Fabian Grolimund über bedingungslose Elternliebe
Entwicklung
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Beginnen Sie bei sich selbst

Wenn es uns nicht gelingt, unser Kind anzunehmen, wenn wir es trotz guter Vorsätze ausgeschimpft, angetrieben, kritisiert, bestraft oder zumindest mit Konsequenzen gedroht haben, ist das schlechte Gewissen nicht weit. 

In diesen Situationen können wir bei uns beginnen und lernen, uns selbst mit Empathie und unbedingter Wertschätzung zu begegnen. Anstatt uns Vorwürfe zu machen und uns als schlechte Mutter oder unfähigen Vater zu verurteilen, können wir uns selbst mit mehr Verständnis begegnen:

  • «Wenn ich unter Zeitdruck und gestresst bin, dann ärgere ich mich sehr, wenn mein Kind so lange braucht, bis es angezogen ist. Manchmal lasse ich mich dann zu Äusserungen hinreissen, die ich hinterher bereue.»
  • «Ich habe es mir so schön und harmonisch vorgestellt, wenn das zweite Kind da ist, und so darauf gehofft, dass sich Alina auf ihr Geschwisterchen freut, und jetzt ist sie so eifersüchtig. Ich bin richtig enttäuscht.»
  • «Jetzt war ich heute so wütend und habe so viel geschimpft. Ich fühle mich im Moment so überfordert und alleine gelassen.»
  • «Als Tobias mir diese schlechte Note gezeigt hat, habe ich richtig Angst bekommen! Ich habe mir gleich Sorgen um seine Zukunft gemacht. Deswegen habe ich so heftig reagiert.»
Wichtig ist, dass unsere Kinder merken, dass wir uns immer wieder bemühen, ihnen Liebe bedingungslos zu schenken.
Mit der Zeit bemerken wir immer schneller, welche eigenen Gefühle, Sorgen, manchmal auch Verletzungen aus der Kindheit hinter unseren Reaktionen stecken. Wir merken immer öfter, wo wir überreagieren und wo es hilfreicher wäre, eigene Erwartungen zu hinterfragen, anstatt vom Kind einzufordern, dass es sich an unsere Wünsche anpasst.

Damit uns die Forderung nach bedingungsloser Liebe nicht unter Druck setzt, können wir sie als Geschenk sehen, das wir unseren Kindern immer wieder machen. An manchen Tagen gelingt uns das ­besser, an anderen schlechter. Wichtig ist, dass unsere Kinder merken, dass wir uns immer wieder darum bemühen.

Fabian Grolimund

ist Psychologe und Buchautor («Mit Kindern lernen», «Vom Aufschieber zum Lernprofi»). Gemeinsam mit ­Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Der 40-Jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes, 6, und einer Tochter, 4. Er lebt mit seiner Familie in Fribourg. Die besten dieser Kolumnen finden Sie im neuen Buch «Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden».

www.mit-kindern-lernen.ch, www.biber-blog.com

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