Begabung: Das kann ich richtig gut!
Entwicklung
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Das Kind beobachten und lesen

Familienalben zum Beispiel sind häufig der natürliche Anfang einer Stärkensammlung. «Wofür macht man Fotos, was dokumentiert man damit?», fragt Gauck. «Natürlich die Dinge, die uns Freude bringen und auf die wir stolz sind.» Das erste Lego-Auto, dass der Spross selbst zusammengebaut hat, die ersten Zeichnungen mit Buntstift, das Filmchen, in dem die Tochter fünfzig Sprünge mit dem Springseil schafft – Kinder wollen wahrgenommen werden in dem, was sie tun und schaffen, und sie fordern diese Wahrnehmung und Anerkennung von den Eltern auch ein.

«Etwas vom Wichtigsten, das Eltern machen können, ist gutes Beobachten und Reagieren», sagt Gauck. «Das erleichtert es dem Kind sehr, ein gesundes Selbstkonzept zu entwickeln.» Basis des guten Reagierens ist ein sorgfältiges Feedback. Denn wie wir eine Fähigkeit betrachten, wirkt sich auf die Leistung aus. Rückmeldungen ans Kind sollten immer den dynamischen Aspekt behandeln, nicht den fixen Aspekt. Statt «du bist klug» oder «da hast du Denkfähigkeit bewiesen» sind Sätze wie «du hast dich richtig angestrengt» die bessere Wahl. 
Maya, 9, bastelt auf Basis von Playmobil kleine Welten, die sie in Filmen animiert. Lesen Sie hier, was Maya dazu sagt.
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«Wenn Klugheit oder Intelligenz als gottgegeben betrachtet wird, führt das eher zu Selbstzweifeln, wenn ein Kind mal Fehler macht. Es fragt sich: Bin ich wirklich klug?», erklärt Gauck. Das könne dazu führen, dass das Kind sich nicht mehr bemüht und Herausforderungen annimmt, weil es nicht riskieren möchte, wieder Fehler zu machen und unangenehme Gefühle zu bekommen. Ein Growth-Mindset (dynamisches Selbstbild) hingegen konzentriert sich darauf, individuelle Fähigkeiten wie einen Muskel zu trainieren. Das Kind hat sich angestrengt – das ist ein Prozess, der zu weiteren Ergebnissen führen kann. Wer sein Kind für den Mut lobt, eine Aufgabe anzugehen, die es sich vorher vielleicht nicht vorgenommen hätte, fördert diesen Prozess. «Das ist umso wichtiger, weil unsere Schulen leider nicht sehr gut sind in der Fehlerkultur», sagt Gauck. «Hier geht es noch viel zu häufig darum, Fehler zu vermeiden, statt aus ihnen zu lernen.»

Um einen Begabungsmuskel wachsen lassen zu können, braucht er immer wieder neue Herausforderungen. Diese sollten in der sogenannten Zone der proximalen Entwicklung liegen – dürfen also nicht so leicht sein, dass sie eigentlich keine Herausforderung darstellen, aber auch nicht so schwer, dass ein Scheitern sehr wahrscheinlich ist. Hier ist wieder die Beobachtung von Eltern und Lehrpersonen gefragt: Sie können anhand des aktuellen Entwicklungsstandes eines Kindes am besten einschätzen, welcher nächste kleine Schritt es jetzt weiterbringt.

Eltern müssen ein breites Angebot schaffen

Um Talente und Begabungen entdecken und fördern zu können, ist ein breites Angebot nötig. Überspitzt formuliert: Sie werden ein unglaubliches Eiskunstlauftalent nie ent­decken, wenn es keine Eislaufbahn gibt. «Das Spektrum an Möglichkeiten zum Ausprobieren sollte daher von früher Kindheit an möglichst gross sein», sagt Gauck, «und, das ist sehr wichtig, nicht zu früh zu eng werden – etwa indem Eltern denken: Das geht ja jetzt klar in eine Richtung, der Junge will ­Tennis spielen.» Denn scheinbar grosse Interessen können auch ­wieder nachlassen. Die soziale, kognitive und motorische Entwicklung geschieht in Phasen, so dass immer mal wieder andere Bereiche stärker in den Vordergrund drängen können. «Eltern sollten sich da nicht so viele Sorgen machen, alles hat seine Zeit», sagt Gauck. Ganz klassisch sei das im Jugendalter zu sehen, wenn Kinder sich ihren Peers stärker zuwenden als bisher und sich weniger für schulische oder andere Bildungsinhalte interessieren.
Um einen Begabungsmuskel wachsen lassen zu können, braucht er immer wieder neue Herausforderungen.
Ob sich ein Interesse wirklich dauerhaft verändert oder es sich einfach um ein Motivationsloch beim einst heiss geliebten Hobby handelt, müssen Eltern mit viel Gespür und der schon oft genannten Beobachtung herausfinden. Der Eindruck, dass ein Kind, das Interesse hat, doch selbst üben oder trainieren wollen müsste, täuscht. Üben macht nicht immer Spass, man muss sich aufraffen. Die Psychologie spricht von Selbststeuerung. «Hier müssen wir als Eltern aufpassen, die Kinder nicht zu überfordern, sie brauchen da auch den elterlichen Rahmen, um Tätigkeiten anzugehen, die nicht so lustvoll sind», erklärt Gauck. Hat der Nachwuchs mal einen Durchhänger in Sachen Motivation, sollte man kein Drama daraus machen, sondern sanft ermutigen. Und als verständnisvollen Kompromiss vielleicht anbieten, eine Zeit lang mal weniger intensiv zu üben.
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