Entwicklung
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Dass Mädchen sprachlich und Buben mathematisch begabter sind, ist also nicht wahr?

Nein. Und es ist schon gar nicht biologisch begründet. Der Teil, der genetisch erklärt werden kann, wenn es um Unterschiede zwischen den Geschlechtern geht, ist im Übrigen sowieso sehr klein.

Woran machen Sie das fest?

Ich beschäftige mich intensiv mit Biologie und mit Hirnforschung. In beiden Feldern zeigen Studien, dass die Variabilität riesig ist. Es gibt rein genetisch und hormonell unendlich viele unterschiedliche Mischungen. Die Reduktion auf ausschliesslich männlich oder weiblich ist eine krasse Vereinfachung.

Gilt das auch fürs Gehirn?

Ja, und wie! Ein kleineres, zwischen den beiden Hirnhälften besser vernetztes Hirn gilt als typisch weiblich, ein grösseres als männlich. Diese «Erkenntnis» stammt aber lediglich aus Durchschnittswerten. Es ist wie mit der Grösse: Durchschnittlich sind Männer grösser als Frauen. Gleichzeitig gibt es aber grosse Frauen und kleine Männer. Das gilt auch fürs Gehirn: Man kann nicht aufgrund der Geschlechtsmerkmale auf das Hirn schliessen. Hält man an diesen Kategorien fest, so gibt es viele Männer mit «weiblichem» Gehirn und umgekehrt.

Welche Unterschiede sind denn nun tatsächlich biologisch?

Die Reproduktionsfähigkeit: Für den Zeugungsakt braucht es den männlichen Samen, und schwanger wird die Frau, was für Männer – zumin­dest vorläufig – nicht möglich ist. Die Frage ist, welchen Wert wir dieser Tatsache beimessen.
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Tatsache ist auch, dass Mädchen zwei X-Chromosome und Jungen je ein X- und ein Y-Chromosom haben. 

Nicht einmal das ist bei allen Men­schen so. Der Embryo­-Phänotyp ist erst einmal weiblich. Wenn ein Kind mit XY­-Chromosomen das Testoste­ron für die Ausbildung der männ­lichen Geschlechtsmerkmale nicht aufnehmen kann, bilden sich weib­liche Geschlechtsmerkmale aus und es wird bei der Geburt als Mädchen zugeordnet. Die Medizin spricht hier von einer XY­-Frau. Man sieht einem Kind seinen Chromosomensatz also nicht immer an. Solche Beispiele zei­gen, dass nicht einmal vermeintlich scheinbar Offensichtliches in Stein gemeisselt ist.

Was ist mit den Hormonen?

Sowohl das «männliche» Testosteron als auch das «weibliche» Östrogen existieren in beiden Körpern. Auch hier geht man in der Regel von Durchschnittswerten aus, es gibt
aber bei Adoleszenten und Erwach­senen sehr viele Zwischenstufen. Zu sagen, Jungen seien «testosteronge­trieben», ist meines Erachtens mindestens so stark kulturell wie hormo­nell bedingt.

Untersuchungen zeigen aber, dass einige männliche Tiere wilder spielen als weibliche. Kann man da nicht von etwas Angeborenem sprechen? 

Ich finde es sehr problematisch, vom Tier auf den Menschen zu schliessen. 

Könnte es nicht sein, dass Buben von Natur aus wilder sind als Mädchen? 

Ich glaube nicht, dass Mädchen fried­fertiger als Buben sind, sie haben andere Strategien gelernt, um mit Aggressionen umzugehen. Ein Mäd­chen, das dreinschlägt, wird von der Gesellschaft nicht akzeptiert, ein Jun­ge bis zu einem gewissen Grad schon. 

Was kann man als Eltern tun, um diese Stereotype bei den eigenen Kindern zu durchbrechen?

Ein erster Schritt wäre, sich der eige­nen Vorurteile und Verhaltensweisen bewusst zu werden. Und sich zu hin­terfragen, ob sie für das eigene Kind zutreffen oder dieses eher einengen. Man kann Kinder auch immer wie­ der ermutigen, zu den eigenen Fähig­keiten jenseits von Geschlechterstereotypen zu stehen.

Man soll dem Zweijährigen, der sich ein Spidermankostüm wünscht, ein Prinzessinnenröckli schenken?

Natürlich nicht. Aber man soll ihn das Prinzessinnenröckli ohne grosses Tamtam tragen lassen, wenn ihm das gefällt.

In einer idealen Welt sind Buben und Mädchen ...

... möglichst chancengleich. Ich wün­sche mir, dass sich ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass viele darunter leiden, dass die gesamte Menschheit in zwei Boxen eingeteilt wird. Meine Vision wäre, dass Kinder aufgrund ihrer Individualität gefördert werden, unabhängig vom Geschlecht.

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