Introvertierte Kinder: Die Stärke der Stillen
Entwicklung
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Introversion als Makel 

Zwar machen längst nicht alle introvertierten Kinder und Jugendliche negative Erfahrungen. «Allerdings hat die Fähigkeit, sich zeigen zu können und aktiv mit anderen in Kontakt zu treten, in der westlichen Welt einen hohen Stellenwert», sagt Stirne­mann. «Das sind Dinge, die Introvertierten nicht so leichtfallen.» Negative Erfahrungen können dann entstehen, wenn introvertierte Kinder von ihren Eltern oder anderen Menschen ausgesprochen oder unausgesprochen «pathologisiert» würden – ihnen also vermittelt wird, sie seien nicht normal. «Weiter können diese Kinder in der Schule oder anderswo eher unsanft dazu gedrängt werden, ihre Zurückhaltung aufzugeben», so die Expertin. «Zum Beispiel, wenn der Lehrer zu einem Kind sagt: Du hältst jetzt mal einen Vortrag ganz allein. Ich weiss gar nicht, wo das Problem liegt.»
Introvertierte Eltern, die sich 
 ihrer Stärken nicht bewusst sind, können diese auch nicht an ihre Kinder weitergeben.
Auf der anderen Seite sei das Verhalten der Lehrpersonen heute mehr von Verständnis geprägt als früher, so Stirnemann. «Die meisten Lehrerinnen und Lehrer akzeptieren die Kinder so, wie sie sind, und lassen auch zu, dass ein Kind sich nicht so stark am Unterricht beteiligt.»

Gleichzeitig sind die ruhigen Kinder für Lehrpersonen oft angenehm, weil sie nicht auffallen und «einfach mitlaufen». Das bestätigt auch die Mutter von Sarah, der ­jungen Frau aus unserem Beispiel. «Bei unserer Tochter gab es nie wirklich Probleme mit ihrem eher ruhigen Verhalten», berichtet Céline Mahieux. «Die Lehrer haben zwar immer wieder angemerkt, sie solle sich mehr am Unterricht beteiligen. Aber sie haben ihr Verhalten akzeptiert und es hat sich nie nachteilig auf die Noten ausgewirkt.»

Die Introversion erkennen

Allerdings werden die ruhigen Kinder im Unterricht oft «übersehen» und können ihr Potenzial gar nicht richtig entfalten. Für Eltern und ­Lehrer ist es daher wichtig, zunächst einmal zu erkennen, dass ein Kind introvertiert ist. «Lehrer sollten zum Beispiel nicht vorschnell denken, dass ein Kind, das sich wenig am Unterricht beteiligt, unaufmerksam oder desinteressiert ist», sagt Sina Bardill, Psychologin und Coach mit eigener Praxis in Scharans GR und Luzern. Sie hat sich auf Introversion spezialisiert und veranstaltet Vorträge, Seminare und Fortbildungen zum Thema. Zum Beispiel können Lehrpersonen versuchen, mehr persön­lichen Kontakt zum Kind herzustellen, um es besser kennenzulernen und einschätzen zu können.

«Das absolut Wichtigste für in­trovertierte – wie für alle – Kinder ist jedoch, dass sie sich so, wie sie sind, angenommen und geliebt fühlen. Das sollten Eltern und Lehrer ihnen auch vermitteln», betont Bardill. «Ziel sollte es sein, dass ein in­trovertiertes Kind seine Bedürf­nisse mit der Zeit gut kennt und lernt, im Alltag gut mit ihnen umzugehen – zum Beispiel, genügend Zeit für sich allein einzuplanen. Wichtig ist zudem, dass es die Möglichkeit hat, seine Fähigkeiten zu entfalten.»

So können Eltern und Lehrer die typischen Merkmale der Introver­sion auf vielfältige Weise loben und fördern. Falls ein Kind bereits ungünstige Erfahrungen gemacht hat, sollten sie versuchen, es aus ­seinem Defizitdenken wieder herauszuholen, seine Stärken hervor­heben und gezielt fördern.

Für Eltern, die selbst introvertiert und keine Selbstdarsteller sind, ist es oft einfacher, die Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen und darauf einzugehen. «Sie wissen, was ihm guttut und was für das Kind eher schwierig ist», sagt Stirnemann. «Extravertierte Eltern, denen die ruhige, zurückhaltende Art eher fremd ist, sollten gemeinsam mit ihrem Kind schauen, was es braucht. Zum Beispiel können sie herausfinden, wofür es sich besonders interessiert, und dann diese Interessen gezielt fördern oder die intensive Freundschaft mit nur einem oder wenigen Kindern unterstützen und wertschätzen.»

«Ich habe erst lernen müssen, mich bei Sarah auch mal zurückzunehmen, ihr Zeit zum Antworten zu lassen oder eher aktiv zu fragen», berichtet Céline Mahieux. Mit ihrem Vater verstehe sich Sarah dagegen oft einfach ohne grosse Worte. Sarahs 13-jähriger Bruder Raphael ist wie die Mutter extravertiert. «Wegen des grossen Altersunterschieds haben wir nicht so ein enges Verhältnis», erzählt Sarah. «Schwierigkeiten zwischen uns gibt es aber auch nicht. Er kommt eher auf mich zu als umgekehrt – aber das ist für uns beide in Ordnung so.»

Auch Susanne Schild, Mutter von zwei Söhnen, 13 und 15, ist in einer Familie aufgewachsen, in der alle eher ruhig und zurückhaltend waren. Die 45-Jährige sieht sich, ähnlich wie Susan Cain, als Botschafterin, die Eltern und Lehrpersonen für das Thema Introversion sensibilisieren möchte. Durch Gespräche mit Eltern, Vorträge und Blogbeiträge möchte sie dazu beitragen, Missverständnisse aufzuklären und Introvertierten zu mehr Selbstakzeptanz zu verhelfen. «Das ist aus meiner Sicht der Schlüssel dafür, dass Kinder sich selbstsicher und stark fühlen können», sagt die 45-jährige Personalfachfrau aus Baden. Introvertierte Eltern, die sich ihrer Stärken nicht bewusst seien, könnten diese auch nicht an ihre Kinder weiter­geben. «Viele Menschen denken, man müsste extravertiert sein, um im Leben erfolgreich zu sein», sagt Schild. «Aber das ist Unsinn. Auch introvertierte Menschen können sehr erfolgreich sein, wenn sie lernen, ihre Stärken richtig einzu­setzen.»

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1 Kommentar

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Von Susanne am 01.07.2020 15:15

Ja, introvertierte Kinder wirken weniger selbstbewusst. Das hat einen Grund. Es verhält sich ähnlich wie mit der Schüchternheit: Ruhigen und zurückhaltenden Kindern wird zu häufig nahegelegt, forscher und kontaktfreudiger zu werden, obgleich es nicht ihrer Wesensart entspricht. Somit kommt das geringere Selbstbewusstsein eher daher, dass die Veranlagung Introversion falsch verstanden wird. Wer nicht authentisch sein darf, strahlt auch weniger Selbstbewusstsein aus.

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