Vorbild sein: Will ich so werden?
Entwicklung

Vorbild sein: Will ich so werden?

Kinder orientieren sich an Vorbildern, imitieren sie, grenzen sich ab – und finden so zur eigenen Identität. Eltern sind die ersten Leitplanken für Mädchen und Jungen. Doch wie werden Mütter und Väter als Vorbilder angenommen?
Text: Birgit Weidt
Bilder: Joël Hunn
Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer.» Das sagt nicht etwa ein verzweifelter Vater, der gute Manieren vorlebt und diese nun flöten gegangen sieht. Nein, das rief Sokrates im 5. vorchristlichen Jahrhundert aus. Zu einer Zeit, als erstmals begonnen wurde, sich über die Erziehung von Kindern Gedanken zu machen. 
Im Teenageralter wird das Vorgelebte weiterentwickelt, ergänzt, abgewandelt oder verworfen. Dafür braucht es aber zunächst Vorgaben.
Am Thema Vorbild und am Wunsch, positive Spuren in der Erziehung zu hinterlassen, haben sich schon Generationen vor uns abgearbeitet. Leitfigur zu sein, hat es in sich, und wir sind es als Mutter und Vater automatisch, das hat die Natur so eingerichtet. Denn Kinder lernen von uns nicht nur die Sprache, sondern sämtliches Verhalten, indem sie es kopieren und nachahmen, indem sie lernen, wie man sich in bestimmten Situationen verhält. Es wird experimentiert, angepasst, nachgedacht, zunehmend auch hinterfragt. In den ersten Kinderjahren wird durch die Eltern ein Fundament gelegt, wenn auch der Einfluss von Geschwistern, Erzieherinnen und Erziehern, Lehrpersonen, Freunden mit ins Gewicht fällt.

Werte vermitteln zuerst die Eltern

Für eine Umfrage der UNICEF, in Auftrag gegeben unter anderem vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Humboldt-Universität zu Berlin, hat man von 6- bis 14-Jährigen wissen wollen: «Wer kann deiner Meinung nach Kindern und Jugendlichen am besten Werte vermitteln?» An erster Stelle nannten die befragten Mädchen und Jungen ihre Eltern, an zweiter die Grosseltern und andere Verwandte, an dritter Lehrpersonen, Erzieher und Erzieherinnen  –  erst ganz zum Schluss die Medien.
 
Einflüsse durch das soziale Umfeld spielen für Kinder zunächst eine untergeordnete Rolle, was sich im Teenageralter zunehmend ändert, wenn das Vorgelebte weiterentwickelt, ergänzt, abgewandelt oder verworfen wird. Doch damit das passieren kann, braucht es zunächst Vorgaben. 
Gemeinsame Unternehmungen stärken die Beziehung: Familie Gerber aus Sumiswald BE. Lesen Sie ihre Erzählung: «Gemeinsam lachen hilft über vieles hinweg»
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Wie stark Kinder von Vorbildern lernen und durch sie sozialisiert werden, wurde in der Vergangenheit deutlich unterschätzt, schrieb der renommierte Schweizer Kinderarzt Remo Largo in seinem Bestseller «Babyjahre». Und nicht nur das: Kinder orientieren sich weit weniger an dem, was Eltern und Bezugspersonen von ihnen verlangen, als vielmehr an dem, was sie von diesen konkret vorgelebt bekommen. Eltern hätten daher die anspruchsvolle Aufgabe, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen und sich zu überlegen, wie sie als Vorbilder auf ihre Kinder wirkten, so Largo.
  
Und auch der dänische Familientherapeut Jesper Juul beschäftigte sich in seiner Arbeit mit der elterlichen Vorbildrolle. «Kinder werden mit grosser Weisheit geboren, aber ihnen fehlen praktische Lebenserfahrungen, ein Überblick und die Fähigkeit vorauszudenken. Um ­diese Kompetenzen zu erlangen, brauchen sie Erwachsene.»

Juul prägte mit seinem gleichnamigen Buch von 2016 den Begriff «Leit­wölfe sein». Leitwölfe zeigen, was in der Familie und in der sozialen Gemeinschaft wichtig ist. Sie sind die Meister, sie demonstrieren, wie man was angeht, wie man mutig ist. Sie norden den Kompass für das, was richtig und was falsch ist und wie sich ein Ziel erreichen lässt.
 
Doch wie wird man zu einem guten Vorbild, einem Leitwolf oder einer Leitwölfin? Wie weit reicht der eigene Einfluss und wie bleiben Mütter und Väter in Kontakt mit ihren Kindern, wenn andere Vorbilder in den Fokus rücken? 
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<div>Auf der Suche nach einer eigenen Identität orientieren sich Kinder zunächst an den Eltern – und grenzen sich dann immer stärker von ihnen ab. <strong>Wie Müttern und Vätern das Vorbildsein gelingt, erfahren Sie im </strong><a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/vorbild-sein"><strong>Online-Dossier </strong><strong><em>«</em></strong><strong>Vorbild sein</strong><strong><em>»</em></strong></a><strong>.</strong></div>
Auf der Suche nach einer eigenen Identität orientieren sich Kinder zunächst an den Eltern – und grenzen sich dann immer stärker von ihnen ab. Wie Müttern und Vätern das Vorbildsein gelingt, erfahren Sie im Online-Dossier «Vorbild sein».

Kinder wollen authentische Eltern

«Du willst dich immer als Held darstellen, der alles im Griff hat. Doch das ist nicht so!», sagt Tina aus Winterthur zu ihrem Vater, der als Manager in der Automobilbranche arbeitet und dessen Lieblingsspruch sie total nervt: «Es gibt nur Lösungen, keine Probleme.» Die 13-Jährige rollt jedes Mal mit den Augen, wenn sie das hört. Ihre Rückmeldung fordert den Vater auf: Zeig dich! Auch mit deinen Schwachstellen! Für Tina ist ein gutes Vorbild «jemand, der so ist, wie er eben ist».

Der 12-jährige Johannes aus Bern findet, «dass Erwachsene nicht immer gute Vorbilder sind. Meine Mutter sagt, dass ich nicht lügen soll, doch merke ich genau, wann sie nicht die Wahrheit sagt. Sie raucht heimlich auf dem Balkon, doch streitet es ab. Dabei rieche ich es!» Er weiss, dass seine Mutter als Krankenschwester einen stressigen Job hat und sie raucht, um sich zu beruhigen. Es macht ihn wütend, dass sie das nicht zugeben kann. Solche Aussagen machen deutlich: Es geht Kindern nicht darum, perfekte, starke oder makellose Eltern vor sich zu haben. 
Was macht eine Mutter zur Leitwölfin? Marcelle Graf und ihre Söhne Ariseo (oben) und Nelio. Lesen Sie ihre Erzählung: «Wir leben Respekt und Toleranz vor»
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Selbst die Kleinsten haben ein Gespür für Unwahrheiten und durchschauen Theaterspielen. Jeder von uns verhält sich zuweilen widersprüchlich und macht Fehler, und auch das zu begreifen ist wichtig für die kindliche Entwicklung. Denn wer zeigt, dass er eigene Unzulänglichkeiten wahrnimmt und zu korrigieren versucht, ist ein wahrhaftiger Lehrmeister. Auch wenn man damit älteren Kindern und Jugendlichen Angriffsflächen bietet und zur Stellungnahme herausgefordert wird, sollten Eltern sich nicht wegducken. Glaubwürdig, wahrhaftig aufzutreten, sich nicht zu verstellen, das kommt an. So weiss der Nachwuchs, dass uns mal was nicht gelingt, und merkt, dass wir Eltern dazu stehen und versuchen, es anders und besser zu machen. Um es mit den Worten des deutschen Erziehungsexperten Jan-Uwe Rogge zu sagen: «Authentische, spontane Eltern, die auch mal Fehler machen, sind das, was Kinder eigentlich wollen. Eltern aus Fleisch und Blut, mit eigenen Interessen und Werten. Denn nur wenn es uns als Eltern gut geht und wir uns in unserem Leben wohlfühlen, geht es auch den Kindern gut.»

Vorbildlich wirkt, was wir ­unabsichtlich tun

Die deutsche Erziehungswissenschaftlerin Ursula Frost von der Universität Köln sagt, dass wir «im Wesentlichen Vorbilder durch das sind, was wir unabsichtlich tun. Daher kommt es mehr auf die ganze Person als auf einzelne Absichten an. Das Verhältnis unserer Absichten zu der Weise, wie wir leben, gibt den Ausschlag.» Ihrer Meinung nach wird Erziehung gerade dann wirksam, wenn ihre Wirksamkeit nicht als Technik, als berechneter Einfluss auf ein erwünschtes Verhalten verstanden wird.
Wer zeigt, dass er eigene Unzulänglichkeiten sieht und zu korrigieren versucht, ist ein wahrer Lehrmeister.
Es ist einfach so: Kinder fordern uns heraus, Stellung zu beziehen und uns nicht drum herumzu­mogeln, auch wenn wir erschöpft sind und so gar keinen Nerv für Diskussionen haben. Gerade dann werden wir besonders sichtbar. Natürlich sind wir uns der Vorbildwirkung bewusst, doch der Alltag erweist sich nicht selten als Gegenspieler. Beruflich und im Familienalltag stark eingebunden, ist es nicht immer leicht, Leuchtturm im tosenden Meer ständiger Herausforderungen zu sein. In solchen Fällen sollten wir signalisieren, dass wir müde, ratlos, genervt oder wütend sind. Kinder brauchen keine Superstars als Eltern, sondern Menschen, die wie sie auch Erfahrungen machen. Sie suchen Begleiter, die durchaus mühsam nach Lösungen suchen. Das schafft Nähe, Vertrauen und macht interessant.
 
Juul spricht davon, sich auf Augenhöhe mit seinen Kindern zu begeben. Wer dabei Angst hat, sich eventuell klein zu machen, dem sagt er deutlich: «Authentisch sein und Autorität zu besitzen, ist kein Widerspruch!» Er plädiert für eine Beziehung, in der die Gedanken, die Reaktionen, die Gefühle, das Selbstbild, die Träume und die innere Wirklichkeit des Kindes genauso ernst genommen werden wie die der Erwachsenen. «Die Führungsrolle bleibt nach wie vor bei den Eltern, aber wenn sie ihre Kinder als gleichwürdig wahrnehmen, ihre individuellen Eigenschaften respektieren und ihre Wünsche und Bedürfnisse bei ihren Entscheidungen berücksichtigen, wird die Qualität dieser Führung entscheidend verbessert.»

Verlässliche Strukturen geben dem Kind Sicherheit

Familienrituale und verlässliche Strukturen erleichtern den Tagesablauf und geben eine Grundordnung, die es Kindern erleichtert, sich zu orientieren, Regeln zu verinnerlichen und sich an diese zu halten. Wiederholungen verfestigen dies, ohne dass man immerzu alles erklären und ausdiskutieren muss. Dafür bedarf es jedoch der Selbstdisziplin. Ein Beispiel: Wer stets selbst einen Velohelm aufsetzt, kann es Kindern leichter vermitteln, warum dieser notwendig ist. Wer zum Essen das Handy weglegt, kann das besser von den anderen in der Familie einfordern. Kinder bekommen genau mit, was Mutter und Vater wichtig ist und wie sie es umsetzen. Es bedarf oftmals einer guten Portion Durchhaltevermögen, um in der nicht abreissenden Geschäftigkeit und den permanenten Herausforderungen des Alltags nicht einzuknicken.
Kinder profitieren davon, wenn sie beobachten, wie Mutter und Vater sich manchmal anstrengen, um ihre Vorgaben einzuhalten.
Selbstdisziplin ist eine Eigenschaft, die uns nicht angeboren ist, die wir erlernen müssen. Kinder brauchen Strukturen und profitieren auch davon, wenn sie beobachten, wie Mutter oder Vater sich manchmal anstrengen, um ihre Vorgaben trotz Erschöpfung und Zeitmangel nicht zu vernachlässigen oder über den Haufen zu werfen. «Zeigt euren Kindern, wie ihr schwitzt», forderte die Schulleiterin des 12-jährigen Johannes an einem Elternabend. «Unsere Kinder sollten altersgerecht am Leben der Erwachsenen teilnehmen und beobachten können, vor welchen Herausforderungen wir stehen.» Allzu oft bekommen Mädchen und Jungen in Kita und Schule beigebracht, dass die Grossen alles bereits perfekt beherrschen. So treten Erwachsene mit dem Ergebnis an, ohne den Weg aufzuzeigen. Da fehlt ein Stück der zu schaffenden Strecke, und manchmal könnte die Vermutung aufkommen, dass den Eltern alles leichtfällt.
Vertrauen statt Kontrolle: Martina Arpagaus und ihre Tochter Julia Vincenz. Lesen Sie ihre Erzählung: «Meinen Eltern ist mein ganz persönliches Glück das Wichtigste»
Vertrauen statt Kontrolle: Martina Arpagaus und ihre Tochter Julia Vincenz. Lesen Sie ihre Erzählung: «Meinen Eltern ist mein ganz persönliches Glück das Wichtigste»
Kinder lernen am Modell Familie. «Ich schaue mir an, wie Mama und Papa miteinander umgehen», sagt Tina. «Mich interessiert: Wer bestimmt wann? Und hören sie aufeinander? Ich beobachte, wie sich Papa kleidet, was für Sport er macht und ob Mama auch anderes im Kopf hat als ihren Job!»

Ob Kinder Bücher lesen oder ununterbrochen das Handy nutzen, wird grösstenteils in der Familie vorgelebt. Doch haben Eltern nicht alles in der Hand. Ab dem Primarschulalter erringen Internet und Smartphone einen grös­seren Stellenwert. Erwachsene sind herausgefordert, Kindern beim Umgang mit den digitalen Medien zur Seite zu stehen, sie zu lehren, wie man mit den abertausenden Angeboten und Möglichkeiten umgeht, ohne überflutet zu werden.

Zunächst sind Mutter und Vater die Fixsterne am Horizont kindlicher Beobachtung. In der Pubertät sinkt der Einfluss, da orientieren sich Teenager zunehmend an ihrer Peergroup, ebenso an Leitfiguren aus Büchern und Filmen, Musikgruppen und Sportvereinen. Vor allem gewinnen heute Idole aus Instagram und Youtube an Bedeutung. Das geht nicht selten einher mit einer Abkehr von elterlichen Werten. So rauft sich Papa oder Mama zuweilen die Haare und denkt: «Also von mir kann er das nicht haben!»

Eltern müssen andere Vorbilder nicht mögen, aber akzeptieren

Es ist oftmals schwer nachzuvollziehen, warum bestimmte Youtuber auserwählt wurden, um sich dann genauso zu kleiden, zu frisieren, sich zu geben wie sie. Jugendliche suchen sich oftmals Stars und Sternchen, die den Vorstellungen der Eltern so gar nicht entsprechen. Das ist zuweilen eine grosse Herausforderung, tun sich da doch oft Gräben auf zwischen den eigenen Werten und den medial oder real ins Haus flatternden. Man muss die neuen «Leuchttürme» nicht mögen, sie nicht toll finden, sondern akzeptieren, dass sie im Leben der Kinder eine Rolle spielen. Akzeptieren bedeutet ja nicht, dass Mutter und Vater es gutheissen müssen, nun die Zügel aus der Hand zu geben. «Führung bedeutet in diesem Fall, sich auf die Teenager einzulassen, ihre Sicht verstehen zu wollen. Also nicht Befehl, Kontrolle und Gehorsam, sondern begleiten, zur Verfügung stehen», sagt der deutsche Familienexperte und Buchautor Mathias Voelchert.
 
Bei aller Abnabelung ist es gerade in dieser Phase wichtig, in Kontakt zu bleiben. Klug ist, Standpauken oder Vorhaltungen zu vermeiden, damit es nicht zu Abkehr und Provokationen kommt und die Fronten sich verhärten. Schliesslich ist es ein Irrtum, zu glauben, dass der Nachwuchs Lebenskonzept und Wertvorstellungen der Eltern eins zu eins aufnimmt und umsetzt. Es kann das Gegenteil eintreten. Besonders, wenn Erwachsene sich selbst oder andere als positives Vorbild anpreisen. Das irritiert Kinder und Jugendliche, und nicht selten distanzieren sie sich davon und streben genau nach dem, was verhindert werden sollte. Wer zum Beispiel strikt auf Pünktlichkeit setzt, erlebt möglicherweise, dass der Teenager bei Verabredungen durchaus oder sogar absichtlich zu spät kommt. 
Auch der grosse Bruder kann ein Vorbild sein: Ariseo, 11, und Nelio Graf, 9.  Lesen Sie ihre Erzählung: «Wir leben Respekt und Toleranz vor»
Auch der grosse Bruder kann ein Vorbild sein: Ariseo, 11, und Nelio Graf, 9.
Lesen Sie ihre Erzählung: «Wir leben Respekt und Toleranz vor»
«Hilfreich ist, mit dem Kind herauszufinden, was hinter einem bestimmten Verhalten steht, das heisst, dem Kind Verständnis entgegenzubringen, ohne es einfach in der negativen Entwicklung gewähren zu lassen», sagt Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie und Kommunikationswissenschaft an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und an der Universität Zürich. «Kinder gehorchen den Eltern ja in der Regel nicht, weil sie Strafen fürchten, sondern weil sie die gute Beziehung zu Mutter und Vater aufrechterhalten wollen. Eltern sollten mit ihren Kindern weiterhin gemeinsam etwas unternehmen, aber ihnen auch Freiräume anbieten, wo sie ihre Stärken und Interessen entfalten können, ohne sich dabei zu gefährden.»
Überbehütete oder autoritär überwachte Jugendliche werden meist ängstlich oder rebellisch. Es braucht einen Mittelweg, der ein Ausbrechen zulässt.
Teenager brauchen Regeln, doch im Unterschied zu den Festlegungen in den Kinderjahren «sollten sie gemeinsam ausgehandelt und nicht einfach diktiert werden», so Süss. «Die Jugendlichen müssen sich ernst genommen fühlen und dabei gefördert werden, Selbstverantwortung zu übernehmen. Kinder halten Regeln nicht immer ein, Jugendliche erst recht nicht – das gehört zur gesunden Entwicklung von Autonomie.» Überbehütete oder autoritär überwachte Jugendliche übrigens werden meist ängstlich oder rebellisch. Es braucht also einen Mittelweg, der ein Ausbrechen aus dem Alltag zulässt. Es hilft den Teenies, wenn sie spüren, dass ihre Eltern als sicherer Hafen für sie da sind und mit ihnen im Dialog bleiben.

Schenken Sie Ihren Kindern die volle Aufmerksamkeit

Wissenschaftler wie der Soziologe und Genetiker Michael Shanahan vom Jacobs Center for Productive Youth Development der Universität Zürich betonen, dass die sozialen Umstände und Umwelteinflüsse ausschlaggebend für die kindliche Entwicklung sind. Er rät Eltern, wenn nötig ihren Alltagsstress zu minimieren und im Hinblick auf ihre Kinder nicht nur anwesend, sondern wirklich präsent zu sein.
Welchen Weg das Kind einschlägt, können Mutter und Vater kaum steuern und nicht vorherbestimmen.
Das ist oft nicht leicht, sind Eltern doch häufig unter Druck, es gibt immer etwas zu erledigen, es gibt ständig etwas zu tun, nicht nur der Job lässt einen nach Feierabend gedanklich nicht los, sondern auch der gesamte Familienalltag muss geplant und organisiert werden. Da gilt es Hausaufgaben im Blick zu behalten, aufzuräumen, zu kochen, sauberzumachen. Und zwischendurch beinahe reflexartig der Blick aufs Handy, auch in der Zeit, in der man mit den Kindern zusammen ist. «Doch Mutter und Vater sollten vollends da sein», sagt Allan Guggenbühl, Leiter der Abteilung für Gruppenpsychotherapie für Kinder und Jugendliche an der kantonalen Erziehungsberatung der Stadt Bern und Direktor des Instituts für Konfliktmanagement in Zürich, «auch wenn es für Erwachsene manchmal langweilig ist, auf dem Spielplatz oder im Kinderzimmer zu sein. Die Mädchen und Jungen bringen sich über Spiele und Blödeleien ein und erfahren so sich und ihre Umwelt. Nicht immer ist uns diese Welt zugänglich, doch sollten wir die Chance nutzen, um gemeinsam in den Flow zu kommen.» Das entspannt und schafft Nähe.

Aber nicht nur die eigenen Eltern können im Leben eines Kindes entscheidende Vorbilder sein, die Auswahl ist grösser. Allan Guggenbühl ist diesbezüglich der Auffassung, dass wir als Mutter und Vater zwar die Richtung vorgeben können, doch welcher Weg eingeschlagen wird, lässt sich kaum steuern und nicht vorherbestimmen: «Jedes Kind hat seine innere Welt, noch unerforscht, undurchsichtig zuweilen wie ein Dschungel. Die innere Welt ist ein Mysterium, Kinder und Jugendliche müssen sich erst kennenlernen, sind auf der Suche. Es gibt Emotionen und Leidenschaften, die sie noch nicht nachvollziehen können, mal fühlen sie so, dann wieder ganz anders. Jeder Tag ist eine Herausforderung, und es braucht Unterstützung, um all das zu meistern.»

Vertrauen Sie Ihrem Kind

Vorbild zu sein, ist schön und anstrengend zugleich: «Im Grunde machen Kinder mit ihren Eltern eine Art Psychoanalyse», so Guggenbühl. «Das geht in die Tiefe und bringt uns weiter! Denn nicht nur die Kinder reifen an unserer Seite heran, sondern auch wir entwickeln uns weiter.»
Familie mit Blick fürs Positive: Leo und Mutter Martina (oben), Vater Martin und Timo Gerber. Lesen Sie ihre Erzählung: «Gemeinsam lachen hilft über vieles hinweg»
Familie mit Blick fürs Positive: Leo und Mutter Martina (oben), Vater Martin und Timo Gerber. Lesen Sie ihre Erzählung: «Gemeinsam lachen hilft über vieles hinweg»
Und letztendlich braucht es auch das elterliche Vertrauen in das eigene Kind und die Grundhaltung: «So wie du bist, bist du genau richtig – und du wirst deinen Weg gehen.»

Buchtipps:

Anna Maria Kalcher und Karin Lauermann: Vorbilder. Erziehen wohin?  Anton Pustet 2014, 128 Seiten, ca. 31 Fr.   Aufsatzsammlung mit Beiträgen aus unterschiedlichen Disziplinen wie Erziehungswissenschaft, Psychologie, Jugendforschung und Soziologie.
Anna Maria Kalcher und Karin Lauermann: Vorbilder. Erziehen wohin?
Anton Pustet 2014, 128 Seiten, ca. 31 Fr.
 
Aufsatzsammlung mit Beiträgen aus unterschiedlichen Disziplinen wie Erziehungswissenschaft, Psychologie, Jugendforschung und Soziologie.
Jesper Juul: Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie.  Beltz 2016, 232 Seiten, ca. 28 Fr.   Plädoyer des dänischen Familienexperten für ein zeitgemässes Autoritätsverständnis, das auf liebevoller Führung basiert: Kinder brauchen klare Signale der Eltern, um sich im Dickicht des Lebens zurechtzufinden.
Jesper Juul: Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie.
Beltz 2016, 232 Seiten, ca. 28 Fr.
 
Plädoyer des dänischen Familienexperten für ein zeitgemässes Autoritätsverständnis, das auf liebevoller Führung basiert: Kinder brauchen klare Signale der Eltern, um sich im Dickicht des Lebens zurechtzufinden.
Mathias Voelchert: Liebevolle elterliche Führung.  Beltz 2017, 272 Seiten, ca. 27 Fr.   Statt zu erziehen, rät der Autor Eltern, einen Garten von Möglich­keiten anzulegen, in dem Kinder wachsen können. Haupt­aufgabe sei dabei, wichtige Werte ehrlich und geradlinig vorzuleben.
Mathias Voelchert: Liebevolle elterliche Führung.
Beltz 2017, 272 Seiten, ca. 27 Fr.
 
Statt zu erziehen, rät der Autor Eltern, einen Garten von Möglich­keiten anzulegen, in dem Kinder wachsen können. Haupt­aufgabe sei dabei, wichtige Werte ehrlich und geradlinig vorzuleben.

Birgit Weidt ist Journalistin und Buchautorin und lebt in Berlin. Die Mutter einer erwachsenen Tochter sieht im Nachhinein deutlicher, wie wirksam das Vorleben der eigenen Werte ist, zusätzlich zu den Erklärungen. Jetzt, da ihre Tochter selbst ein Kind hat, spiegelt sich viel von dem wider, was ihr als Mutter einst am Herzen lag. Neulich fragte ihre Tochter: «Das war doch nicht immer einfach, die eigene Vision vorzuleben und mit mir auszudiskutieren und Widerstand zu erleben?» Da merkte sie, dass sie die strengen Zeiten und Momente (fast) vergessen hat. Geblieben ist das Glück, vieles weitergegeben zu haben.

Lesen Sie mehr zum Thema Vorbilder:

  • «Jugendliche können sich ihre eigenen Vorbilder aussuchen»
    Der Entwicklungspsychologe Moritz Daum sagt, dass bei der Vorbildsuche älterer Kinder Äusserlichkeiten nicht wichtiger sein müssen als innere Werte. Wesentlich sei für die Orientierung Heranwachsender die Zugehörigkeit zu einer Gruppe.

  • Wie Eltern Gene prägen
    Wie ein Kind sich entwickelt, hängt von einem komplexen Zusammenspiel zwischen seinen Erbanlagen und Umweltfaktoren ab. Darüber, wie gross der elterliche Einfluss dabei ist, gehen die Expertenmeinungen auseinander.

  • Vorbild bleiben – auch von Teenagern
    So können Eltern weiter Einfluss nehmen, wenn sich ihr Kind an anderen zu orientieren beginnt.

  • «Gemeinsam lachen hilft über vieles hinweg»
    Martina
    , 38, Fachfrau Langzeitpflege in der ­Alterspsychiatrie, und Martin Gerber, 40, Automobil­diagnostiker, leben mit ihren Söhnen Timo, 13, und Leo, 11, in Sumiswald BE. Sie wollen den Kindern beibringen, die eigene Meinung zu vertreten, aber auch Kompromisse einzugehen.

  • «Wir leben Respekt und Toleranz vor»
    Marcelle Graf
    , 38, ist Buchhalterin und Assistentin der Geschäftsleitung in einem Planerbüro. Der Vater ihrer Söhne Ariseo, 11, und Nelio, 9, wohnt auch in St. allen und ist trotz ­Trennung für die Kinder präsent.

  • «Meinen Eltern ist mein ganz persönliches Glück das Wichtigste»
    Julia Vincenz
    , 16, macht eine ­Ausbildung zur Fachfrau Betreuung und lebt mit ihren Eltern Martina Arpagaus und Curdin Vincenz, beide 47, sowie ihrem Bruder Florian, 14, in Zürich. Sie sagt, ihre Mutter habe ihr vorgelebt, immer sie selbst zu sein.

  • Dossier: Vorbild sein
    Auf der Suche nach einer eigenen Identität orientieren sich Kinder zunächst an den Eltern – und grenzen sich dann immer stärker von ihnen ab. Wie Müttern und Vätern das Vorbildsein gelingt, erfahren Sie in diesem Dossier.

1 Kommentar

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Von Franz Josef am 01.07.2021 15:22

Wir sehen das immer noch zu "kopflastig" und schauen uns die Prozesse noch zu sehr vom Bewusstsein her an. Die Entscheidung und die Steuerung des Lebens findet VOM UNBEWUSSTEN her statt.
Wenn wir uns selbst als Vorbild beobachten, können wir wahrnehmen, wie unser Vorbild in durchaus eigener Wechselwirkung mit den Vorbildkräften steht. Da passiert eine Kommunikation, die wir mit dem bewussten Verstand nur punktuell und keineswegs nur an den wichtigen Punkten wahrnehmen.
Das heißt wir müssten uns an einen immer wieder neuen Umgang mit dem UNBEWUSSTEN herantasten, um uns immer mehr BEWUSST WERDEN ZU LASSEN, was wir uns viel zu schnell bewusst zurechtinterpretieren nach unserem - BESCHRÄNKTEN BEWUSSTEN Wissensstand.
Das Unbewusste wüsste nämlich an dem Punkt noch weiter, und wenn wir lernen, mit ihm gut umzugehen, erweitert das einfach unsere Möglichkeiten dahin, wo wir sonst nicht hinkommen.
Coués Autosuggestion ist eine praktische Lernmöglichkeit dafür, außer wir beschränken uns auch hier auf die bewussten Techniken. Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe

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