Entwicklung

10 Fragen zum Thema Entwicklung und Psychologie

Wie wichtig sind Geschwister? Was kann ich tun, wenn ein Kind oft schlägt oder ausrastet? Diese und weitere Fragen beantworten Expertinnen und Experten in unserem Dossier zum Thema Entwicklung & Psychologie
Redaktion: Claudia Landolt 
Bild: Kirsten Lewis

Wie wichtig sind Geschwister?

Um gut zu gedeihen, braucht ein Kind keine Geschwister. Einen Bruder oder eine Schwester zu haben, hat natürlich Vorteile – aber auch Nachteile. Ein Einzelkind ist ganz einfach eine Variante und kein Grund für Eltern, ein schlechtes Gewissen zu haben. Dieses Schuldgefühl speist sich wohl eher aus den Wunschvorstellungen oder dem Bild, das sich Eltern von einer Familie malen. Man kann es getrost vergessen.

Einzelkinder haben weder mehr Vor- noch mehr Nachteile als Geschwisterkinder. Viel wichtiger als ein Geschwister ist für ein Kind, dass es in einem Umfeld aufwächst, in welchem es gut gedeihen kann.

Jürg Frick, Geschwisterforscher, Psychologe FSP, Autor, Dozent und Berater an der Pädagogischen Hochschule Zürich

Was kann ich tun, wenn ein Kind oft schlägt oder ausrastet? 

Der Umgang mit seinen Gefühlen und die Entwicklung einer inneren Kontrollinstanz lernen Kinder erst im Laufe der Kindergartenzeit. Was Eltern als trotziges Verhalten erscheint, ist oftmals auf eine Unreife des kindlichen Gehirns zurückzuführen, das schlichtweg noch nicht in der Lage ist, manche Reaktionen zu kontrollieren.

Die Impulskontrolle entwickelt sich im Laufe der Zeit von selbst. Man kann das Kind aber unterstützen, sein Potenzial an Selbstkontrolle und Bedürfnisaufschub zu entfalten. Damit Kinder ihre Impulskontrolle trainieren, brauchen sie die Begleitung Erwachsener. Sie können ihre Bedürfnisse, ihre Eindrücke und ihre Gefühle oft noch nicht ausformulieren, reagieren deshalb emotional und körperlich.

Daher ist es wichtig, dass Eltern formulieren, was das Kind fühlt. Mit zunehmender Reife wächst auch die Möglichkeit, sich in die Situation des anderen hineinzuversetzen. «Ich mag nicht gehauen werden, also mag mein Freund auch nicht gehauen werden.» Diese essenzielle Einsicht wirkt besser als jedes Verbot.

Moritz Daum, Entwicklungs­psychologe

Wie wichtig ist Frühförderung?

Die Erkenntnis der Hirnforschung, dass sich das menschliche Gehirn nutzungsabhängig entwickelt, führt bei vielen Eltern zum Fehlschluss, man müsse das Gehirn trainieren wie einen Muskel. Weil sie ihre Kinder für die globalisierte Welt fit machen wollen, haben sich viele Eltern einen gefährlichen Virus eingefangen: die Förderitis.

Aus Angst, ihre Kinder könnten den Anschluss an eine globalisierte Bildungsgesellschaft verlieren, versuchen sie, ihre Kinder auf jede erdenkliche Art zu fördern: Frühenglisch, Kinderyoga, Malkurse und Musikunterricht wechseln sich in einem straffen Zeitplan miteinander ab. Dabei übersehen die Eltern, dass das soziale Umfeld die Hirnentwicklung viel stärker bestimmt als jedes Training. Man kann Eltern also nicht oft genug ermutigen, das Spiel ihrer Kinder ernst zu nehmen.

André Zimpel, Erziehungswissen­schaftler
Mit der Juni-Ausgabe ist das umfangreichste Dossier in der Geschichte des Schweizer ElternMagazins Fritz+Fränzi entstanden: 29 namhafte Expertinnen und Experten – Jesper Juul Fabian Grolimund, Margrit Stamm, Philipp Ramming, Allan Guggenbühl, Eveline Hipeli und viele mehr – beantworten die 100 wichtigsten Fragen zur Erziehung und zum Familienleben.   Das komplette Heft können Sie als Einzelausgabe hier bestellen.
Mit der Juni-Ausgabe ist das umfangreichste Dossier in der Geschichte des Schweizer ElternMagazins Fritz+Fränzi entstanden: 29 namhafte Expertinnen und Experten – Jesper Juul Fabian Grolimund, Margrit Stamm, Philipp Ramming, Allan Guggenbühl, Eveline Hipeli und viele mehr – beantworten die 100 wichtigsten Fragen zur Erziehung und zum Familienleben.

Das komplette Heft können Sie
als Einzelausgabe hier bestellen.

Sollen Eltern zulassen, dass die Kinder nachts ins Elternbett schlüpfen?

Alle Eltern verstehen, dass kleine Kinder leicht in Not und Stress geraten, wenn sie auf dem Weg in den Schlaf alleine sind. Und alle wissen, dass kleine Kinder auch tagsüber eigentlich nicht allein sein können. Im Umgang mit dem Schlaf scheiden sich allerdings die Geister. Die einen geben dem Nähebedürfnis der Kinder nach, die anderen halten dagegen und setzen auf mehr Distanz. Bis heute heisst die Antwort auch hierzulande sehr oft: Du musst das alleine schaffen. Du musst das Schlafen lernen – und zwar so, wie es richtig ist: alleine. Das Schlafproblem scheint ein Erbe aus der Menschheitsgeschichte zu sein.

Denn alle Lebewesen, ob klein oder gross, stehen beim Thema Schlaf ja zunächst einmal vor einem Sicherheitsproblem: Wer in eine Art Koma fällt, ist eine ganze Weile schutz- und wehrlos. Gut also, wenn man dem Sandmännchen Bedingungen stellt! Wir Grossen sorgen zum Beispiel dafür, dass die Haustür verschlossen ist und dass es nicht allzu kalt durchs Fenster windet. Unsere Kinder sorgen auf ihre Art für Sicherheit: Sie können dann entspannen, wenn sie ihre vertrauten, schützenden Bezugspersonen bei sich wissen.

Kein Wunder also geraten kleine Kinder unter Stress, wenn sie sich auf dem Weg in den Schlaf alleingelassen fühlen. Ich denke, es hilft, wenn wir unseren eigenen Schlaf betrachten; es gibt nicht den einen Trick, aber immer geht es um das Thema Entspannung, um das Gefühl einer Schlafheimat – wenn wir da ankommen, dann kommen wir runter.

Wir sollten uns vielleicht an das Feuer erinnern, an dem wir einmal gesessen sind und Geschichten erzählt haben. Wären wir da aufgestanden und hätten unser Kind hinter den Büschen ins Bett gebracht? Und uns dabei geärgert, welche Geschichten wir jetzt gerade verpassen? Nein, das Kind wäre irgendwann eingeschlafen, mittendrin. Da fand es irgendwo seine Schlafheimat. Mit dieser Denke lässt sich heute noch manches entspannter angehen, auch für uns selbst.

Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Bestsellerautor
Anzeige

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.