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Entwicklung

Frau Zürrer-Simmen, leiden Teenies am Schönheitswahn?

Die Jugendpsychiaterin Susanna Zürrer-Simmen über pubertierende Jugendliche, falsche Vorbilder und das Hadern mit dem eigenen Körper.  
Interview: Silvia Aeschbach
Bilder: Vera Hartmann / 13 Photo

Frau Zürrer-Simmen, behandeln Sie in Ihrer Praxis heute mehr Jugendliche als früher, die ihrem Körper kritisch gegenüberstehen?

Die Fälle von Magersucht und Bulimie – schwerwiegende den Körper betreffende psychische Störungen – haben in den letzten Jahren in meiner Praxis nicht zugenommen. Aber klar, Kinder und Jugendliche setzen sich mit ihrem Körper kritisch auseinander, sind nicht immer zufrieden damit, was aber nicht gleichzusetzen ist mit Krankheit. Die Pubertät ist nun einmal eine umwälzende Phase, die durch Zweifel und Unsicherheiten geprägt ist. Teenager wollen sich und dem anderen Ge­schlecht gefallen, das ist heute nicht anders als früher. 
Susanna Zürrer-Simmen. Foto: zVg
Susanna Zürrer-Simmen. Foto: zVg

Jugendliche erleben doch mehr Druck bezüglich ihres Aussehens als früher.

Da bin ich mir nicht sicher. Eher habe ich das Gefühl, dass die Jugendlichen von heute einen lockereren Umgang mit ihrem Körper pflegen, als wir ihn damals hatten. Ich sehe beispielsweise oft Mädchen selbstbewusst der aktuellen Mode entsprechend hautenge Kleider tragen, egal wie ihre Figur ist. Die Toleranz das Aussehen betreffend scheint mir heute grösser als früher. Zudem dient das Aussehen ja nicht nur dazu, zu gefallen, sondern ist oft auch die Möglichkeit, sich zu positionieren, zu provozieren. 

Wir wollen doch alle perfekt sein. Besonders in den sozialen Medien wird die Perfektion geradezu zelebriert.

Das ist durchaus so. Man zeigt sich gerne von seiner besten und vorteilhaftesten Seite. Die Jugendlichen gehen mit ihrer Körperlichkeit zudem oft recht offen um, was auch eine potenzielle Gefährdung darstellt. Zum anderen aber können sie sich gegenseitig bestärken darin, was sie tun, wie sie sind und aussehen; man kann die eigenen Vorzüge hervorheben, was das eigene Selbstbild sogar stärken kann. 
«Viele Jugendliche verfügen heute über ein negatives Selbstbild, 
das nicht der Realität entspricht.»
Susanna Zürrer-Simmen

Und wenn ein Kind im Netz gemobbt wird?

Mobbing generell und speziell im Netz – mittels WhatsApp, Facebook und sogar im Klassenchat – ist ein Problem, das ich heute in meiner Praxis viel häufiger antreffe als früher. Die Inhalte sind dabei weit perfider, psychisch verletzender, manchmal massiv Angst auslösend, als es die Probleme mit dem «äusseren» Aussehen sind, wenngleich auch das Mobbingthemen sind. Die Erwachsenen, ob Eltern oder Lehrer, müssen in dieser Hinsicht wachsam sein, gut beobachten, hinhören.
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Stellen Sie einen Unterschied fest, wie Buben und Mädchen mit dem Thema Körper in der Pubertät umgehen?

Ich beobachte vor allem bei den Buben, dass sie gegenüber früher vermehrt auf ihren Körper achten, im Fitnessstudio trainieren und eine sportliche Figur wollen. Mädchen achten bewusster auf die Ernährung, viele essen zum Beispiel kein Fleisch. Aber ich sehe auch das genaue Ge­genteil. Jugendliche lassen sich gehen, konsumieren Fastfood, bewegen sich kaum, was ja ein zunehmendes gesellschaftliches Problem ist. Hier stelle ich keine Geschlechts­unterschiede fest. 

Vermitteln Sendungen wie «Germany’s Next Topmodel» ein falsches Körperbild?

Die Modewelt generell vermittelt falsche Körperbilder, was aber wenigstens auch öffentlich diskutiert und in Frage gestellt wird. Ich bin überzeugt, dass sich die Mehrheit der Jugendlichen nicht 1:1 mit diesen Idealen identifiziert. Gesunde Kinder sind sehr wohl in der Lage, sich abzugrenzen und ihre Vorbilder woanders zu suchen. Ich rate Eltern immer wieder, solche Sendungen gemeinsam mit den Kindern anzuschauen, um so ins Gespräch zu kommen. Das betrifft auch soziale Medien wie Instagram oder Facebook. Stellen Sie dem Kind Fragen dazu, zeigen Sie Interesse und kritisieren Sie nicht nur!

Wie äussert sich bei einem Kind oder bei einem Jugendlichen ein «krankes» Körperbild?

Gehe ich vom Schema dick/dünn aus, erleben sich viele Jugendliche als zu dick, was ja nicht per se ein Problem ist. Sie achten darauf, was sie essen, treiben mehr Sport. Die Körperveränderungen in der Pubertät bringen mit sich, dass der Körper mehr Rundungen aufweist und schwerer wird. Viele Jugendliche können das mit Stolz erleben. Pro­blematisch wird es, wenn eine «Diät» nicht endet. Das ist wie ein Langstreckenläufer, der übers Ziel hinaus einfach weiterrennt. Der Betroffene hat weiterhin das Gefühl, zu dick zu sein, und will immer weiter an Gewicht verlieren. Das kann dazu führen, dass er sich zunächst aus dem Familienleben, dann auch aus der Peergruppe zurückzieht, sich hauptsächlich mit Nahrung und Kalorien befasst und seiner Gesundheit ernsthaft schadet. Jugendliche können sich auch generell wertlos fühlen, nur weil sie nicht dem sogenannten Körperideal entsprechen. 

Wie arbeiten Sie mit Ihren jungen Patienten?

Ich versuche, die Sicht des betroffenen Jugendlichen kennenzulernen. Viele, die zu mir kommen, verfügen über ein negatives Selbstbild, das nicht der Realität entspricht beziehungsweise einseitig ist. Nicht nur die «Fassade des Körpers» macht sie aus, sondern viele andere Merkmale – wie sie denken, wie sie fühlen, wer sie sind, ihre speziellen Fähigkeiten und weitere Facetten ihrer Persönlichkeit. Ich erweitere so den Blickwinkel und versuche das Selbstbewusstsein des Kindes zu stärken, indem ich ihm helfe, seine individuellen Qualitäten zu erkennen. Gibt es konkrete Ursachen beziehungsweise Auslöser für ihre Schwierigkeiten, wie Mobbing, Schulschwierigkeiten, Probleme in der Familie, traumatische Erfahrungen, müssen diese natürlich angegangen werden, möglichst unter Einbezug der involvierten Erwachsenen. 

Das Hadern mit dem eigenen Körper gehört in der Pubertät dazu. Wann braucht es professionelle Hilfe?

Generell empfehle ich bei Veränderung des Verhaltens oder der Stimmung der Jugendlichen, die Eltern beunruhigen oder verunsichern, mit einer Fachperson zu sprechen, zum Beispiel zunächst mit dem Kinderarzt oder dem Hausarzt. Der wird dann eventuell eine kinderpsychiatrische beziehungsweise psychotherapeutische Behandlung veranlassen. Interventionen in einer frühen Phase sind meist kürzer als bei fortgeschrittenen gesundheitlichen Pro­blemen. Dazu stelle ich auch positiv fest, dass die Schwelle, sich Fachhilfe zu holen, heute niedriger ist als früher.

Zur Person:

Susanna Zürrer-Simmen ist Fachärztin FMH für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychiatrie in Wetzikon ZH.


1 Kommentar

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Von ingrid am 01.06.2016 18:08

Der Artikel gefällt mir sehr gut, weil er für mein Empfinden eine wirkliche und gute Hilfe für Eltern ist, nach dem Motto: 'Ruhe bewahren, hinhören, hinschauen, Nähe suchen und somit das Gespräch finden'. Das ist in meiner Wahrnehmung in meinem ehemaligen Kreis (vor 20 Jahren) meist das größere Problem für die Eltern gewesen, weil sie einfach den Kontakt verloren hatten, sich Ängste entwickelten aus der sich dann eine Hilflosigkeit ergab.
Noch einmal... ein guter Artikel.

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