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Entwicklung
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Welche Rolle kommt Vätern beim Thema Spielen zu? 

Väter sind manchmal weniger ängstlich. Die Bindungsforschung zeigt, dass die Frau und Mutter die emotionale Fürsorge auf das Kind überträgt. Der Vater fordert das Kind von Anfang an anders heraus. Er erwartet mehr vom Kind, er macht viel mehr Spiele, die weniger das beschützende Element beinhalten. Es ist für Kinder sehr wichtig, mit beiden Elementen erzogen zu werden. In der Konsequenz heisst es aber, dass Frauen akzeptieren müssen, dass es der Mann einfach anders macht als sie. Frauen sind manchmal schon sehr dominant in Erziehungsfragen.
Der Lieblingsort zum Spielen ist laut einer Studie die Natur. Kinder würden demnach Wald und Wiesen dem Spielplatz oder anderen künstlichen Anlagen vorziehen.
Der Lieblingsort zum Spielen ist laut einer Studie die Natur. Kinder würden demnach Wald und Wiesen dem Spielplatz oder anderen künstlichen Anlagen vorziehen.

Von Frauen wird aber auch viel erwartet. Eine gute Mutter sein, eine perfekte Ehefrau, Karriere machen, gut aussehen und dabei total entspannt sein. 

Das ist sehr richtig. Meine Generation hatte die Aufgabe, sich als Frauen zu emanzipieren. Aber ich hatte das Glück, mit 35 endlich studieren zu können und einen eigenen Weg zu gehen. Vielen Frauen war die berufliche Emanzipation hingegen verwehrt. Bei jungen Frauen stelle ich fest, dass sie sich als Frau enorm emanzipiert haben, als Mutter aber unter einem riesigen Druck stehen, weil sie zeigen müssen, dass sie alle Ansprüche erfüllen. Das erzeugt auch Angst, sich etwas vorwerfen lassen zu müssen. Deshalb gibt man innerfamiliär lieber nichts ab. Gatekeeping nennt man das. Möchte man aber eine wirklich gleichberechtigte Partnerschaft, muss man auch abgeben.

Wie lockt man einen Teenager hinaus zum freien Spiel? 

Wenn Sie ein Kind haben, das intrinsisch motiviert ist, also selber wählt, was es tun will, ist Ihre Aufgabe nur die, zu schauen, ob es im selbstgewählten Konstrukt funktioniert. Das spüren Sie als Mutter automatisch, sie wissen, ob es ihm gut geht. Wenn es ihm gut geht, schafft es sich die Inseln, die es braucht, selbst. Es geht mit Kollegen aus, macht Sport, trifft sich auf dem Pausenplatz oder schafft sich die Freiräume der Entspannung selbst.

Was ist mit den Kindern, die keine eigenen Ideen haben, denen nichts gefällt? 

Kinder, die keine intrinsische Motivation haben, sind eher problematisch. Wie sollten sie auch, wenn man ihnen immer alles vorgeschrieben hat! 
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Was ist zu tun? 

Wenn man im frühen Kindesalter verpasst hat, den Kindern Freiräume zu geben und auch eine konstruktive Langeweile anzubieten, ist es schwierig. In der Pubertät ist die Erziehung praktisch vorbei. Einem Teenager kann aber ein Verein gute Hilfe leisten.

Also sollen wir allen kleinen Kindern empfehlen: Geht raus, legt euch auf eine Wiese und schaut den Vögeln zu?

 Ja, genau. Vertrauen zu entwickeln in sich selber und in die Welt. Das wäre ein wichtiger Fokus von Elternbildungsprogrammen.

Zur Person:

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Margrit Stamm ist emeritierte Professorin an der Universität Freiburg und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Bern. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Begabung, der Qualität in der Berufsbildung und der Förderung von Migrantenkindern. Ihr Studium der Pädagogik, Psychologie und Soziologie begann die ausgebildete Primarlehrerin erst als 35-Jährige. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern und lebt mit ihrem Mann in Aarau.

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5 Kommentare

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Von helene am 27.12.2016 12:13

super bericht👌🏻

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Von Corinne am 24.09.2016 15:20

Sehr geehrte Frau Stamm, ich teile Ihre Ansichten durchaus. Aber können Sie mir sagen, wann eine 2. Klässlerin mit 27 Lektionen Schule, 40 bis 60 Minuten Hausaufgaben pro Tag plus Lernen für zwei Prüfungen pro Woche noch grossartig Zeit zum spielen hat? Klar, ich könnte ihr das geliebte zweistündige Hobby pro Woche streichen - aber ist das zielführend? Vielleicht sind ja auch die immensen Anforderungen, die die Schule heute stellt, an den von Ihnen geschilderten Zuständen schuld? Meine Tochter ist übrigens keine schlechte Schülerin. Wie das die schwächeren Kinder machen ist mir schleierhaft.

Von Corinna am 28.12.2016 13:16

27 Lektionen - nehme an, dass das 27 Stunden sind? Dann wären das nicht ganz 6 Stunden pro Tag, plus eine Stunde Hausübung, 30 Minuten lernen. Bleiben also 16 h, 30 min pro Tag übrig. Wenn ich zwölf Stunden Schlaf rechne (10 wahrscheinlich), bleiben noch immer 4 Stunden 30 Minuten.

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Von Hanspeter am 17.08.2016 20:08

Grossartig, dieser erfrischende und ermutigende Text! Das Verplanen der Freizeit mit Aktivitäten aller Art ist für ganze Familien ein Stress. Allerdings gibt es heute eine Gefahr, die das geplante Lenken der Freizeit noch übertrifft: der ungehemmte Dauerkonsum von elektronischen Botschaften bei Jugendlichen, manchmal auch schon bei jüngeren Kindern. Bei Kindern bis zur Unterstufe sollte dies aber noch nicht das grosse Thema sein. Die Schule selber ist leider nicht frei von der Vorstellung, man könnte das Lernen bestimmter Kompetenzen verpassen, wenn nicht möglichst früh mit gezieltem Lernen begonnen würde. Da müssten die Lehrerinnen und Lehrer mit pädagogischer Vernunft entgegenwirken. Die Gesellschaft ist dazu nur bedingt imstande, da ein immenser Druck aufgebaut wurde.

Von Corinna am 28.12.2016 13:19

"Da müssten Lehrerinnen und Lehrer mit pädagogischer Vernunft entgegenwirken". Ich kenne nur die Situation in Österreich, und da schwebt über allen Lehrern in der Grundschule (ab spätestens der dritten Stufe) das Damoklesschwert "Bildungsstandartsüberprüfung". Und wehe, die fällt schlecht aus - für den Lehrer nämlich. Schlecht heißt da unter dem Durschnitt der anderen Schulen in einem Bereich. Wenn ich will, dass Lehrer Druck nehmen, dann muss ich erst einmal den Lehrern den Druck nehmen. Wie heute Bildungspolitik läuft - das ist teilweise gegen jede pädagogische Vernunft.

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