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Entwicklung

Hochdeutsch lernen in der Schweiz

Der Unterschied zwischen Schweizerdeutsch und Hochdeutsch fällt besonders dann ins Gewicht, wenn Kinder in der Schule Lesen und Schreiben lernen müssen. Für Erstklässler kann es ein Vorteil sein, wenn sie schon im Kindergarten mit dem Hochdeutschen in Kontakt gekommen sind.
Text: Jessica Carolyn Bühler
In Lese-und Rechtschreibtests schneiden Schweizer Primarschulkinder in den ersten Jahren oftmals schlechter ab als deutsche Kinder im gleichen Alter. Warum ist das so? Eine Erklärung liegt womöglich in den unterschiedlichen Schulsystemen im deutschsprachigen Grossraum. Zudem werden in der Schweiz sehr viele verschiedene Dialekte gesprochen, die sich stark vom Standard-Hochdeutsch unterscheiden. Und in Deutschland wird im Alltag nebst einer stilisierten Umgangssprache primär Hochdeutsch gesprochen, während Schweizer Kinder und Erwachsene fast ausschliesslich Schweizerdeutsch reden. Dadurch hat der Hochdeutschgebrauch in der Schweiz eine geringere Präsenz. Es ist darum denkbar, dass ein seltenerer Gebrauch des Hochdeutschen das Erlernen dieser Sprache etwas erschwert beziehungsweise verlangsamt. 

In der Schule lernen Schweizer Kinder ab der ersten Klasse Hochdeutsch. Einen kleinen Vorteil haben etwa jene, die mit deutschen Nachbarskindern aufwachsen, eine deutsche Kindergärtnerin oder Tagesmutter haben oder vermehrt fernsehen und Hörbücher auf Hochdeutsch hören.
Es ist auch lustig, wenn man so redet wie die Leute im Fernsehen.

Hochdeutsch – ein Kinderspiel

Für diese Kinder ist es ganz normal, dass etwa die kleine Lisa oder Frau Müller anders sprechen als man selbst. Zudem ist es doch auch lustig, wenn man so redet wie die Leute im Fernsehen. Diese Kinder sprechen schon vor der Schule ein beinahe akzentfreies Hochdeutsch, auch wenn es mit der Wortstellung zum Teil noch nicht immer klappt. Denn Kinder verwenden primär die schweizerdeutsche Satzstruktur und sprechen die Wörter mit einem hochdeutschen Akzent aus. Hochdeutsch wird somit sprichwörtlich zum Kinderspiel. 

Andere Kinder haben vor dem Schuleintritt nur wenig Kontakt mit Hochdeutsch. Sie wissen zwar, wie es klingt, und verstehen es zumeist auch gut. Zum Teil haben sie jedoch grosse Mühe, selber Hochdeutsch zu sprechen. Der Grund dafür liegt höchstwahrscheinlich darin, dass sich Schweizerdeutsch und Hochdeutsch zum Teil sehr ähneln, aber in gewissen Bereichen enorme Unterschiede aufweisen. Diese Schwierigkeiten lassen sich auch beim ersten Lesen beobachten.

Im Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache liegt die Schwierigkeit

Beim Lesenlernen müssen die Kinder die geschriebene und die gesprochene Sprache miteinander verbinden. Wenn aber die gesprochene Sprache nicht direkt mit der geschriebenen Version übereinstimmt, kann dies den Lernprozess des Lesens und Schreibens erschweren. Diese Nicht-Übereinstimmung wird von Sprachwissenschaftlern als eine Art «linguistic mismatch» beschrieben. 

In verschiedenen sprachübergreifenden Studien hat man herausgefunden, dass die Übereinstimmung von Schrift-und Gebrauchssprache eine enorm wichtige Rolle beim Lesen-und Schreibenlernen spielt: Der Leseerwerb im Englischen ist beispielsweise viel schwieriger, da sich die Aussprache eines Wortes weniger direkt aus den einzelnen Buchstaben ableiten lässt, als dies im Italienischen oder Finnischen der Fall ist, wo Buchstaben und Sprachlaute konsistent aufeinander bezogen sind.
Das Gehirn verarbeitet Schweizerdeutsch und Hochdeutsch vermutlich unterschiedlich.
Der schweizerdeutsche Dialekt unterscheidet sich von Hochdeutsch auf verschiedenen Ebenen wie Vokabular, Satzstellung und Lautstruktur. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht wird angenommen, dass vor allem Unterschiede in der Lautstruktur einen grossen Einfluss auf die Schrift-zu-Laut-Umwandlung haben und dadurch auf die grundlegenden Mechanismen des Lesenund Schreibenlernens einwirken.
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Erschwerte Hochdeutsch-Produktion

Zu diesem Thema läuft an der Universität Zürich das Projekt «Lesenlernen und Dialekt». Mittels einer Langzeitstudie untersuchen wir, wie Schweizerdeutsch und Hochdeutsch im Gehirn von Kindergartenkindern kurz vor dem Schuleintritt verarbeitet werden und ob es unterschiedliche Strategien gibt, je nachdem welche Sprachvariante ein Kind von klein auf spricht. Hierfür machen wir mit dem Elektroenzephalogramm eine Hirnstrommessung.

Von besonderem Interesse sind dabei Unterschiede in der lautlichen und grammatikalischen Sprachverarbeitung. Um den Verlauf des Hochdeutscherwerbs zu beobachten, untersuchen wir die gleichen Kinder ein Jahr später nochmals und testen, wie gut sie Lesen und Schreiben gelernt haben. Zusammengefasst untersuchen wir, wie gut die Hirnaktivität im Kindergarten das Lesen und Schreiben in der ersten Klasse voraussagt. Wir erwarten, dass Kinder mit Schweizerdeutscher Muttersprache am Anfang mehr Schwierigkeiten beim Lesen-und Schreibenlernen haben, da sich das Schweizerdeutsch lautsprachlich und grammatikalisch stark vom Hochdeutschen unterscheidet. 
Dialekt und Hochdeutsch ähneln sich, unterscheiden sich aber auch sehr.
Erste Ergebnisse aus der Kindergartenstudie deuten darauf hin, dass Hoch-und Schweizerdeutsch unterschiedlich im Gehirn verarbeitet werden und ein paralleles Bestehen von Dialekt und Hochsprache die Hochdeutsch-Produktion tendenziell erschweren mag. Weiterführende Analysen am Ende der ersten Klasse werden hoffentlich besser Aufschluss über die genauen Ursachen geben.
Foto: Fotolia

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Jessica Bühler
doktoriert nach einem neuropsychologischen Studium an der Universität Zürich zu «Lesenlernen und Dialekt» und wirkt bei der International Max Planck Research School LIFE mit.


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