Dr. Kurosch Yazdi: «Es könnte ein krankhafter Internetkonsum ausbrechen»
Entwicklung

«Es könnte ein krankhafter Internetkonsum ausbrechen»

Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf das Suchtverhalten bei Jugendlichen? Dr. Kurosch Yazdi wagt eine Prognose was nach der Pandemie passieren könnte. Zudem erklärt er, worin die Suchtgefahr für Kinder und Jugendliche besteht, wenn die sozialen Kontakte ausschliesslich übers Netz erfolgen.
Interview: Hanna Lauer
Bild: Rawpixel.com / zVg

Herr Dr. Yazdi, Jugendliche befinden sich auch ohne Pandemie in einer schwierigen Phase ihres Lebens. Ein Stressfaktor in der aktuellen Coronakrise ist der Verlust des Kontakts zu Gleichaltrigen. Teenies sind auf Austausch, Gespräche, die gegenseitige Bestätigung und Unterstützung angewiesen. Hat dieses «Eingesperrt sein» mögliche Folgen in der Form von Suchtverhalten?

Besonders im ersten Lockdown vergangenen Frühling haben Jugendliche sehr viel Zeit vor dem Computer verbracht. Das war legitim, denn der Schulunterricht fand digital statt und die sozialen Kontakte verlegten sich ins Netz. Computerspiele gewannen zunehmend an Interesse. Die grosse Überraschung für manche Eltern war dann, dass die Kinder nach dem harten Lockdown kein Interesse zeigten, rauszugehen und ihre sozialen Kontakte wieder wie vorher zu pflegen.

Eine Folge der Pandemie ist also: Jugendliche verbringen deutlich mehr Zeit im Internet. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Das hat einen positiven und einen negativen Aspekt. Der positive ist, dass digital eine Entwicklung stattgefunden hat. So ist heute Schulunterricht aus der Ferne möglich. Es ist ein spannender Lerneffekt, den das Bildungssystem auf die Beine gestellt hat und es ermöglicht Bildungschancen. So musste früher ein Kind, dass zum Beispiel mit einem Oberschenkelbruch zuhause lag, aber geistig fit war, den ganzen Schulstoff nachholen. Dank dem Fernunterricht kann das «kranke» Kind zeitgleich mit seinen Schulkameraden lernen. Das gilt auch für Kinder aus bildungsfernen Familien.
Dr. Kurosch Yazdi ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeut. Seit 2010 leitet er in Linz die Ambulanz für Spielsucht, seit 2012 eine Krankenhausabteilung für Suchtkranke. 2018 erschien sein Buch Klick und weg – Das Facebook Aufhör-Buch mit Tipps, wie Personen von Facebook wegkommen. 
Dr. Kurosch Yazdi ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeut. Seit 2010 leitet er in Linz die Ambulanz für Spielsucht, seit 2012 eine Krankenhausabteilung für Suchtkranke. 2018 erschien sein Buch Klick und weg – Das Facebook Aufhör-Buch mit Tipps, wie Personen von Facebook wegkommen. 

Und der negative Aspekt?

Dass es den Kindern und Jugendlichen an Bewegung fehlt, die Internetindustrie einen grösseren Zulauf erhält und alle sozialen Kontakte ins Internet verlegt wurden.

Führt ein erhöhter Medienkonsum denn automatisch zu Mediensucht?

Automatisch sicher nicht. Ein erhöhter Medienkonsum ist ein Faktor, der zur Sucht führen kann. Ob ein Jugendlicher süchtig wird oder nicht, ist sehr individuell. Übrigens wird auch nicht jeder Teenager, der regelmässig Cannabis raucht, automatisch süchtig.
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Wann spricht man von einer Sucht? Welche Anzeichen gibt es dafür? Welche Kinder und Jugendlichen sind besonders anfällig für ein Suchtverhalten?

Gesunde Kinder und Jugendliche haben verschiedene Interessen. Sie treffen sich gerne mit Freunden, gehen zum Sport oder ins Kino. Wenn sich diese Vielfalt einschränkt und die Person nur noch an einer Sache interessiert ist, dann ist die Person suchtgefährdet. Wenn also der Teenager nur noch am Computer sitzt, ist das Verhalten bedenklich.

Die Gefahr besteht, dass ein grosser Teil dieser Jugendlichen im Internet hängen bleiben wird. Die Industrie bindet die Teenager ans Internet. Gepaart mit der Pandemie bewirkt das, dass künftig ein krankhafter Internetkonsum stattfinden könnte.

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