«Die Mutter kann und muss nicht alle Bedürfnisse ihres Kindes alleine abdecken»
Entwicklung
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Wie meinen Sie das?

Es gibt verschiedene und sehr vielfältige Beziehungsformen und nicht nur das eine Modell, das besagt, wie die Bedürfnisse des Kindes erfüllt werden sollen. Und: Es existiert kein einziges Modell, das davon ausgeht, dass die Mutter – und nur sie – zu 100 Prozent für ein Kind da sein müsse. Im Gegenteil: Kinder profitieren von mehreren Bezugspersonen. Die Betreuungsaufgaben können und sollen daher aufgeteilt werden. Aber auch die Mütter sind in der Pflicht. Sie müssen ihre eigenen Grenzen setzen.

Was heisst das konkret?

Mütter dürfen und müssen sich von einer Perfektionsvorstellung abgrenzen. Man kann nicht die beste Karriere machen, die liebevollste Mutter sein und zu jedem Zeitpunkt eine verführerische Partnerin. Mütter müssen sich Erholungszeit organisieren, auch um gesund zu bleiben. Sie könne die Kinder an diejenigen Personen abgeben, die die Kinder gut kennen und bei denen sie sich wohlfühlen. Das ist oft an erster Stelle der Vater, es können aber auch Grosseltern, Göttis oder Bekannte sein.

Wie verändert sich das Bedürfnis nach Bindung im Laufe der Kindheit?

Bezugspersonen verändert sich im Laufe der Kindheit sehr stark. In den ersten Lebensjahren fordert ein Kind hundertprozentige Präsenz und Aufmerksamkeit. Es ist anspruchsvoll, dem während vieler Jahre rund um die Uhr nachzukommen. Eine gute externe Kinderbetreuung ist hier eine grosse Hilfe.

Was ist in der mittleren Kindheit wichtig?

Das Kind geht in die Welt hinaus. Es geht zur Schule, übt vielleicht ein Hobby aus, hat viele Bekanntschaften, Freunde. Es lernt andere Familien kennen. Vieles in dieser äusseren Welt ist anders als zu Hause. Es ist die Phase, in der ein Kind zu verstehen versucht, warum etwas so oder so ist. Es vergleicht sozial. Wichtig sind jetzt verlässliche Strukturen, Regeln und Rituale.
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Und in der Pubertät?

Die körperlichen Veränderungen absorbieren viel Energie. Eines der vorherrschenden Themen in dieser Phase ist das der Nähe und Distanz. Nun ist es das Kind, das bestimmt, wann es Nähe braucht und wann Distanz. Das müssen Eltern respektieren und aushalten.

Und Jugendliche?

Hier müssen Regeln und Strukturen neu verhandelt werden. Das fordert von Eltern eine grosse Flexibilität. Jede Familie muss definieren, was für sie besonders wichtig ist, beispielsweise wer beim Sonntagsausflug dabei sein muss. Das Thema in diesem Altersspektrum ist weniger Nähe und Distanz als vielmehr Angriff und Ablehnung. Adoleszente lehnen Eltern manchmal stark ab oder greifen ihre Haltungen an. Das ist Teil eines Abgrenzungsprozesses.

Ihr wichtigster Rat für Eltern?

Eltern können ihr Kind nur unterstützen, sie können seine Entwicklungsschritte nicht an seiner Stelle machen. Ihm auf seinem Entwicklungs- und Lebensweg stets eine verlässliche, wohlwollende und liebevolle Unterstützung zu gewähren, ist etwas vom Wichtigsten.

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