Begabung: Das kann ich richtig gut!
Entwicklung
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Auf Fragen des Kindes richtig ­eingehen

Dass die genetische Komponente eine Rolle für Begabungen spielt, ist für Joëlle Huser klar. Aber die Begabungsexpertin und Autorin, die in ihrer Zürcher Praxisgemeinschaft als Spezialistin für Begabungsförderung arbeitet, sieht einen entscheidenden Anteil auch darin, wie man einem Kind gegenübertritt, das Fragen stellt. «Gibt man dem Kind Antworten? Ist man bereit, es zu begleiten auf dem Weg, den es voller Neugierde sucht, um gemeinsam wieder ins Staunen zu kommen? Oder quittiert man die Fragenden mit: ‹Dafür bist du noch zu klein. Das fragt man nicht.› Es gibt subtile Formen, einem Kind, ohne es zu wollen, die Neugierde abzugewöhnen», sagt Huser. Sie unterscheidet daher zwischen einer entwicklungshemmenden und einer entwicklungsfördernden Haltung. Wer die Fragen des Nachwuchses ständig abwürgt, sie als dumm oder unangemessen bezeichnet und nur in Kategorien wie «das ist richtig» und «das ist falsch» antwortet, ebnet keinen Weg für kreative Prozesse. Die Kinder brauchen Unterstützung in Form von «das ist aber eine interessante Frage» oder «das finde ich eine tolle Idee», auch Gegenfragen öffnen den Raum für bisher Unbekanntes: «Was denkst du denn, wie das ist?»

Raus aus der Komfortzone

Jedes Kind, sagt Huser, komme mit einem Blumenstrauss an Potenzialen auf die Welt. Die Eltern und Lehrpersonen können ihm dabei helfen, die einzelnen Knospen zum Blühen zu bringen. Welche Blüte sich wann und wie öffnet, kann nicht von aussen entschieden werden. Aber man kann sie beobachten und schauen, welche Blüte wann was braucht. «Es geht im Grunde darum, den Kern des Kindes mit Liebe und Wohlwollen zu entdecken, zu sehen, was es ausmacht, und es so anzunehmen», sagt Huser. «Dann fällt es dem Kind auch leicht, sich mit natürlicher Motivation und Neugierde weiterzuentwickeln.»

Dafür kann es mitunter auch mal nötig sein, den Sohn oder die Tochter aus der Komfortzone zu schubsen – zu seinem oder ihrem eigenen Glück. Gerade bei Kindern, die Angst vor allem haben, was neu oder anders ist als das, was sie gewohnt sind, ist das entscheidend. Wenn die Eltern selbst Angst haben, dass ein Kind etwas nicht schafft, schafft es das oft wirklich nicht. Hören die Kleinen aber ein «ich weiss, das ist schwierig, aber du schaffst das, komm probiere mal», macht das Mut. Begabungen, sagt Joëlle Huser, entwickeln sich immer ein bisschen ausserhalb der Komfortzone.
Hat der Nachwuchs mal einen Durchhänger, sollten Eltern kein Drama daraus machen, sondern sanft ermutigen.
Huser hat für Eltern verschiedene Interessenfragebögen für alle Schulstufen entwickelt. Damit können ­­­sie gemeinsam mit den Kindern he­rausfinden, für welche Themen diese sich interessieren. «Um überhaupt Kinder mit hohen Potenzialen finden zu können, muss man bei allen Begabungen aller Kinder ansetzen», erklärt Huser, «und deckt so auch das eine oder andere Interesse auf, das sonst verborgen geblieben wäre.» Das muss auch gar keine Hochbegabung sein. Denn jede Stärke, die ausgelebt werden kann, macht glücklich. Der grösste Lernzuwachs entsteht nämlich im Bereich der Stärken. Dadurch, so Huser, würden Schwächen weniger ins Gewicht fallen.

Wohin es führen kann, wenn Kinder ihren Interessen und Begabungen nicht nachgehen können, sieht man immer wieder bei Erwachsenen. Da stellt eine Person mit Mitte vierzig fest, dass sie durch das Leben und ihr Umfeld in eine bestimmte Richtung gezwungen worden ist, die ihr nicht entspricht. Sie hat das gemacht, was von ihr erwartet worden ist. Und plötzlich entdeckt diese Person, dass in ihr eine Begeisterung und ein Feuer für etwas ganz anderes brennt. «Aussteiger» nennt die moderne Gesellschaft solche Leute gern. Vielleicht sind das aber auch nur Menschen, die als Kinder nicht ihren Weg gehen durften oder konnten. «Für Eltern heisst es deshalb: los­lassen», sagt Huser. Sprich: Die Kinder in dem zu unterstützen, was sie glücklich macht, nicht in dem, was die Eltern für sie vorgesehen haben und was vielleicht mehr Geld oder Prestige bringt.

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