Vorbild sein: Will ich so werden?
Entwicklung
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Kinder wollen authentische Eltern

«Du willst dich immer als Held darstellen, der alles im Griff hat. Doch das ist nicht so!», sagt Tina aus Winterthur zu ihrem Vater, der als Manager in der Automobilbranche arbeitet und dessen Lieblingsspruch sie total nervt: «Es gibt nur Lösungen, keine Probleme.» Die 13-Jährige rollt jedes Mal mit den Augen, wenn sie das hört. Ihre Rückmeldung fordert den Vater auf: Zeig dich! Auch mit deinen Schwachstellen! Für Tina ist ein gutes Vorbild «jemand, der so ist, wie er eben ist».

Der 12-jährige Johannes aus Bern findet, «dass Erwachsene nicht immer gute Vorbilder sind. Meine Mutter sagt, dass ich nicht lügen soll, doch merke ich genau, wann sie nicht die Wahrheit sagt. Sie raucht heimlich auf dem Balkon, doch streitet es ab. Dabei rieche ich es!» Er weiss, dass seine Mutter als Krankenschwester einen stressigen Job hat und sie raucht, um sich zu beruhigen. Es macht ihn wütend, dass sie das nicht zugeben kann. Solche Aussagen machen deutlich: Es geht Kindern nicht darum, perfekte, starke oder makellose Eltern vor sich zu haben. 
Was macht eine Mutter zur Leitwölfin? Marcelle Graf und ihre Söhne Ariseo (oben) und Nelio. Lesen Sie ihre Erzählung: «Wir leben Respekt und Toleranz vor»
Was macht eine Mutter zur Leitwölfin? Marcelle Graf und ihre Söhne Ariseo (oben) und Nelio. Lesen Sie ihre Erzählung: «Wir leben Respekt und Toleranz vor»
Selbst die Kleinsten haben ein Gespür für Unwahrheiten und durchschauen Theaterspielen. Jeder von uns verhält sich zuweilen widersprüchlich und macht Fehler, und auch das zu begreifen ist wichtig für die kindliche Entwicklung. Denn wer zeigt, dass er eigene Unzulänglichkeiten wahrnimmt und zu korrigieren versucht, ist ein wahrhaftiger Lehrmeister. Auch wenn man damit älteren Kindern und Jugendlichen Angriffsflächen bietet und zur Stellungnahme herausgefordert wird, sollten Eltern sich nicht wegducken. Glaubwürdig, wahrhaftig aufzutreten, sich nicht zu verstellen, das kommt an. So weiss der Nachwuchs, dass uns mal was nicht gelingt, und merkt, dass wir Eltern dazu stehen und versuchen, es anders und besser zu machen. Um es mit den Worten des deutschen Erziehungsexperten Jan-Uwe Rogge zu sagen: «Authentische, spontane Eltern, die auch mal Fehler machen, sind das, was Kinder eigentlich wollen. Eltern aus Fleisch und Blut, mit eigenen Interessen und Werten. Denn nur wenn es uns als Eltern gut geht und wir uns in unserem Leben wohlfühlen, geht es auch den Kindern gut.»

Vorbildlich wirkt, was wir ­unabsichtlich tun

Die deutsche Erziehungswissenschaftlerin Ursula Frost von der Universität Köln sagt, dass wir «im Wesentlichen Vorbilder durch das sind, was wir unabsichtlich tun. Daher kommt es mehr auf die ganze Person als auf einzelne Absichten an. Das Verhältnis unserer Absichten zu der Weise, wie wir leben, gibt den Ausschlag.» Ihrer Meinung nach wird Erziehung gerade dann wirksam, wenn ihre Wirksamkeit nicht als Technik, als berechneter Einfluss auf ein erwünschtes Verhalten verstanden wird.
Wer zeigt, dass er eigene Unzulänglichkeiten sieht und zu korrigieren versucht, ist ein wahrer Lehrmeister.
Es ist einfach so: Kinder fordern uns heraus, Stellung zu beziehen und uns nicht drum herumzu­mogeln, auch wenn wir erschöpft sind und so gar keinen Nerv für Diskussionen haben. Gerade dann werden wir besonders sichtbar. Natürlich sind wir uns der Vorbildwirkung bewusst, doch der Alltag erweist sich nicht selten als Gegenspieler. Beruflich und im Familienalltag stark eingebunden, ist es nicht immer leicht, Leuchtturm im tosenden Meer ständiger Herausforderungen zu sein. In solchen Fällen sollten wir signalisieren, dass wir müde, ratlos, genervt oder wütend sind. Kinder brauchen keine Superstars als Eltern, sondern Menschen, die wie sie auch Erfahrungen machen. Sie suchen Begleiter, die durchaus mühsam nach Lösungen suchen. Das schafft Nähe, Vertrauen und macht interessant.
 
Juul spricht davon, sich auf Augenhöhe mit seinen Kindern zu begeben. Wer dabei Angst hat, sich eventuell klein zu machen, dem sagt er deutlich: «Authentisch sein und Autorität zu besitzen, ist kein Widerspruch!» Er plädiert für eine Beziehung, in der die Gedanken, die Reaktionen, die Gefühle, das Selbstbild, die Träume und die innere Wirklichkeit des Kindes genauso ernst genommen werden wie die der Erwachsenen. «Die Führungsrolle bleibt nach wie vor bei den Eltern, aber wenn sie ihre Kinder als gleichwürdig wahrnehmen, ihre individuellen Eigenschaften respektieren und ihre Wünsche und Bedürfnisse bei ihren Entscheidungen berücksichtigen, wird die Qualität dieser Führung entscheidend verbessert.»
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1 Kommentar

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Von Franz Josef am 01.07.2021 15:22

Wir sehen das immer noch zu "kopflastig" und schauen uns die Prozesse noch zu sehr vom Bewusstsein her an. Die Entscheidung und die Steuerung des Lebens findet VOM UNBEWUSSTEN her statt.
Wenn wir uns selbst als Vorbild beobachten, können wir wahrnehmen, wie unser Vorbild in durchaus eigener Wechselwirkung mit den Vorbildkräften steht. Da passiert eine Kommunikation, die wir mit dem bewussten Verstand nur punktuell und keineswegs nur an den wichtigen Punkten wahrnehmen.
Das heißt wir müssten uns an einen immer wieder neuen Umgang mit dem UNBEWUSSTEN herantasten, um uns immer mehr BEWUSST WERDEN ZU LASSEN, was wir uns viel zu schnell bewusst zurechtinterpretieren nach unserem - BESCHRÄNKTEN BEWUSSTEN Wissensstand.
Das Unbewusste wüsste nämlich an dem Punkt noch weiter, und wenn wir lernen, mit ihm gut umzugehen, erweitert das einfach unsere Möglichkeiten dahin, wo wir sonst nicht hinkommen.
Coués Autosuggestion ist eine praktische Lernmöglichkeit dafür, außer wir beschränken uns auch hier auf die bewussten Techniken. Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe

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