkt mehr an euch!

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1 Kommentar

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Von Ava am 22.06.2020 12:37

Es ist nochmals ganz anders, wenn ein Kind keine Worte sprechen kann. Bei einem Kind mit Beeinträchtigung habe ich stark gelernt zu beobachten und auf seine Gestik und Mimik zu achten. Und das geht meistens sehr gut. Es gibt eine ganz andere Beziehung.

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