Entwicklung
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Droht Zoomer eine Identitätskrise?

Auch Zoomers Mutter Kyl Myers ist überzeugt davon, ihrem Kind nichts vorzuenthalten. Im Gegenteil: «Ein Kind in einer Umgebung aufwachsen zu lassen, in der es ohne Scham und ohne Grenzen seine Interessen entdecken kann, klingt für mich nach einer sehr erfreulichen Kindheit», so die Soziologin.

Zoomer besucht eine Kinder­tagesstätte, welche diesbezüglich sehr offen ist: Es gibt Buben mit langen Haaren, Mädchen, die Autos lieben, und auch wenn die anderen Kinder im Gegensatz zu Zoomer «sie» oder «er» sind, sei ihr Kind überhaupt kein Aussenseiter, erklärt Kyl Myers. Im Gegenteil: Dank Kyls vielbeachtetem Blog «Raising Zoomer» (Zoomer grossziehen) ist «Z» in Salt Lake City ein kleiner Star. 

Mehr über Geschlechterklischees in unserer Ausgabe 02/2019

Dieser Artikel stammt aus der Februar 2019-Ausgabe unseres Magazins, wo wir uns ausgiebig der Frage widmen, woher Geschlechterklischees kommen und was an den Mythen «Typisch Bube – typisch Mädchen» dran ist. Bestellen Sie hier diese Ausgabe nach.
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Dick Swaab fragt sich jedoch, ob Kinder wie Zoomer nicht irgendwann unter ihrer «genderkreativen» Erziehung leiden werden. «Bei Geschlechtsunterschieden hinsichtlich der Spielpräferenz handelt es sich um uralte Muster, welche sich während der Evolution entwickelt und in unseren Genen etabliert haben», so Swaab. «Die Frage ist nicht nur, was geschlechtstypisches Verhalten ist, sondern welchen Schaden eine genderneutrale Kindheit anrichten kann.» Kritiker wie er fürchten, dass Kinder, die sich nicht einem Geschlecht zuordnen können, früher oder später in eine Identitätskrise geraten – genau das, was eigentlich vermieden werden soll.

 Erziehung sei so oder so ein soziales Konstrukt, sagt hingegen Kyl Myers. Bei der «Genderkreativität» gehe es nicht darum, zu leugnen, dass es unterschiedliche Geschlechter gebe, nur: «Kinder sollten mehr für ihre Individualität statt für ihre Konformität geschätzt werden», so Myers – und: «Ich glaube nicht, dass Rollenbilder, welche Frauen an den Herd und Männer in wirtschaftliche und politische Spitzenpositionen pushen, in unseren Genen angelegt sind. Sie sind in einer patriarchalen Gesellschaft entstanden.» 

Was, wenn Zoomer in den Kindergarten kommt?

Der Meinung, dass es diese patriarchal geprägten Bilder zu überdenken gilt, ist auch Swaab. So findet er es gut, dass der Spielzeughersteller Lego in seinen neuen Kreationen auch Frauen in vermeintlich typischen Männerberufen zeigt, etwa eine Chemikerin oder eine Weltraumforscherin. Die genderneutrale Erziehung jedoch sei ein «gefährliches Experiment auf dem Rücken der Kinder».

Swaab ist überzeugt: «Würde man geschlechtsneutrale Erziehung als formelles Experiment vorschlagen, würde keine Ethikkommission die Erlaubnis für so etwas geben. Aber Eltern können ihre Kinder erziehen, wie sie wollen.»

Kyl Myers findet Stereotypen gefährlicher als Geschlechtsneutralität: «Ich glaube, dass Sexismus in der Kindheit und in der Art und Weise, wie Buben und Mädchen aufwachsen, ihren Ursprung hat. Und ich glaube, dass genderneutrale Erziehung der einzige Weg ist, wie unsere Gesellschaft echte Gleichberechtigung erreichen kann.»
 
Aber wie realistisch ist es, diese durchziehen zu können? In ein paar Jahren kommt Zoomer in den Kindergarten. Ob das Kind dann noch mit dem neutralen Pronomen «they» bezeichnet werden möchte? Seine Eltern hoffen es. Und ob der kleine Bub, der im genderneutralen Kindergarten Egalia lieber mit Puppen als Fussball spielte, dies immer noch tut, wenn er in der Schule auf Kinder trifft, die nicht «genderneutral» aufgewachsen sind?
 
Viel wichtiger als Genderneutralität – aber auch viel wichtiger als die Betonung der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht – findet Cordelia Fine, dass man Kinder zu empathischen, aufmerksamen, kompromissbereiten und mutigen Menschen erzieht, unabhängig von ihrer Genderzugehörigkeit. Sie sagt: «Kinder ­sollen nicht weibliche oder männ­liche Qualitäten entwickeln, sondern menschliche!»

Bild: Adobe Stock

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