Bindung: Das besondere Band
Entwicklung
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Bedingungslose Zuneigung

Ein Kind bindet sich bedingungslos an seine Eltern, «unbesehen davon, ob seine Eltern liebevoll und fürsorglich sind oder ob es sich um Rabeneltern handelt», sagt Largo. «Kinder sind emotional abhängig von ihren Eltern und anderen Bezugspersonen, die sicherstellen, dass ihre Bedürfnisse nach Nahrung, Pflege und Schutz zuverlässig befriedigt werden», schreibt Remo Largo in seinem Buch «Das passende Leben». Werden diese Bedürf­nisse vernachlässigt, seien Kinder in ihrem Wachstum und in ihrer Entwicklung massiv beeinträchtigt.
Die Welt entdecken und sie von einer sicheren «Home Base» aus begreifen – so funktioniert Bindung.
Damit dies möglichst nicht geschieht, verfügen Mädchen und Buben von Geburt an über ein ganzes Repertoire an Verhaltensweisen, abhängig von Alter, Temperament, Entwicklungsstand und aktueller Situation. Dabei können sie sehr hartnäckig sein. Wie Klammeräffchen hängen sie an uns, wenn wir telefonieren, oder kriechen nachts ins Elternbett. Dieses Bedürfnis nach Geborgenheit schwindet mit zunehmendem Kindesalter nicht, sondern äussert sich einfach anders. Schulkinder gehen immer wieder dieselben Situationen aus dem Klassenzimmer durch. «Soziales Referenzieren» nennt das die Psychologie. «Es bedeutet, dass ein Kind sich seine Informationen von den Eltern holt, um sein eigenes Verhalten zu planen oder anzupassen, wenn es in Situationen kommt, die es nicht kennt», erklärt Entwicklungspsychologe Moritz Daum. Jugendliche tun dies, indem sie zu Hause beispielsweise unerbittlich über Regeln aus anderen Familien diskutieren, vordergründig, um etwas auszuhandeln. Dahinter steckt das Bedürfnis nach inneren Leitplanken. Die Welt entdecken und sie von einer sicheren «Home Base» aus begreifen – das ist der Mechanismus.

Nähe und Distanz

Kinder bewegen sich permanent zwischen zwei Polen. Der eine ist gleichbedeutend mit Verlässlichkeit, Vertrautheit und Verfügbarkeit, der andere mit Neugier, Abwechslung und Herausforderung. Diese Pole muss man sich wie zwei Enden einer Wippe vorstellen: Beide Teile müssen mal oben, mal unten sein. Ist beispielsweise der Pol der Sicherheit und Nähe zu lange zu weit unten, versucht das Kind, dieses Bedürfnis so lange zu befriedigen, bis der ­«Saldo» wieder ausgeglichen ist. Erst danach kehrt sein natürlicher Drang zurück, die Welt zu erforschen. Damit ein Kind optimal gedeiht und sich entwickelt, müssen beide Pole zwingend ausgeglichen sein.
John Bowlby heisst der Mann, dem wir diese Einsicht verdanken. Er entwickelte 1969 die Bindungstheorie. Diese postuliert, dass das Bedürfnis nach emotionaler Nähe und absoluter Verlässlichkeit für das Kind grösser ist als das nach Nahrung. Bowlby und seine Theorie sind der Grund, weshalb Babys heute im Tragetuch herumgetragen werden, lange gestillt werden und im Eltern­zimmer schlafen dürfen. All dies war in früheren Jahrzehnten verpönt. Kein Erwachsener dachte je über Geborgenheit und Körperkontakt von Kindern nach. Man war der Meinung, dass das Verhalten von Kindern ausschliesslich über Konditionierungsprogramme wie Bestrafen und Belohnen erklärt werden könnte. Beeinflusst wurde Bowlby unter anderem vom österreichischen Kinderarzt René Spitz. Dieser stellte fest, dass sich Kinder in Waisenhäusern trotz genügend Platz, Sauberkeit, Sicherheit und Essen emotional unzureichend entwickelten, verkümmerten und gar starben. Die Ursache sah er in der fehlenden Bindung.
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Der mutterzentrierte Ansatz

Aber wie funktioniert diese Bindung überhaupt? «In der Regel bindet sich das Kind an die verlässlichste und zeitlich verfügbarste Person seiner Umgebung», erklärt die Psychologin Giulietta von Salis. Diese werde dann zu seiner Hauptbezugsperson. Die Bindungsforschung sagt, die Mutter sei diese Hauptbezugsperson – und diese These hat bis heute Gültigkeit. Der ganzen Diskussion um Kinderkrippen, Berufstätigkeit der Mütter, Gleichstellung und Vaterschaftsurlaub liegt das Ideal der guten, feinfühligen, stets verfügbaren Mutter als wichtigste Bezugsperson zugrunde.
Viele glauben, nur dann 
 eine gute Mutter zu sein, wenn sie möglichst viel Zeit mit ihrem Kind verbringen.
«Eigentlich besagt der gesellschaftliche Druck Folgendes: Mütter, befriedigt bitte von Anfang an die Bedürfnisse eurer Kinder, sonst gedeihen sie womöglich nicht. Wenn sie Schäden davontragen, seid ihr schuld», bringt es Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm auf den Punkt. Dieses Ideal habe zur Folge, dass selbst gut ausgebildete, emanzipierte und finanziell unabhängige Frauen nur dann das Gefühl hätten, eine «gute Mutter» zu sein, wenn sie möglichst viel Zeit mit ihrem Kind verbringen. Die (mutterzentrierte) Bindungstheorie habe bis heute einen enormen Einfluss auf gesellschaftliche Bereiche wie die Familienberatung, die Sorgerechtsentscheidung bei Scheidungen oder die Frühpädagogik an den Schulen, kritisiert die deutsch-israelische Entwicklungspsychologin Heidi Keller.

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