Begabung: Das kann ich richtig gut!
Entwicklung

Begabung: Das kann ich richtig gut!

Jedes Kind kommt mit Begabungen auf die Welt. Doch wie findet es heraus, welcher Sport, welches Instrument, welche berufliche Richtung ihm liegt? Und wie können Eltern und die Schule ein Kind fördern, ohne ihm die Lust zu nehmen? 
Text: Claudia Füssler
Bilder: Ornella Cacace / 13 Photo
Die Tochter hat von frühester Kindheit an ganze Wochenenden lang Hip-Hop-Choreografien ge­probt und bewegt sich auch heute noch am liebsten tanzend durch die Welt. Der Sohn hat erst ein bisschen gekickt, dann eine Weile Basketball trainiert – und sein Glück schliesslich in der Leichtathletik gefunden. Grosse und kleine Talente zu entdecken, kann für die ganze Familie eine abenteuerliche Reise sein. Woher weiss man, dass der Sohn ein Faible für Schach hat, wenn das keiner in der Familie spielt? Wie fördert man die Tochter, die ganze Nachmittage lang Comics zeichnet? Wie hilft man als Mutter oder Vater seinem Kind, die eigenen Begabungen zu entdecken? Wie vermeidet man es, sein Kind zu sehr zu pushen und ihm damit vielleicht sogar die ­Freude am liebsten Hobby zu nehmen? Und wie verabschiedet man sich von der Idee, der Nachwuchs könnte in die eigenen Fussstapfen treten?

Diesen Fragen geht das vorliegende Dossier auf den Grund. Der Blick ist dabei auf alle Begabungen, gerichtet, egal ob sportlich oder musikalisch, mathematisch oder sprachlich, handwerklich oder kreativ. Das Thema Hochbegabung ist hier hingegen bewusst auskgeklammert. Von Hochbegabung spricht man, wenn die intellektuelle Begabung eines Menschen weit über dem Durchschnitt liegt, meist wird ein Intelligenzquotient von 130 als entscheidender Grenzwert angegeben. Viele Kinder sind in schulischen Fächern, etwa in Mathematik oder einer Sprache, begabt, ohne hoch­begabt zu sein. 

Jeder sollte seine Potenziale kennen

Die Wissenschaft tut sich schwer mit dem Begriff Begabung. Lange war damit die rein akademisch-intellektuelle Begabung gemeint, besondere Talente im sportlichen oder fremdsprachlichen Bereich fielen also nicht darunter. Einige Experten bestritten, dass Begabungen genetisch bestimmt seien, und führten ausserordentliche Leistungen stattdessen auf ein tägliches, konsequentes Üben zurück. Inzwischen ist man sich insoweit einig, als dass für eine Begabung zum einen eine genetische Veranlagung nötig ist, die zum anderen auch gefördert werden muss, um sich in Gänze entwickeln zu können. Die Begriffe Begabung und Talent werden meist synonym verwendet, während unter Poten­zial meist der Kern verstanden wird, aus dem eine Begabung wachsen kann. Auch «besondere Fähigkeiten» sind eine Bezeichnung, die häufig zu hören ist.
Für eine Begabung ist eine genetische ­Veranlagung nötig, die gefördert werden muss, um sich zu entwickeln.
Doch ganz egal, wie man es nennt, in einem sind sich Experten einig: Man sollte seine Potenziale kennen und die Möglichkeit haben, sie umsetzen zu können. Denn geförderte Begabungen, um bei dem Begriff zu bleiben, tragen entscheidend zur Persönlichkeitsentfaltung bei. Wer ein Bild hat von dem, was er kann, gewinnt daraus ein Selbstvertrauen, das ihm ein erfülltes Leben ermöglichen kann.

Wie aber spürt man sie auf, diese mysteriösen Begabungen? Woher weiss ich, ob das jetzt einfach eine nette Tätigkeit ist, die mir Spass macht, oder wirklich eine Sache, in der ich kompetent bin? Und noch schwieriger: Wie entdecke ich das bei meinem Kind, das noch gar nicht über Talente und Ressourcen reflektieren kann? 
Die 9-jährige Selina hat nicht nur einen Draht zu Tieren, sondern kann sie auch sehr gut malen. Lesen Sie hier, was Selina dazu sagt.
Die 9-jährige Selina hat nicht nur einen Draht zu Tieren, sondern kann sie auch sehr gut malen. Lesen Sie hier, was Selina dazu sagt.
Man könnte zunächst einmal mit einer Art Stärkensammlung anfangen, sagt Letizia Gauck. Sie leitet das Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie ZEPP an der Universität Basel. «Die Leitfrage dazu könnte sein: In welcher Situation habe ich das Gefühl, ganz bei mir zu sein, weil ich das richtig ­gerne mache?», sagt die Psychologin. Das kann beim Backen eines Kuchens sein, beim Schreiben eines Gedichtes, beim schnellen Sprint durch den Stadtpark. So entsteht eine Art Portfolio, eine individuelle Grafik mit Interessen und Fähigkeiten, welche die Einzigartigkeit einer Person darstellt.
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<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/das-begabte-kind"><strong>Online-Dossier </strong>«<strong>Das begabte Kind</strong>»<strong>.</strong></a> <strong>In jedem Kind stecken individuelle Begabungen. </strong>Was Eltern dazu beitragen können, dass diese entdeckt werden und zur Entfaltung kommen, erfahren Sie im <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/das-begabte-kind">Dossier Begabung.&nbsp;</a></div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier «Das begabte Kind». In jedem Kind stecken individuelle Begabungen. Was Eltern dazu beitragen können, dass diese entdeckt werden und zur Entfaltung kommen, erfahren Sie im Dossier Begabung. 

Das Kind beobachten und lesen

Familienalben zum Beispiel sind häufig der natürliche Anfang einer Stärkensammlung. «Wofür macht man Fotos, was dokumentiert man damit?», fragt Gauck. «Natürlich die Dinge, die uns Freude bringen und auf die wir stolz sind.» Das erste Lego-Auto, dass der Spross selbst zusammengebaut hat, die ersten Zeichnungen mit Buntstift, das Filmchen, in dem die Tochter fünfzig Sprünge mit dem Springseil schafft – Kinder wollen wahrgenommen werden in dem, was sie tun und schaffen, und sie fordern diese Wahrnehmung und Anerkennung von den Eltern auch ein.

«Etwas vom Wichtigsten, das Eltern machen können, ist gutes Beobachten und Reagieren», sagt Gauck. «Das erleichtert es dem Kind sehr, ein gesundes Selbstkonzept zu entwickeln.» Basis des guten Reagierens ist ein sorgfältiges Feedback. Denn wie wir eine Fähigkeit betrachten, wirkt sich auf die Leistung aus. Rückmeldungen ans Kind sollten immer den dynamischen Aspekt behandeln, nicht den fixen Aspekt. Statt «du bist klug» oder «da hast du Denkfähigkeit bewiesen» sind Sätze wie «du hast dich richtig angestrengt» die bessere Wahl. 
Maya, 9, bastelt auf Basis von Playmobil kleine Welten, die sie in Filmen animiert. Lesen Sie hier, was Maya dazu sagt.
Maya, 9, bastelt auf Basis von Playmobil kleine Welten, die sie in Filmen animiert. Lesen Sie hier, was Maya dazu sagt.
«Wenn Klugheit oder Intelligenz als gottgegeben betrachtet wird, führt das eher zu Selbstzweifeln, wenn ein Kind mal Fehler macht. Es fragt sich: Bin ich wirklich klug?», erklärt Gauck. Das könne dazu führen, dass das Kind sich nicht mehr bemüht und Herausforderungen annimmt, weil es nicht riskieren möchte, wieder Fehler zu machen und unangenehme Gefühle zu bekommen. Ein Growth-Mindset (dynamisches Selbstbild) hingegen konzentriert sich darauf, individuelle Fähigkeiten wie einen Muskel zu trainieren. Das Kind hat sich angestrengt – das ist ein Prozess, der zu weiteren Ergebnissen führen kann. Wer sein Kind für den Mut lobt, eine Aufgabe anzugehen, die es sich vorher vielleicht nicht vorgenommen hätte, fördert diesen Prozess. «Das ist umso wichtiger, weil unsere Schulen leider nicht sehr gut sind in der Fehlerkultur», sagt Gauck. «Hier geht es noch viel zu häufig darum, Fehler zu vermeiden, statt aus ihnen zu lernen.»

Um einen Begabungsmuskel wachsen lassen zu können, braucht er immer wieder neue Herausforderungen. Diese sollten in der sogenannten Zone der proximalen Entwicklung liegen – dürfen also nicht so leicht sein, dass sie eigentlich keine Herausforderung darstellen, aber auch nicht so schwer, dass ein Scheitern sehr wahrscheinlich ist. Hier ist wieder die Beobachtung von Eltern und Lehrpersonen gefragt: Sie können anhand des aktuellen Entwicklungsstandes eines Kindes am besten einschätzen, welcher nächste kleine Schritt es jetzt weiterbringt.

Eltern müssen ein breites Angebot schaffen

Um Talente und Begabungen entdecken und fördern zu können, ist ein breites Angebot nötig. Überspitzt formuliert: Sie werden ein unglaubliches Eiskunstlauftalent nie ent­decken, wenn es keine Eislaufbahn gibt. «Das Spektrum an Möglichkeiten zum Ausprobieren sollte daher von früher Kindheit an möglichst gross sein», sagt Gauck, «und, das ist sehr wichtig, nicht zu früh zu eng werden – etwa indem Eltern denken: Das geht ja jetzt klar in eine Richtung, der Junge will ­Tennis spielen.» Denn scheinbar grosse Interessen können auch ­wieder nachlassen. Die soziale, kognitive und motorische Entwicklung geschieht in Phasen, so dass immer mal wieder andere Bereiche stärker in den Vordergrund drängen können. «Eltern sollten sich da nicht so viele Sorgen machen, alles hat seine Zeit», sagt Gauck. Ganz klassisch sei das im Jugendalter zu sehen, wenn Kinder sich ihren Peers stärker zuwenden als bisher und sich weniger für schulische oder andere Bildungsinhalte interessieren.
Um einen Begabungsmuskel wachsen lassen zu können, braucht er immer wieder neue Herausforderungen.
Ob sich ein Interesse wirklich dauerhaft verändert oder es sich einfach um ein Motivationsloch beim einst heiss geliebten Hobby handelt, müssen Eltern mit viel Gespür und der schon oft genannten Beobachtung herausfinden. Der Eindruck, dass ein Kind, das Interesse hat, doch selbst üben oder trainieren wollen müsste, täuscht. Üben macht nicht immer Spass, man muss sich aufraffen. Die Psychologie spricht von Selbststeuerung. «Hier müssen wir als Eltern aufpassen, die Kinder nicht zu überfordern, sie brauchen da auch den elterlichen Rahmen, um Tätigkeiten anzugehen, die nicht so lustvoll sind», erklärt Gauck. Hat der Nachwuchs mal einen Durchhänger in Sachen Motivation, sollte man kein Drama daraus machen, sondern sanft ermutigen. Und als verständnisvollen Kompromiss vielleicht anbieten, eine Zeit lang mal weniger intensiv zu üben.

Auf Fragen des Kindes richtig ­eingehen

Dass die genetische Komponente eine Rolle für Begabungen spielt, ist für Joëlle Huser klar. Aber die Begabungsexpertin und Autorin, die in ihrer Zürcher Praxisgemeinschaft als Spezialistin für Begabungsförderung arbeitet, sieht einen entscheidenden Anteil auch darin, wie man einem Kind gegenübertritt, das Fragen stellt. «Gibt man dem Kind Antworten? Ist man bereit, es zu begleiten auf dem Weg, den es voller Neugierde sucht, um gemeinsam wieder ins Staunen zu kommen? Oder quittiert man die Fragenden mit: ‹Dafür bist du noch zu klein. Das fragt man nicht.› Es gibt subtile Formen, einem Kind, ohne es zu wollen, die Neugierde abzugewöhnen», sagt Huser. Sie unterscheidet daher zwischen einer entwicklungshemmenden und einer entwicklungsfördernden Haltung. Wer die Fragen des Nachwuchses ständig abwürgt, sie als dumm oder unangemessen bezeichnet und nur in Kategorien wie «das ist richtig» und «das ist falsch» antwortet, ebnet keinen Weg für kreative Prozesse. Die Kinder brauchen Unterstützung in Form von «das ist aber eine interessante Frage» oder «das finde ich eine tolle Idee», auch Gegenfragen öffnen den Raum für bisher Unbekanntes: «Was denkst du denn, wie das ist?»

Raus aus der Komfortzone

Jedes Kind, sagt Huser, komme mit einem Blumenstrauss an Potenzialen auf die Welt. Die Eltern und Lehrpersonen können ihm dabei helfen, die einzelnen Knospen zum Blühen zu bringen. Welche Blüte sich wann und wie öffnet, kann nicht von aussen entschieden werden. Aber man kann sie beobachten und schauen, welche Blüte wann was braucht. «Es geht im Grunde darum, den Kern des Kindes mit Liebe und Wohlwollen zu entdecken, zu sehen, was es ausmacht, und es so anzunehmen», sagt Huser. «Dann fällt es dem Kind auch leicht, sich mit natürlicher Motivation und Neugierde weiterzuentwickeln.»

Dafür kann es mitunter auch mal nötig sein, den Sohn oder die Tochter aus der Komfortzone zu schubsen – zu seinem oder ihrem eigenen Glück. Gerade bei Kindern, die Angst vor allem haben, was neu oder anders ist als das, was sie gewohnt sind, ist das entscheidend. Wenn die Eltern selbst Angst haben, dass ein Kind etwas nicht schafft, schafft es das oft wirklich nicht. Hören die Kleinen aber ein «ich weiss, das ist schwierig, aber du schaffst das, komm probiere mal», macht das Mut. Begabungen, sagt Joëlle Huser, entwickeln sich immer ein bisschen ausserhalb der Komfortzone.
Hat der Nachwuchs mal einen Durchhänger, sollten Eltern kein Drama daraus machen, sondern sanft ermutigen.
Huser hat für Eltern verschiedene Interessenfragebögen für alle Schulstufen entwickelt. Damit können ­­­sie gemeinsam mit den Kindern he­rausfinden, für welche Themen diese sich interessieren. «Um überhaupt Kinder mit hohen Potenzialen finden zu können, muss man bei allen Begabungen aller Kinder ansetzen», erklärt Huser, «und deckt so auch das eine oder andere Interesse auf, das sonst verborgen geblieben wäre.» Das muss auch gar keine Hochbegabung sein. Denn jede Stärke, die ausgelebt werden kann, macht glücklich. Der grösste Lernzuwachs entsteht nämlich im Bereich der Stärken. Dadurch, so Huser, würden Schwächen weniger ins Gewicht fallen.

Wohin es führen kann, wenn Kinder ihren Interessen und Begabungen nicht nachgehen können, sieht man immer wieder bei Erwachsenen. Da stellt eine Person mit Mitte vierzig fest, dass sie durch das Leben und ihr Umfeld in eine bestimmte Richtung gezwungen worden ist, die ihr nicht entspricht. Sie hat das gemacht, was von ihr erwartet worden ist. Und plötzlich entdeckt diese Person, dass in ihr eine Begeisterung und ein Feuer für etwas ganz anderes brennt. «Aussteiger» nennt die moderne Gesellschaft solche Leute gern. Vielleicht sind das aber auch nur Menschen, die als Kinder nicht ihren Weg gehen durften oder konnten. «Für Eltern heisst es deshalb: los­lassen», sagt Huser. Sprich: Die Kinder in dem zu unterstützen, was sie glücklich macht, nicht in dem, was die Eltern für sie vorgesehen haben und was vielleicht mehr Geld oder Prestige bringt.

Auch unverplante Zeit ist wichtig

Das hört sich gut an, doch ist es wirklich so einfach, loszulassen? Was tun, wenn der Flyer für das nächste Ferienangebot ins Haus flattert und vielversprechende Vorschläge macht? Allzu leicht geraten Eltern in die Versuchung, Kinder für Kurse anzumelden, die «für später etwas bringen». Programmieren für Anfänger zum Beispiel, einen Schnuppertag an der städtischen Musikschule oder Matherätsel für mehr Spass mit Zahlen. Das passiert vielleicht ganz unterbewusst. Doch das Kind interessiert sich am meisten für den Specksteinkurs. «Es gibt Eltern, die unter Druck geraten. Sie haben Angst, etwas zu verpassen», sagt Huser. Auch da sei es wichtig, sein Kind zu «lesen» und sich nicht von den Nachbarskindern verunsichern zu lassen, die ins Ballett, Malen, Judo, Englisch und Klavier gehen. Kinder sind verschieden, Eltern haben unterschiedliche Möglichkeiten – zeitlich und finanziell.
Es gibt zwar Kinder, die von sich aus den Drang haben, alles Mögliche zu lernen. Aber auch sie müssen lernen, dass es ein Zuviel gibt.
Es gibt zwar die Kinder, die von sich aus den Drang haben, alles Mögliche lernen zu wollen. Aber auch diese Kinder müssten lernen, dass es ein Zuviel gebe, sagt Huser. Und dass sehr viele Kinder besonders die unverplante Zeit lieben. Einfach frei draussen spielen können, auch mal unbeaufsichtigt sein. Sie experimentieren auf dem Spielplatz oder sammeln Steine oder Insekten im Wald. «Das sind wertvolle Erfahrungen, in denen sie ihre Kreativität wunderbar entfalten», sagt Huser.

Mit den Kindern auf ­Diamantensuche gehen

Welche Folgen es haben kann, wenn dem Kind nicht genug Raum gegeben wird, erlebt Nadine Zimet vom Zentrum für Begabungsförderung in Zürich regelmässig. Es sind meist Eltern mit hohem Leidensdruck in Familie und Schule, die zu Zimet und ihren Kolleginnen in die Praxis kommen. Ihre Kinder leiden unter Schulfrust, Über- oder Unterforderung, Depressionen oder Ängsten, Schlafstörungen oder Schüchternheit, aggressivem Verhalten oder Essstörungen. «Wenn wir testen, gehen wir mit den Kindern auf Diamantensuche», sagt Zimet. «Wir suchen die Kostbarkeiten, die jedes Kind in sich trägt, und bestärken es darin, sie kennenzulernen, an sich zu glauben, damit es sie zum Strahlen bringen kann.»

Nadine Zimet spürt bei ihrer Arbeit dem Miteinander in der Familie nach. Herrscht ein wertschätzender Umgang? Wie werden Konflikte gelöst? Wie sehr lassen die Eltern das Kind so sein, wie es ist, stehen ihm staunend und neugierig, ja auch demütig gegenüber, ohne diese ­Haltung mit Laisser-faire zu verwechseln?
Ella zeigt voller Begeisterung ihr fussballerisches Können. Lesen Sie hier, was Ella dazu sagt. (Symbolbild: Rawpixel.com)
Ella zeigt voller Begeisterung ihr fussballerisches Können. Lesen Sie hier, was Ella dazu sagt. (Symbolbild: Rawpixel.com)
Es wäre schön, sagt Zimet, wenn Eltern einfach sagen dürften: «so ist mein Kind.» «Ein Problem in der Erziehung ist, dass Eltern unausgesprochene Erwartungen spüren und glauben, sie müssten etwas bewirken», sagt die Psychologin. Dass aus dem Kind ein anständiger Mensch wird, dass es sich entfalten kann, dass es dies und jenes wissen muss, damit es promoviert wird. Die Diamantensuche, sagt Nadine Zimet, könne Eltern helfen, das Einzigartige ihres Kindes zu verstehen und es als Reisebegleiter zu unterstützen. «Jeder Mensch, jedes Kind hat Begabungen, das ist quasi der Fingerabdruck seiner Gesamtpersönlichkeit.»

Doch Begabungen könne man nicht erzeugen, nur kennenlernen und wertschätzen. Zum Beispiel mit Hilfe einer wissenschaftlichen Begabungsdiagnostik. «Wir helfen den Eltern und Kindern dabei, sozio-emotionale und intellektuelle Faktoren sowie vor allem die Stärken und die Persönlichkeit des Kindes ehrlich und – ganz wichtig – als Gesamtes anzuschauen», erklärt Zimet. Deshalb sei das Erkennen von Begabung ein psychologisches Thema. Entscheidend sei es, zu einer anderen Haltung zu kommen. «Ein Kind kann nicht anders als lernen, 24 Stunden am Tag tut es nichts anderes, doch wir setzen dem meist das System des Belehrens entgegen», erklärt Zimet. «Das führt dann zum sinnbildlichen Entleeren des Kindes. Begabungen werden im Keim erstickt oder kaputt gemacht.» Ein Kind beispielsweise, das grossen Spass am Klavierspielen hat und Stücke nach Gehör spielt, aber vom Lehrer gezwungen wird, Noten zu lernen, verliert diesen Spass schnell. Sinnvoller wäre, die Lehrmethode zu wechseln. «Oder nehmen wir ein Kind, das sich im Kopf die grossartigsten Geschichten ausdenkt, aber feinmotorisch noch nicht in der Lage ist, diese aufzuschreiben», sagt Zimet. «Was machen wir damit? ­Lassen wir diese Begabung versiegen? Soll das Kind schnell schreiben üben? Nein, wir gehen hin und sagen: Ich finde deine Geschichten so spannend, erzähl sie mir, ich schreibe sie für dich auf.»

Statt Kinder in die Vorstellungen von Erwachsenen zu zwingen, solle man versuchen, mit ihnen in Kontakt zu kommen, präsent zu sein und sich von den Wegen des Kindes leiten zu lassen. Das könnten Eltern genauso gut wie Lehrpersonen. ­Dieses Nicht-mehr-bewirken-Müssen und Sich-einlassen-Können, hat Zimet festgestellt, führe fast sofort zu einer Entspannung zwischen Kindern und Eltern: «Für die Eltern ist das sehr entlastend, sie fühlen sich weniger unter Druck und merken, dass dieses Einlassen viel mehr ihrem Bauchgefühl entspricht als das Abhaken von Aufgaben im täglichen Hamsterrad.»

Um seine Begabungen erspüren und ihnen nachgehen zu können, braucht ein Kind vor allem intrinsische Motivation. Also die Begeisterung für eine Tätigkeit, weil es sie gerne macht und Aufgaben lösen kann. Das macht Spass, und dazu gehören Fehler. «Leider leben wir in einer Kultur, in der Fehler gezählt und angestrichen werden», sagt Zimet. «Das erzeugt Angst und Scham. Das Kind will ausprobieren, nicht blamiert, getadelt und kritisiert werden.» Also versucht es, um Ablehnung zu vermeiden, Fehler zu vermeiden, und hört nach und nach auf zu lernen. «Im Klima der Angst kann Begabung nicht gedeihen», sagt Zimet.

<div><strong>Claudia Füssler</strong> gehört zu den Menschen, die kein herausragendes Talent, aber viele Begabungen haben. Dazu gehören bei ihr: aus dem Stegreif gruselige Gutenachtgeschichten erfinden, aus nichts ein leckeres Abendessen zubereiten und den einzigen Rechtschreibfehler in der ganzen Zeitung entdecken.</div>
Claudia Füssler gehört zu den Menschen, die kein herausragendes Talent, aber viele Begabungen haben. Dazu gehören bei ihr: aus dem Stegreif gruselige Gutenachtgeschichten erfinden, aus nichts ein leckeres Abendessen zubereiten und den einzigen Rechtschreibfehler in der ganzen Zeitung entdecken.

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