Vorbild sein: Will ich so werden?
Entwicklung
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Schenken Sie Ihren Kindern die volle Aufmerksamkeit

Wissenschaftler wie der Soziologe und Genetiker Michael Shanahan vom Jacobs Center for Productive Youth Development der Universität Zürich betonen, dass die sozialen Umstände und Umwelteinflüsse ausschlaggebend für die kindliche Entwicklung sind. Er rät Eltern, wenn nötig ihren Alltagsstress zu minimieren und im Hinblick auf ihre Kinder nicht nur anwesend, sondern wirklich präsent zu sein.
Welchen Weg das Kind einschlägt, können Mutter und Vater kaum steuern und nicht vorherbestimmen.
Das ist oft nicht leicht, sind Eltern doch häufig unter Druck, es gibt immer etwas zu erledigen, es gibt ständig etwas zu tun, nicht nur der Job lässt einen nach Feierabend gedanklich nicht los, sondern auch der gesamte Familienalltag muss geplant und organisiert werden. Da gilt es Hausaufgaben im Blick zu behalten, aufzuräumen, zu kochen, sauberzumachen. Und zwischendurch beinahe reflexartig der Blick aufs Handy, auch in der Zeit, in der man mit den Kindern zusammen ist. «Doch Mutter und Vater sollten vollends da sein», sagt Allan Guggenbühl, Leiter der Abteilung für Gruppenpsychotherapie für Kinder und Jugendliche an der kantonalen Erziehungsberatung der Stadt Bern und Direktor des Instituts für Konfliktmanagement in Zürich, «auch wenn es für Erwachsene manchmal langweilig ist, auf dem Spielplatz oder im Kinderzimmer zu sein. Die Mädchen und Jungen bringen sich über Spiele und Blödeleien ein und erfahren so sich und ihre Umwelt. Nicht immer ist uns diese Welt zugänglich, doch sollten wir die Chance nutzen, um gemeinsam in den Flow zu kommen.» Das entspannt und schafft Nähe.

Aber nicht nur die eigenen Eltern können im Leben eines Kindes entscheidende Vorbilder sein, die Auswahl ist grösser. Allan Guggenbühl ist diesbezüglich der Auffassung, dass wir als Mutter und Vater zwar die Richtung vorgeben können, doch welcher Weg eingeschlagen wird, lässt sich kaum steuern und nicht vorherbestimmen: «Jedes Kind hat seine innere Welt, noch unerforscht, undurchsichtig zuweilen wie ein Dschungel. Die innere Welt ist ein Mysterium, Kinder und Jugendliche müssen sich erst kennenlernen, sind auf der Suche. Es gibt Emotionen und Leidenschaften, die sie noch nicht nachvollziehen können, mal fühlen sie so, dann wieder ganz anders. Jeder Tag ist eine Herausforderung, und es braucht Unterstützung, um all das zu meistern.»

Vertrauen Sie Ihrem Kind

Vorbild zu sein, ist schön und anstrengend zugleich: «Im Grunde machen Kinder mit ihren Eltern eine Art Psychoanalyse», so Guggenbühl. «Das geht in die Tiefe und bringt uns weiter! Denn nicht nur die Kinder reifen an unserer Seite heran, sondern auch wir entwickeln uns weiter.»
Familie mit Blick fürs Positive: Leo und Mutter Martina (oben), Vater Martin und Timo Gerber. Lesen Sie ihre Erzählung: «Gemeinsam lachen hilft über vieles hinweg»
Familie mit Blick fürs Positive: Leo und Mutter Martina (oben), Vater Martin und Timo Gerber. Lesen Sie ihre Erzählung: «Gemeinsam lachen hilft über vieles hinweg»
Und letztendlich braucht es auch das elterliche Vertrauen in das eigene Kind und die Grundhaltung: «So wie du bist, bist du genau richtig – und du wirst deinen Weg gehen.»
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Buchtipps:

Anna Maria Kalcher und Karin Lauermann: Vorbilder. Erziehen wohin?  Anton Pustet 2014, 128 Seiten, ca. 31 Fr.   Aufsatzsammlung mit Beiträgen aus unterschiedlichen Disziplinen wie Erziehungswissenschaft, Psychologie, Jugendforschung und Soziologie.
Anna Maria Kalcher und Karin Lauermann: Vorbilder. Erziehen wohin?
Anton Pustet 2014, 128 Seiten, ca. 31 Fr.
 
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Jesper Juul: Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie.  Beltz 2016, 232 Seiten, ca. 28 Fr.   Plädoyer des dänischen Familienexperten für ein zeitgemässes Autoritätsverständnis, das auf liebevoller Führung basiert: Kinder brauchen klare Signale der Eltern, um sich im Dickicht des Lebens zurechtzufinden.
Jesper Juul: Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie.
Beltz 2016, 232 Seiten, ca. 28 Fr.
 
Plädoyer des dänischen Familienexperten für ein zeitgemässes Autoritätsverständnis, das auf liebevoller Führung basiert: Kinder brauchen klare Signale der Eltern, um sich im Dickicht des Lebens zurechtzufinden.
Mathias Voelchert: Liebevolle elterliche Führung.  Beltz 2017, 272 Seiten, ca. 27 Fr.   Statt zu erziehen, rät der Autor Eltern, einen Garten von Möglich­keiten anzulegen, in dem Kinder wachsen können. Haupt­aufgabe sei dabei, wichtige Werte ehrlich und geradlinig vorzuleben.
Mathias Voelchert: Liebevolle elterliche Führung.
Beltz 2017, 272 Seiten, ca. 27 Fr.
 
Statt zu erziehen, rät der Autor Eltern, einen Garten von Möglich­keiten anzulegen, in dem Kinder wachsen können. Haupt­aufgabe sei dabei, wichtige Werte ehrlich und geradlinig vorzuleben.

Birgit Weidt ist Journalistin und Buchautorin und lebt in Berlin. Die Mutter einer erwachsenen Tochter sieht im Nachhinein deutlicher, wie wirksam das Vorleben der eigenen Werte ist, zusätzlich zu den Erklärungen. Jetzt, da ihre Tochter selbst ein Kind hat, spiegelt sich viel von dem wider, was ihr als Mutter einst am Herzen lag. Neulich fragte ihre Tochter: «Das war doch nicht immer einfach, die eigene Vision vorzuleben und mit mir auszudiskutieren und Widerstand zu erleben?» Da merkte sie, dass sie die strengen Zeiten und Momente (fast) vergessen hat. Geblieben ist das Glück, vieles weitergegeben zu haben.

Lesen Sie mehr zum Thema Vorbilder:

  • «Jugendliche können sich ihre eigenen Vorbilder aussuchen»
    Der Entwicklungspsychologe Moritz Daum sagt, dass bei der Vorbildsuche älterer Kinder Äusserlichkeiten nicht wichtiger sein müssen als innere Werte. Wesentlich sei für die Orientierung Heranwachsender die Zugehörigkeit zu einer Gruppe.

  • Wie Eltern Gene prägen
    Wie ein Kind sich entwickelt, hängt von einem komplexen Zusammenspiel zwischen seinen Erbanlagen und Umweltfaktoren ab. Darüber, wie gross der elterliche Einfluss dabei ist, gehen die Expertenmeinungen auseinander.

  • Vorbild bleiben – auch von Teenagern
    So können Eltern weiter Einfluss nehmen, wenn sich ihr Kind an anderen zu orientieren beginnt.

  • «Gemeinsam lachen hilft über vieles hinweg»
    Martina
    , 38, Fachfrau Langzeitpflege in der ­Alterspsychiatrie, und Martin Gerber, 40, Automobil­diagnostiker, leben mit ihren Söhnen Timo, 13, und Leo, 11, in Sumiswald BE. Sie wollen den Kindern beibringen, die eigene Meinung zu vertreten, aber auch Kompromisse einzugehen.

  • «Wir leben Respekt und Toleranz vor»
    Marcelle Graf
    , 38, ist Buchhalterin und Assistentin der Geschäftsleitung in einem Planerbüro. Der Vater ihrer Söhne Ariseo, 11, und Nelio, 9, wohnt auch in St. allen und ist trotz ­Trennung für die Kinder präsent.

  • «Meinen Eltern ist mein ganz persönliches Glück das Wichtigste»
    Julia Vincenz
    , 16, macht eine ­Ausbildung zur Fachfrau Betreuung und lebt mit ihren Eltern Martina Arpagaus und Curdin Vincenz, beide 47, sowie ihrem Bruder Florian, 14, in Zürich. Sie sagt, ihre Mutter habe ihr vorgelebt, immer sie selbst zu sein.

  • Dossier: Vorbild sein
    Auf der Suche nach einer eigenen Identität orientieren sich Kinder zunächst an den Eltern – und grenzen sich dann immer stärker von ihnen ab. Wie Müttern und Vätern das Vorbildsein gelingt, erfahren Sie in diesem Dossier.

1 Kommentar

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Von Franz Josef am 01.07.2021 15:22

Wir sehen das immer noch zu "kopflastig" und schauen uns die Prozesse noch zu sehr vom Bewusstsein her an. Die Entscheidung und die Steuerung des Lebens findet VOM UNBEWUSSTEN her statt.
Wenn wir uns selbst als Vorbild beobachten, können wir wahrnehmen, wie unser Vorbild in durchaus eigener Wechselwirkung mit den Vorbildkräften steht. Da passiert eine Kommunikation, die wir mit dem bewussten Verstand nur punktuell und keineswegs nur an den wichtigen Punkten wahrnehmen.
Das heißt wir müssten uns an einen immer wieder neuen Umgang mit dem UNBEWUSSTEN herantasten, um uns immer mehr BEWUSST WERDEN ZU LASSEN, was wir uns viel zu schnell bewusst zurechtinterpretieren nach unserem - BESCHRÄNKTEN BEWUSSTEN Wissensstand.
Das Unbewusste wüsste nämlich an dem Punkt noch weiter, und wenn wir lernen, mit ihm gut umzugehen, erweitert das einfach unsere Möglichkeiten dahin, wo wir sonst nicht hinkommen.
Coués Autosuggestion ist eine praktische Lernmöglichkeit dafür, außer wir beschränken uns auch hier auf die bewussten Techniken. Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe

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