Ein gutes Gefühl
Entwicklung
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Es geht nicht ums Gewinnen

«Empathie hat sehr viel mit der Art und Weise zu tun, mit der wir miteinander kommunizieren und mit welcher Haltung wir einander begegnen», sagt Andrea Spring. Die Logopädin arbeitet seit etlichen ­Jahren als Trainerin für gewaltfreie Kommunikation. Das Prinzip hat der US-amerikanische Psychologe Marshall B. Rosenberg entwickelt. Es geht darum, sich aufrichtig mitzuteilen und einander empathisch zuzuhören. Dabei wird die Aufmerksamkeit auf die Gefühle und Bedürfnisse gelegt, sowohl auf die eigenen als auch auf die des Gegenübers. Einer von Marshalls Leitsätzen lautet: Eine Bitte, die wir vortragen, löst etwas anderes bei anderen Menschen aus als eine Forderung. Hinter der Bitte verbirgt sich auch das Bedürfnis des Sprechers, das ein empathisch Zuhörender erkennen kann. Ein anderer Leitsatz ist: ­Worte können Fenster sein, durch die sich Menschen füreinander öffnen. Und sie können Mauern errichten, können wehtun oder trennen. Andrea Spring formuliert das Ziel so: «Verbindung und eine passende Lösung finden wir dann, wenn es eine Bereitschaft dafür gibt, dass die Bedürfnisse beider Seiten gehört werden und es so keine Gewinner und Verlierer gibt.»
Eine Bitte, die wir vortragen, löst bei einem Zuhörer ­etwas ganz anderes aus als eine Forderung.
Zugegeben, gerade im Umgang mit Kindern erscheint dieses Modell sehr idealistisch, vielleicht sogar unerreichbar. Aber wir haben Zeit, daran zu arbeiten. «Dem Menschen eigen ist die Tatsache, dass unsere Entwicklung ein sehr lang andauernder Prozess ist», sagt Nora Raschle. Aus Sicht der Neurowissenschaften ist die menschliche Gehirnreife erst etwa mit 25 Jahren erreicht. Wie empathisch wir dann sind und wie prosozial wir uns dann verhalten, ist ein Resultat genetischer Einflüsse, unserer Umwelt und unseren Erfahrungen sowie der Interaktion von allem. Und während Eltern viele Jahre für die Betreuung und Unterstützung ihrer Kinder sorgen und als primäre Bezugspersonen die Entwicklung sozioemotionaler Fähigkeiten prägen, schwindet irgendwann mit der beginnenden Pubertät dieser Einfluss. «Dann wird die Peergroup immer ausschlaggebender, die Freunde, die Schule, die erste Beziehung», sagt David Lätsch.
 
Die Sache mit der Empathie, ­sagte kürzlich meine grosse Tochter, die nerve sie manchmal. Immer ­dieses Mitfühlen-Müssen, obwohl sie gerade müde sei. All diese Freundinnen, die über Whatsapp schrieben und klagten. So ein Stress. Ich war ein bisschen überrascht, gab ihr dann aber Recht. Ich legte mich aufs Sofa und machte zehn Minuten lang nichts. Keinen Kakao, keinen Snack-teller, kein Vorlesen, keine Hausaufgabenhilfe. Dann fanden die Kinder, es reiche jetzt mit meiner Empathiepause. Aber sie klangen sehr einfühlsam dabei. 

<div>J<strong>ulia Meyer-Hermann </strong>ist freie Journalistin und lebt in Hannover. Sie ist fasziniert davon, wie intensiv ihre Kinder, 12 und 6, sich auch bei Büchern oder Hörbüchern in die Emotionen der Figuren hineinversetzen und Situationen empathisch nachempfinden können.</div>
Julia Meyer-Hermann ist freie Journalistin und lebt in Hannover. Sie ist fasziniert davon, wie intensiv ihre Kinder, 12 und 6, sich auch bei Büchern oder Hörbüchern in die Emotionen der Figuren hineinversetzen und Situationen empathisch nachempfinden können.

Bücher- und Spieletipps:


Lesen Sie mehr aus dem aktuellen Dossier «Empathie»:

  • «Meine Kinder haben keine Angst, ihr Mitgefühl zu zeigen»
    Petra Ribeiro, 49, ist Pflegefachfrau und arbeitet derzeit als Betreuerin mit randständigen Menschen. Ohne Empathie für deren Schicksale könnte sie ihren Beruf nicht ­ausüben. Das vermittelt die alleinerziehende Mutter auch ihren Kindern Zoe, 11, und Jordan, 8. Die Familie lebt in Zürich.

  • «Kinder müssen üben, ihre und die Gefühle ­anderer zu erkennen»
    Die 33-jährige Journalistin Janine Schönenberger hat mit ihren ­Söhnen Joan, 6, und Yanis, 4, schon früh darüber geredet, welche ­Gefühlszustände es gibt und wie sie sich zeigen. Auslöser waren ­Emotionskarten, die ihr Mann David, 47, von seiner Arbeit als Psychologe mitgebracht hatte. Die Familie lebt in Emmen im Kanton Luzern.

  • «Emojis können kein ­Gespräch ersetzen»
    Sarah Pel, 45, und ihrem Mann Oliver, 50, ist es wichtig, dass ihre Kinder auch im Netz respektvoll und empathisch mit anderen umgehen. Schon in der frühkindlichen ­Erziehung haben sie darauf ­geachtet, dafür die Grundlagen zu legen. Die Heilpädagogin und der Wirtschaftsinformatiker leben mit Jan, 19, Lars, 14, und Marie, 10, in Zürich.

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