Entwicklungspsychologe Moritz Daum: «Jugendliche können sich ihre eigenen Vorbilder aussuchen»
Entwicklung
Seite 2

Was halten Sie davon, wenn ­Jugendlichen Vorbilder «vorgesetzt» werden, zum Beispiel in öffentlichen Kampagnen? Wenn Olympiasieger gegen Gewaltfreiheit oder Musiker gegen Drogenkonsum werben – zeigt das Wirkung?

Mir fällt dazu eine immer wieder im Fussballstadion gemachte Beobachtung ein. Während eines Spiels kommt es vor, dass die Verantwortlichen des Heimvereins über die Stadionlautsprecher versuchen, die Fans zum Mitsingen eines bestimmten Liedes zu motivieren. Dieser Vorgang ist, zumindest unter den eingefleischten Fans, nicht wirklich beliebt. Als Fan beziehungsweise Fangruppe möchte man auf der Basis des Verlaufs des Spiels selbst entscheiden, ob und wenn ja welcher Gesang angestimmt wird. Das möchte man nicht vorgesetzt bekommen. Jugendliche sind da in ihrem Wunsch nach Autonomie und Selbstbestimmtheit durchaus vergleichbar. Eine Werbekampagne kann dabei den Nerv von Jugendlichen durchaus treffen, kann aber ebenso zu Abwehr und Ablehnung führen.

Jugendliche suchen sich ihre Vorbilder – welche Rolle spielt dabei ­Authentizität einschliesslich das Sichtbarmachen der eigenen ­Unvollkommenheiten?

Aus wissenschaftlicher Sicht zeigen Fehler und Unvollkommenheiten jenes Potenzial auf, das noch erreicht werden kann, und deuten darauf hin, dass nichts in Stein gemeisselt ist. Ein noch zu erreichendes Potenzial ist für die persönliche Entwicklung motivierend. Es schliesst mit ein, dass Eltern ihre Kinder loben. Dabei sollten Mütter und Väter die Dynamik der Veränderbarkeit in das Lob einbeziehen, etwa: «Du hast beim Tanzen diese Schrittfolge toll verbessert!», und dabei weniger auf den statischen Zustand hinweisen, wie: «Du bist eine tolle Tänzerin!».

Was macht den Unterschied?

Ersteres stellt die Veränderbarkeit stärker in den Vordergrund. Ich habe dazu eine interessante Unterhaltung mit meiner 13-jährigen Tochter geführt, die es gut findet, wenn sie Liveaufnahmen ihrer Lieblingsband sieht und es dabei vorkommt, dass einer den Text vergessen hat oder dieser falsch gesungen wird. Meine Tochter hat Authentizität als einen sehr wichtigen Aspekt beschrieben. Zum Abschluss noch eine Anekdote unseres Gesprächs: Ich fragte sie: «Möchtest du sein wie ich?» – «Nein.» – «Warum nicht?» – «Weil ich keinen Bock darauf hab.» – «Wie möchtest du denn sein?» – «Nicht normal.» – «Was heisst ‹nicht normal›?» – «Zum Beispiel auf dem Schiff leben und reisen und nicht den ganzen Tag am Computer arbeiten wie mein Vater im Homeoffice!»

Lesen Sie mehr zum Thema Jugendliche:

  • Vorbild sein: Will ich so werden?
    Kinder orientieren sich an Vorbildern, imitieren sie, grenzen sich ab – und finden so zur eigenen Identität. Eltern sind die ersten Leitplanken für Mädchen und Jungen. Doch wie werden Mütter und Väter als Vorbilder angenommen?

  • Wie Eltern Gene prägen
    Wie ein Kind sich entwickelt, hängt von einem komplexen Zusammenspiel zwischen seinen Erbanlagen und Umweltfaktoren ab. Darüber, wie gross der elterliche Einfluss dabei ist, gehen die Expertenmeinungen auseinander.

  • Vorbild bleiben – auch von Teenagern
    So können Eltern weiter Einfluss nehmen, wenn sich ihr Kind an anderen zu orientieren beginnt.

  • «Gemeinsam lachen hilft über vieles hinweg»
    Martina
    , 38, Fachfrau Langzeitpflege in der ­Alterspsychiatrie, und Martin Gerber, 40, Automobil­diagnostiker, leben mit ihren Söhnen Timo, 13, und Leo, 11, in Sumiswald BE. Sie wollen den Kindern beibringen, die eigene Meinung zu vertreten, aber auch Kompromisse einzugehen.

  • «Wir leben Respekt und Toleranz vor»
    Marcelle Graf
    , 38, ist Buchhalterin und Assistentin der Geschäftsleitung in einem Planerbüro. Der Vater ihrer Söhne Ariseo, 11, und Nelio, 9, wohnt auch in St. allen und ist trotz ­Trennung für die Kinder präsent.

  • «Meinen Eltern ist mein ganz persönliches Glück das Wichtigste»
    Julia Vincenz
    , 16, macht eine ­Ausbildung zur Fachfrau Betreuung und lebt mit ihren Eltern Martina Arpagaus und Curdin Vincenz, beide 47, sowie ihrem Bruder Florian, 14, in Zürich. Sie sagt, ihre Mutter habe ihr vorgelebt, immer sie selbst zu sein.

  • Dossier: Vorbild sein
    Auf der Suche nach einer eigenen Identität orientieren sich Kinder zunächst an den Eltern – und grenzen sich dann immer stärker von ihnen ab. Wie Müttern und Vätern das Vorbildsein gelingt, erfahren Sie in diesem Dossier.
Anzeige

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.