Introvertierte Kinder: Die Stärke der Stillen
Entwicklung
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Introversion versus Schüchternheit

Oft ist es für Aussenstehende auch nicht einfach, zu erkennen, ob hinter einer stillen Wesensart Introversion oder Schüchternheit steckt. Wie lässt sich Introversion von Schüchternheit unterscheiden? Schüchternheit ist eine Form sozialer Angst. Auch sie ist zum Teil genetisch bedingt, kann sich jedoch durch negative Erfahrungen verstärken und durch positive abschwächen. Schüchterne Menschen wünschen sich den Kontakt zu anderen Menschen, haben aber oft Angst, in sozialen Situationen zum Beispiel abgelehnt zu werden oder sich zu blamieren. Introvertierte haben dagegen keine Angst vor dem Kontakt. Dieser wird ihnen eher «zu viel» und sie brauchen dann Ruhe und Zeit für sich.

«Introversion ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das ein Leben lang weitgehend gleich bleibt», erläutert Brigitte Stirnemann. «Schüchternheit entsteht dagegen vor allem durch ungünstige soziale Erfahrungen. Sie kann durch günstige soziale Erfahrungen abgeschwächt oder überwunden werden.» Auch ein in­trovertiertes Kind könne durch negative Erfahrungen schüchtern werden, so die Psychologin. «Allerdings kann es auch sein, dass ein Kind eher ruhig ist und beobachtet, ohne dass es sich damit unwohl fühlt.» Hier gelte es deshalb, genau hinzuschauen. 

«Man kann nicht einfach aus dem äusseren Verhalten Schlüsse ziehen, wie es einem Kind geht», betont Sina Bardill. «Wichtig ist daher, dass Eltern und Lehrer eine gute Beziehung zum Kind aufbauen, in der es Zuwendung erfährt und in seiner Persönlichkeit wahrgenommen wird. Dann kann gut eingeschätzt werden, ob das Kind ruhig und psychisch stabil oder aber gestresst und unglücklich ist.»

Und wann braucht ein Kind psycho­logische Unterstützung? Zum Beispiel wenn es grosse Ängste in sozialen Situationen hat. «Dann kann es sinnvoll sein, die Angst im Rahmen einer kinderpsycholo­gischen Abklärung oder Therapie zu behandeln», so Stirnemann.

Haben introvertierte Kinder ungünstige Erfahrungen gemacht, sei es sinnvoll, ein Beratungs­gespräch mit den Eltern zu führen, erläutert Sina Bardill. «Hier geht es zum Beispiel darum, dass die Eltern lernen, ihre Wesensart bei sich selbst und ihrem Kind zu akzeptieren.» Weiter wird in der Beratung geschaut, was die Eltern tun können, um ihr Kind zu unterstützen. «Schliesslich sollten sich auch Eltern und Lehrer, denen die Wesensart eines Kindes fremd ist, nicht scheuen, eine Beratung aufzusuchen», betont Stirnemann. 

Kein Alphatier, aber von allen gemocht

In Sarahs Familie dagegen wissen alle Bescheid über Sarahs Wesensart – und alle kennen ihre Stärken. «Wenn Sarah etwas sagt, sind ihre Antworten fast immer durchdacht, interessant und logisch», erzählt Céline Mahieux. Ausserdem sei Sarah emotional ausgeglichen, ­handle nicht impulsiv und habe ­echte Freunde. «Ich denke, dass ich in der Schule nicht populär bin oder gross auffalle», sagt Sarah selbst. «Aber von anderen höre ich, dass mich alle mögen und niemand etwas gegen mich hat. Ich glaube, viele schätzen meine ruhige Art.» Ihre beste Freundin ist zudem extravertiert – und sie beide ergänzen sich prima.

Das sind die Stärken der Introvertierten

  • Introvertierte können gut zuhören, sind einfühlsam und interessieren sich wirklich für ihr Gegenüber. Deshalb sind sie oft auch gute Ratgeber.

  • Sie strahlen Ruhe aus und können so Ruhe in ihr Umfeld bringen. 

  • Sie denken zuerst nach, bevor sie etwas sagen, und beziehen viele Informationen ein. Was sie sagen, hat dann meist Substanz.

  • Sie können sich gut in eine Aufgabe vertiefen und ausdauernd dabeibleiben. So erzielen sie oft sehr gute Leistungen.

  • Sie können gut allein sein, ohne sich einsam zu fühlen, und sind oft sehr unabhängig in ihrem Denken.

  • Sie haben eine gute Selbstwahrnehmung und eine gute Wahrnehmung für ihre Umgebung, etwa für Stimmungen um sie herum.

  • Sie können gut allein arbeiten. 

  • Sie können sich oft gut schriftlich ausdrücken.

Links und Buchtipps zum Thema

  • Webseite von Sina Bardill, Psychologin, Supervisorin und Coach, die sich auf das Thema Introversion spezialisiert hat: www.intro-coach.ch

  • Webseite von Brigitte Stirnemann, Psychologin, systemische Beraterin und Coach sowie Dozentin an der Pädagogischen Hochschule (PH) Zürich: www.brigitte-stirnemann.ch

  • Blog von Patrick Hundt, einem Betroffenen mit Gedanken zu Introversion in verschiedenen Lebenssituationen: www.introvertiert.org

  • Susan Cain: «Still. Die Kraft der Introvertierten». Goldmann 2013, 464 Seiten, ca. 18 Fr. und «Still und stark: Die Kraft introvertierter Kinder und Jugendlicher», Goldmann 2017, 304 Seiten, ca. 25 Fr. 

  • Sylvia Löhken: «Intros und Extros. Wie sie miteinander umgehen und ­voneinander profitieren». Gabal 2014, 360 Seiten, ca. 36 Fr.
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<div><strong>Christine Amrhein </strong>ist Psychologin und arbeitet seit über zehn Jahren als freie Wissenschaftsjournalistin in München. Aus ihrer Sicht ist es sehr sinnvoll, in einer Welt, in der Vielredner und Selbst­darsteller viel Aufmerksamkeit bekommen, ­­<br>&nbsp;auf die besonderen Eigenschaften von Introvertierten hinzuweisen.<strong>&nbsp;</strong></div>
Christine Amrhein ist Psychologin und arbeitet seit über zehn Jahren als freie Wissenschaftsjournalistin in München. Aus ihrer Sicht ist es sehr sinnvoll, in einer Welt, in der Vielredner und Selbst­darsteller viel Aufmerksamkeit bekommen, ­­
 auf die besonderen Eigenschaften von Introvertierten hinzuweisen. 

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1 Kommentar

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Von Susanne am 01.07.2020 15:15

Ja, introvertierte Kinder wirken weniger selbstbewusst. Das hat einen Grund. Es verhält sich ähnlich wie mit der Schüchternheit: Ruhigen und zurückhaltenden Kindern wird zu häufig nahegelegt, forscher und kontaktfreudiger zu werden, obgleich es nicht ihrer Wesensart entspricht. Somit kommt das geringere Selbstbewusstsein eher daher, dass die Veranlagung Introversion falsch verstanden wird. Wer nicht authentisch sein darf, strahlt auch weniger Selbstbewusstsein aus.

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