Entwicklung

Genderneutral erziehen – macht das Sinn?

In den USA wächst ein Kind namens Zoomer, von seinen Eltern medienwirksam inszeniert, «genderkreativ» auf. Und der erste genderneutrale Kindergarten in Stockholm kann sich vor Anmeldungen kaum retten. Sind das wichtige Schritte zu mehr Geschlechtergerechtigkeit – oder Experimente, unter denen Kinder zu leiden haben?
Text: Sandra Casalini 
Zoomer ist zwei Jahre alt und wohnt in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah. Seine Eltern Kyl Myers und Brent Courtney erziehen ihr Kind «gender­kreativ», wie sie es nennen. Welches biologische Geschlecht Zoomer hat, wissen nur die engsten Familienmitglieder.

«Wir bestreiten nicht, dass Zoomer XY- oder nur X-Chromosome hat», erklärt die Mama, Soziologin und Genderforscherin Kyl Myers. Aber sie und ihr Mann, ein Grafiker, möchten ihrem Kind in den ersten Lebensjahren die Gelegenheit geben, seine Identität fern von Rollenbildern zu entdecken und zu entwickeln.

Denn das Geschlecht sage nichts über die Persönlichkeit aus, so Kyl Myers. Statt mit «he» (er) oder «she» (sie) bezeichnen die Eltern das Kind mit «they» (sie, Plural). Myers und Courtney achten auf geschlechtsneutrale Kleidung und darauf, mit Spielzeug oder Büchern keine ­Stereotypen zu transportieren.

Diesem Prinzip folgt auch Egalia, der erste genderneutrale Kindergarten in der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Statt «Buben» oder «Mädchen» sind alle Kinder «Freunde», statt «hon» (sie) und «han» (er) wird der geschlechtsneutrale Kunstbegriff «hen» verwendet. 

Traditionelle Märchen sucht man in den Bücherregalen vergebens, da sie zu viele stereotype Rollenbilder vermitteln, und traditionelle Lieder werden auch mal geschlechtsneutral umgedichtet. Der Kindergarten hat ellenlange Wartelisten. In Schweden bemüht sich der Staat intensiv um Egalität: Seit 2008 wurden 12 Millionen Euro ausgegeben, um traditionellen Geschlechterrollen an Schulen und Kindergärten entgegenzuwirken. Genderperspektive, die Gleichberechtigung von Mann und Frau in allen gesellschaftlichen Bereichen, ist ein wichtiger Teil der Lehrerausbildung. 

Zweijährige Buben bevorzugen «Jungen-Spielzeug» nicht

Nicht, dass gegen solche Bemühungen etwas einzuwenden wäre, sagt der niederländische Neurologe Dick Swaab, der sich in seinen Büchern kritisch zu genderneutraler Erziehung äussert. «Natürlich ist es vollkommen in Ordnung, wenn Kinder Spielzeug oder Hobbys vorziehen, die normalerweise nicht mit ihrem Geschlecht assoziiert werden.» 

Auch gegen die in Schweden beliebten geschlechtsneutralen Spielzeugkataloge, in denen Buben in Spidermankostümen Puppenwagen herumstossen, hat er keine Einwände. «Aber es ist doch übertrieben, wenn man bei der Geburt eines Kindes nicht mehr fragen darf, ob es ein Bub oder ein Mädchen ist, weil das nicht relevant sei. Wenn Kinder neutrale Kleidung tragen und mit neutralen Spielsachen spielen sollen, entzieht man ihnen eine wichtige Quelle des Vergnügens», so der Neurologe, und: «Ich denke nicht, dass dies – vielleicht geschlechtsspezifisch bedingte – Vorlieben für ein Spielzeug verhindert.»

Diese Sorge teilt die kanadisch­britische Genderforscherin und Journalistin Cordelia Fine von der Universität Melbourne nicht. «Laut diversen Untersuchungen überschneiden sich die Spielzeuge, mit denen Mädchen und Jungen spielen, sowieso, und auch die Art, wie sie damit spielen.» So habe eine grosse Studie im Auftrag des Magazins «Child Development» im Jahr 2014 gezeigt, dass zweijährige Buben nicht öfter zu «Jungen-Spielzeug» griffen als Mädchen und letztere auch nicht öfter oder länger in «mädchenhafter» Art und Weise spielten als Knaben. 

Anzeige
0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.