Begabung: Das kann ich richtig gut!
Entwicklung
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Auch unverplante Zeit ist wichtig

Das hört sich gut an, doch ist es wirklich so einfach, loszulassen? Was tun, wenn der Flyer für das nächste Ferienangebot ins Haus flattert und vielversprechende Vorschläge macht? Allzu leicht geraten Eltern in die Versuchung, Kinder für Kurse anzumelden, die «für später etwas bringen». Programmieren für Anfänger zum Beispiel, einen Schnuppertag an der städtischen Musikschule oder Matherätsel für mehr Spass mit Zahlen. Das passiert vielleicht ganz unterbewusst. Doch das Kind interessiert sich am meisten für den Specksteinkurs. «Es gibt Eltern, die unter Druck geraten. Sie haben Angst, etwas zu verpassen», sagt Huser. Auch da sei es wichtig, sein Kind zu «lesen» und sich nicht von den Nachbarskindern verunsichern zu lassen, die ins Ballett, Malen, Judo, Englisch und Klavier gehen. Kinder sind verschieden, Eltern haben unterschiedliche Möglichkeiten – zeitlich und finanziell.
Es gibt zwar Kinder, die von sich aus den Drang haben, alles Mögliche zu lernen. Aber auch sie müssen lernen, dass es ein Zuviel gibt.
Es gibt zwar die Kinder, die von sich aus den Drang haben, alles Mögliche lernen zu wollen. Aber auch diese Kinder müssten lernen, dass es ein Zuviel gebe, sagt Huser. Und dass sehr viele Kinder besonders die unverplante Zeit lieben. Einfach frei draussen spielen können, auch mal unbeaufsichtigt sein. Sie experimentieren auf dem Spielplatz oder sammeln Steine oder Insekten im Wald. «Das sind wertvolle Erfahrungen, in denen sie ihre Kreativität wunderbar entfalten», sagt Huser.

Mit den Kindern auf ­Diamantensuche gehen

Welche Folgen es haben kann, wenn dem Kind nicht genug Raum gegeben wird, erlebt Nadine Zimet vom Zentrum für Begabungsförderung in Zürich regelmässig. Es sind meist Eltern mit hohem Leidensdruck in Familie und Schule, die zu Zimet und ihren Kolleginnen in die Praxis kommen. Ihre Kinder leiden unter Schulfrust, Über- oder Unterforderung, Depressionen oder Ängsten, Schlafstörungen oder Schüchternheit, aggressivem Verhalten oder Essstörungen. «Wenn wir testen, gehen wir mit den Kindern auf Diamantensuche», sagt Zimet. «Wir suchen die Kostbarkeiten, die jedes Kind in sich trägt, und bestärken es darin, sie kennenzulernen, an sich zu glauben, damit es sie zum Strahlen bringen kann.»

Nadine Zimet spürt bei ihrer Arbeit dem Miteinander in der Familie nach. Herrscht ein wertschätzender Umgang? Wie werden Konflikte gelöst? Wie sehr lassen die Eltern das Kind so sein, wie es ist, stehen ihm staunend und neugierig, ja auch demütig gegenüber, ohne diese ­Haltung mit Laisser-faire zu verwechseln?
Ella zeigt voller Begeisterung ihr fussballerisches Können. Lesen Sie hier, was Ella dazu sagt. (Symbolbild: Rawpixel.com)
Ella zeigt voller Begeisterung ihr fussballerisches Können. Lesen Sie hier, was Ella dazu sagt. (Symbolbild: Rawpixel.com)
Es wäre schön, sagt Zimet, wenn Eltern einfach sagen dürften: «so ist mein Kind.» «Ein Problem in der Erziehung ist, dass Eltern unausgesprochene Erwartungen spüren und glauben, sie müssten etwas bewirken», sagt die Psychologin. Dass aus dem Kind ein anständiger Mensch wird, dass es sich entfalten kann, dass es dies und jenes wissen muss, damit es promoviert wird. Die Diamantensuche, sagt Nadine Zimet, könne Eltern helfen, das Einzigartige ihres Kindes zu verstehen und es als Reisebegleiter zu unterstützen. «Jeder Mensch, jedes Kind hat Begabungen, das ist quasi der Fingerabdruck seiner Gesamtpersönlichkeit.»

Doch Begabungen könne man nicht erzeugen, nur kennenlernen und wertschätzen. Zum Beispiel mit Hilfe einer wissenschaftlichen Begabungsdiagnostik. «Wir helfen den Eltern und Kindern dabei, sozio-emotionale und intellektuelle Faktoren sowie vor allem die Stärken und die Persönlichkeit des Kindes ehrlich und – ganz wichtig – als Gesamtes anzuschauen», erklärt Zimet. Deshalb sei das Erkennen von Begabung ein psychologisches Thema. Entscheidend sei es, zu einer anderen Haltung zu kommen. «Ein Kind kann nicht anders als lernen, 24 Stunden am Tag tut es nichts anderes, doch wir setzen dem meist das System des Belehrens entgegen», erklärt Zimet. «Das führt dann zum sinnbildlichen Entleeren des Kindes. Begabungen werden im Keim erstickt oder kaputt gemacht.» Ein Kind beispielsweise, das grossen Spass am Klavierspielen hat und Stücke nach Gehör spielt, aber vom Lehrer gezwungen wird, Noten zu lernen, verliert diesen Spass schnell. Sinnvoller wäre, die Lehrmethode zu wechseln. «Oder nehmen wir ein Kind, das sich im Kopf die grossartigsten Geschichten ausdenkt, aber feinmotorisch noch nicht in der Lage ist, diese aufzuschreiben», sagt Zimet. «Was machen wir damit? ­Lassen wir diese Begabung versiegen? Soll das Kind schnell schreiben üben? Nein, wir gehen hin und sagen: Ich finde deine Geschichten so spannend, erzähl sie mir, ich schreibe sie für dich auf.»

Statt Kinder in die Vorstellungen von Erwachsenen zu zwingen, solle man versuchen, mit ihnen in Kontakt zu kommen, präsent zu sein und sich von den Wegen des Kindes leiten zu lassen. Das könnten Eltern genauso gut wie Lehrpersonen. ­Dieses Nicht-mehr-bewirken-Müssen und Sich-einlassen-Können, hat Zimet festgestellt, führe fast sofort zu einer Entspannung zwischen Kindern und Eltern: «Für die Eltern ist das sehr entlastend, sie fühlen sich weniger unter Druck und merken, dass dieses Einlassen viel mehr ihrem Bauchgefühl entspricht als das Abhaken von Aufgaben im täglichen Hamsterrad.»

Um seine Begabungen erspüren und ihnen nachgehen zu können, braucht ein Kind vor allem intrinsische Motivation. Also die Begeisterung für eine Tätigkeit, weil es sie gerne macht und Aufgaben lösen kann. Das macht Spass, und dazu gehören Fehler. «Leider leben wir in einer Kultur, in der Fehler gezählt und angestrichen werden», sagt Zimet. «Das erzeugt Angst und Scham. Das Kind will ausprobieren, nicht blamiert, getadelt und kritisiert werden.» Also versucht es, um Ablehnung zu vermeiden, Fehler zu vermeiden, und hört nach und nach auf zu lernen. «Im Klima der Angst kann Begabung nicht gedeihen», sagt Zimet.
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<div><strong>Claudia Füssler</strong> gehört zu den Menschen, die kein herausragendes Talent, aber viele Begabungen haben. Dazu gehören bei ihr: aus dem Stegreif gruselige Gutenachtgeschichten erfinden, aus nichts ein leckeres Abendessen zubereiten und den einzigen Rechtschreibfehler in der ganzen Zeitung entdecken.</div>
Claudia Füssler gehört zu den Menschen, die kein herausragendes Talent, aber viele Begabungen haben. Dazu gehören bei ihr: aus dem Stegreif gruselige Gutenachtgeschichten erfinden, aus nichts ein leckeres Abendessen zubereiten und den einzigen Rechtschreibfehler in der ganzen Zeitung entdecken.

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