Entwicklung

«Die Genetik ist bei Mädchen und Jungen beinahe gleich!»

Genderforscherin Christa Binswanger sagt, dass die genetischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern minimal sind. Und sie erklärt, warum schwedische Mädchen im Schnitt bessere Mathematik-Noten haben als Schweizer Mädchen. 
Interview: Sandra Casalini
Bilder: Salvatore Vinci / 13 Photo

Frau Binswanger, wir haben für dieses Dossier mit Mädchen und Buben im Alter von 7 bis 17 Jahren gesprochen. Alle haben eine sehr klare Vorstellung davon, wie die jeweiligen Geschlechter sind. Warum ist das so?

Für Kinder ist es sehr wichtig, eine Geschlechtsidentität auszubilden, weil unsere Gesellschaft diesbezüglich sehr traditionell geblieben ist und das so verlangt. Um zu wissen, wer sie sind, fragen sie sich schon früh: «Was für eine Art Bub oder Mädchen bin ich?» Diese Frage steht zum Beispiel in skandinavischen Ländern, in denen schon länger egalitäre Strukturen aufgebaut werden als bei uns, nicht mehr im Vordergrund. Bei uns lernen schon ganz kleine Kinder, was es heisst, Mädchen oder Bub zu sein. Ich kenne zum Beispiel Jungen, die mit Barbies spielen, dies aber in einem Gespräch nie zugeben würden.

Die neunjährige Riana hat kein Problem damit zuzugeben, dass sie gern mit den Buben Fussball spielt.

Tätigkeiten, die als typisch männlich gelten, haben bei uns einen höheren Stellenwert. Ein Bub, der seine weiblichen Seiten zeigt, wertet sich ab. Ein Mädchen, das seine männlichen Seiten zeigt, ist cool.
Zur Person:  Dr. Christa Binswanger ist ständige Dozentin für Gender und Diversity an der Universität St. Gallen. Sie beschäftigt sich unter anderem mit kultur­wissenschaftlicher Geschlechterforschung.
Zur Person:
Dr. Christa Binswanger ist ständige Dozentin für Gender und Diversity an der Universität St. Gallen. Sie beschäftigt sich unter anderem mit kultur­wissenschaftlicher Geschlechterforschung.

Viele Eltern sagen, sie hätten sich bemüht, die Kinder nicht nach Stereotypen zu erziehen. Trotzdem blieben die Buben bereits als Kleinkinder vor jedem Bagger stehen und die Mädchen liebten die Farbe Rosa. Weshalb?

Vieles in der Erziehung geschieht unbewusst. Es gibt Studien, die zeigen, dass Eltern 14 Monate alten Buben Bälle aus einer weiteren Distanz zuwerfen als gleichaltrigen Mädchen. Viele gehen vom ersten Tag an mit Buben und Mädchen anders um, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Und in den skandinavischen Ländern werfen Eltern ihren Kindern die Bälle aus gleicher Distanz zu?

Dazu kenne ich keine Studien. Aber wenn im Alltag mehr Egalität stattfindet, ist das auch im Umgang mit den Kindern so.
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Und Mädchen sind dann besser in Mathe?

Das sind sie in den skandinavischen Ländern tatsächlich. Die Mathe-Leistungen der Mädchen sinken bei uns erst, wenn sie anfangen, sich intensiv mit ihrer Geschlechtsidentität auseinanderzusetzen. Diese ist dann wichtiger als ihre tatsächlichen Fähigkeiten. Sie wollen in erster Linie «typisch weiblich» wirken – während Mathe als «typisch männlich» gilt.

Und der achtjährige Matti sagt, er könne «besser mit Zahlen als mit Buchstaben», weil Lesen vermeintlich unmännlich ist?

Selbstverständlich ist es möglich, dass Matti grundsätzlich mathematisch begabter ist als sprachlich. Aber es ist auch sehr gut möglich, dass er sich in Mathe mehr Mühe gibt, weil er das unbewusst als männlicher empfindet. 

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