«Introvertierte Kinder sind das Gegenteil von einem Durchlauferhitzer»
Entwicklung

Haben es introvertierte Kinder schwerer?

Respektieren, zuhören und ermutigen – das sind die Tipps der Psychologin Sina Bardill für Eltern von stillen Kindern.
Interview: Christine Amrhein
Bild: rawpixel.com / zVg

Frau Bardill, warum haben es ­introvertierte Kinder und Jugendliche heute schwerer als früher?

Die Gesellschaft hat sich in den letzten hundert Jahren stark verändert. Früher wurde eine ruhige, bedachte, gut strukturierte Person wie etwa Abraham Lincoln oder Albert Einstein positiv bewertet. Heute werden typische Merkmale von Introversion dagegen oft kritisch gesehen. Das betrifft oft schon Kinder. Von ihnen wird zum Beispiel erwartet, dass sie viele Freunde haben, sich in der Schule aktiv beteiligen oder lieber draussen auf dem Spielplatz als alleine im Zimmer spielen.

Die Schule verlangt viel Eigenini­tiative von den Kindern.

Ja, das stimmt. Die Erwartungen und Anforderungen in der Schule haben sich deutlich verändert. Es wird erwartet und gefördert, dass die Kinder sich aktiv einbringen. Ausserdem gibt es deutlich mehr gruppenorientierte Aktivitäten und die Kinder müssen generell mehr Vorträge halten. All das ist für introvertierte Kinder tendenziell eher schwierig. Auch ständig wechselnde Gruppen oder ­Klassenformationen sowie Lehrerwechsel, auf die sie sich immer wieder neu einstellen müssen, können für diese Kinder ein Problem sein.

Zur Person:

Dr. Sina Bardill ist Psychologin FSP, ­Super­visorin und Coach BSO. Sie arbeitet seit fast 20 Jahren als Beraterin und Trainerin in eigener Praxis in Scharans GR und Luzern. 
Dr. Sina Bardill ist Psychologin FSP, ­Super­visorin und Coach BSO. Sie arbeitet seit fast 20 Jahren als Beraterin und Trainerin in eigener Praxis in Scharans GR und Luzern. 

Werden introvertierte Kinder in der Schule unterschätzt?

Ich würde sagen, sie werden fehlinterpretiert. Sie können langsam wirken, desinteressiert und zögerlich, manche nennen sie auch «dumm». Dabei denkt das Kind vielleicht viel und konzentriert mit, ist sehr bei der Sache. Introvertierte Erwachsene werden oft als zurückhaltend und arrogant angesehen. Manche bekommen auch zu hören, dass sie sich als etwas Besseres sähen.

Warum werden denn extravertierte Menschen positiver bewertet?

Es gibt einen Wertewandel in der Gesellschaft. Heute wird unglaublich viel Wert auf Kommunikations- und Teamfähigkeit, Durchsetzungs- und Präsentationsfähigkeit gelegt. Schnelle und spontane Antworten werden geschätzt. Auch in der Schule und in der Ausbildung. Das Problem dabei: All das sind Eigenschaften, die eher den extravertierten Menschen zugeschrieben werden.
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Geben Sie uns ein Beispiel.

Eine Lehrperson führt ein neues Thema im Fach Mensch und Umwelt ein, beispielsweise ein Tier, nehmen wir den Wolf. Sie fragt im Klassenverbund nach, wer davon schon gehört hat, wer einen gesehen hat, wer etwas darüber weiss. Dann melden sich fast immer nur die extravertierten Kinder, obwohl die introvertierten ganz bestimmt auch viel dazu zu sagen hätten.

Warum ist das so?

Es ist für introvertierte Kinder sehr schwierig, sich in einem grossen Klassen­verbund zu zeigen. Sie brauchen viel Zeit, bis sie sich artikulieren können. Zuerst lassen sie sich alles in Ruhe durch den Kopf gehen und sind dann sehr mit ihren Gedankengängen beschäftigt. Meist sind sie auch sehr perfektionistisch, ihr innerer Kritiker ist allgegenwärtig. Ihre Aufgabe ist es, sich einzubringen und zu lernen, sich zu zeigen, auch wenn ihr Wortbeitrag nicht perfekt ist. Aber das braucht viel, viel Zeit und Geduld vonseiten der Lehrperson.

Wie können Eltern erkennen, ob ihr Kind introvertiert ist?

Ein extravertiertes Kind ist immer auf der Suche nach geistigem und körperlichem Futter. Es sucht die Aktivität geradezu, es strebt in der Tendenz immer vorwärts. Ein introvertiertes Kind dagegen versenkt sich stundenlang allein in einem Spiel, es verarbeitet ständig und ist rückwärtsgerichtet. Auch im vertrauten Rahmen spricht und erzählt es meist deutlich weniger als die nur so sprudelnden extravertierten Kinder. Man kann sagen, introvertierte Kinder sind das Gegenteil von einem Durchlauferhitzer.

Warum ist mehr Aufklärung über ­Intro- und Extraversion wichtig?

Das Wissen darüber, ob jemand intro- oder extravertiert ist, und die Auseinandersetzung mit dem Thema können in Beziehungen, etwa zwischen Eltern und Kindern oder auch zwischen Erwachsenen in Partnerschaften, sehr hilfreich sein. Das Gleiche gilt auch in der Schule oder am Arbeitsplatz. Beide Merkmale haben ihre Sonnen- und Schattenseiten. Wenn beide die gegenseitigen Charakterzüge kennen, können Intro- und Extravertierte deutlich voneinander profitieren.

Wie können Eltern und Lehrpersonen introvertierte Kinder unterstützen und fördern?

  • Wichtig ist in erster Linie, die Selbstakzeptanz und das Selbstvertrauen der Kinder zu fördern. Das Kind sollte die Erfahrung machen, dass es so, wie es ist, angenommen und geliebt wird. Eltern oder Lehrer sollten es nicht unter Druck setzen, sich anders zu verhalten, als es seiner Natur entspricht.

  • Die Umgebung zu Hause und in der Schule sollte eher so gestaltet sein, dass die Kinder sich wohlfühlen und sie selbst sein können. Sie dürfen still sein und sich auch mal zurückziehen. Nach der Schule haben sie zum Beispiel erst einmal Zeit für sich und ihre Freizeit ist nicht mit Aktivitäten durchgeplant. Die Eltern sollten ihr Kind nicht mit Fragen löchern, aber Zeit und ein offenes Ohr haben, wenn es etwas erzählen möchte. Auch in der Schule sollte es Rückzugsorte geben, zum Beispiel einen ruhigen Ort zum Lesen, sowie Zeiten, in denen die Kinder einer ruhigen Tätigkeit nachgehen können.

  • Wichtig ist aber auch, die Kinder zu ermutigen, ab und zu ihre «Komfortzone» zu erweitern und etwas zu wagen, was sie nicht so gerne machen – am besten behutsam und in kleinen Schritten. So können die Eltern mit ihrem Kind vereinbaren, dass es sich wenigstens zwei bis drei Mal pro Stunde meldet oder dass es eine neue Freizeitaktivität in der Gruppe ausprobiert, aber auch wieder aussteigen kann.

  • Eltern und Lehrer können die Stärken der Kinder wie Ausdauer, durchdachte Ideen oder gutes Zuhören gezielt loben, ebenso wenn es etwas gewagt hat, was es nicht so gerne macht – ohne ein grosses «Trara» darum zu machen.

  • Lehrer können in der Schule zwischen Aufgaben, die extravertierten Kindern, und solchen, die introvertierten Kindern liegen, wechseln – etwa zwischen Gruppen- und Einzelarbeit. Weil introvertierte Kinder nicht so spontan sind, hilft es ihnen, wenn alle ihre Gedanken zunächst auf Kärtchen schreiben, bevor die Antworten in der Klasse besprochen werden.

Quellen: Buch «Still und stark: Die Kraft introvertierter Kinder und Jugendlicher» von Susan Cain; Empfehlungen von Sina Bardill und Brigitte Stirnemann

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