Ein gutes Gefühl
Entwicklung
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Lebenslanges Training

Mitgefühl und prosoziales Verhalten kann man trainieren. Man sollte es auch. «Sozioemotionale schaften zu knüpfen, Beziehungen zu entwickeln, Eltern zu sein. Sie sind darüber hinaus auch entscheidend dafür, wie gut wir uns später im Beruf vernetzen und wie wahrscheinlich wir einen Job zu halten vermögen», sagt Neuropsychologin Nora Raschle. Anders gesagt: Empathie hilft auch dabei, erfolgreich zu sein.

In Dänemark wird Empathie seit 2019 als Schulfach unterrichtet. Initiiert wurde dieser Unterricht unter anderem vom Schriftsteller Peter Høeg. Zusammen mit dem inzwischen verstorbenen Pädagogen Jesper Juul hat Høeg eine Initiative gegründet, der es auch darum geht, in einer Gruppe Empathie füreinander zu entwickeln. «Kinder und Erwachsene brauchen gleichermas-sen Unterstützung darin, ihr Vermögen, in sich zu ruhen, zu stärken. Und das kann man üben», schreiben die Autoren in ihrem Buch «Miteinander. Wie Empathie Kinder stark macht». 
Regeln funktionieren dann, wenn sie von allen als fair empfunden werden. Dazu braucht es aber Empathie.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch das Projekt der kanadischen Organisation «Roots of Empathy». David Lätsch leitete 2018 dazu eine Studie in der Schweiz. Dabei ging es darum, Primarschülern durch die Begegnung mit Babys mehr Einfühlungsvermögen zu vermitteln. «Uns hat interessiert, wie man über die Förderung von Empathie das Sozialverhalten stärken und mittel- bis langfristig prägen kann.»

Über einen reinen Verbote-Katalog lässt sich, so Lätsch, ein Klassenklima kaum verbessern. Regeln funktionieren dann, wenn sie von allen als fair empfunden werden. Dazu aber müsste man zunächst empathisch nachempfinden können, was eine Regel aus meiner und aus der Perspektive einer anderen Person bedeutet. «Über das empathische Vorstellungsvermögen kann man ausserdem erkennen, warum es sich lohnt, eine Regel einzuhalten.»

Das «Roots of Empathy»-Experiment war erfolgreich: Auch ein Jahr nachdem das Training abgeschlossen war, hatte sich das Einfühlungsvermögen bei den Kindern erkennbar verbessert. Sie halfen und teilten mehr und waren im Zusammen­leben seltener aggressiv.

Unabdingbar: der Zugang zum eigenen Innenleben

Empathie ist zwar angeboren, muss aber gefördert werden, lautet die Schlussfolgerung. Dieses «Training» beginnt schon kurz nach der Geburt, wenn Babys über die Mimik und Sprache ihrer Eltern die Gefühlswelt kennenlernen. Mama lächelt immer, wenn sie mich hochnimmt. Papa macht «Schsch», wenn er mich ins Bett bringt. Beide fragen: Wie geht es dir? Bist du müde? Hast du Hunger? «Kinder lernen von ihren Eltern, wie Emotionen benannt werden, und auch, wie mit ihnen umgegangen wird», sagt Nora Raschle. «Das Verständnis für die eigenen Gefühle bildet die Grundvoraussetzung dafür, die Gefühle anderer Personen einschätzen zu können.» Anders gesagt: Wer keinen Zugang zu seinem eigenen Innen­leben hat, wird auch das seines Gegenübers nicht verstehen können.

«Ich versuche den Eltern immer klar zu machen, dass ihre Kinder nur dann mit allen Gefühlen umgehen können, wenn sie die ganze Bandbreite kennenlernen dürfen», sagt Caroline Märki. Die Eltern- und Erwachsenenbildnerin leitet seit über zehn Jahren die Schweizer Zentrale der Familienberatungsstelle «Familylab». Zu ihr kommen Familien, die Probleme mit dem Sozialverhalten ihrer Kinder haben. Die Eltern wissen oft nicht mehr, mit welchen Regeln und Verboten sie den Nachwuchs noch zur Raison rufen sollen. «Häufig stellt sich dann heraus, dass bestimmte Gefühle wie Neid oder Wut als verboten gelten.» Wer sich aber mit solchen vermeintlich negativen Emotionen nicht beschäftigt, lernt nicht, damit umzugehen. «Kinder, Jugendliche oder Erwachsene mit antisozialen Verhaltenszügen haben häufig Mühe, die eigenen Gefühle oder die anderer einschätzen zu können», sagt auch die Psychologieprofessorin Nora Raschle.

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