Elternbildung

Simone Hilber: «Es fehlt eine nationale Kinderrechtspolitik»

Die Soziologin Simone Hilber erstattet mit der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi dem Kinderrechtsausschuss der UNO regelmässig Bericht darüber, wie es um die Kinderrechte in der Schweiz steht. Sie weiss, was drei Jahrzehnte Kinderrechte bewegt haben, wo die Schweiz noch Hausaufgaben zu erledigen hat und wie man die Kinderrechte als Familie im Alltag stärken kann.
Text: Christian Possa
In Zusammenarbeit mit der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi

Frau Hilber, warum braucht es spezielle Rechte für Kinder?

Die Kinderrechte sind wichtig, weil sie Kinder klar von Erwachsenen abgrenzen. Sie signalisieren einerseits, dass Kinder einen höheren Bedarf an Schutz vor Ausbeutung oder Gewalt haben, andererseits stellen sie sicher, dass Kinder als eigenständige, rechtliche Subjekte wahrgenommen werden.

Was hat die Kinderrechtskonvention in den vergangenen Jahren bewegt? 

Die grösste Errungenschaft ist die Anerkennung des eigenen Willens und der eigenen Entscheidungsmacht. Konkrete Veränderungen sind beispielsweise im Adoptionsrecht oder im Kinder- und Erwachsenenschutzgesetz umgesetzt worden. Aber auch an Schulen und in Gemeinden werden Kinder immer häufiger in Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse eingebunden. Jugendparlamente und Kinderkonferenzen verstärken den politischen Einfluss von Kindern und Jugendlichen.
Zur Person: Simone Hilber ist Soziologin und arbeitet bei der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi als Fachperson zu Bildungs- und Evaluationsfragen.
Zur Person:
Simone Hilber ist Soziologin und arbeitet bei der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi als Fachperson zu Bildungs- und Evaluationsfragen.

Mit Fokus auf die Umsetzung der Kinderrechte: Wo muss die Schweiz noch nachbessern?

Auf den ersten Blick geht es Kindern und Jugendlichen in der Schweiz gut. Auf den zweiten Blick hat auch die Schweiz Hausaufgaben zu erledigen – speziell in der Sicherstellung der Rechte für alle Kinder. Es fehlt eine nachhaltige, nationale Kinderrechtspolitik und -strategie. Es ist bedauerlich, dass das föderale System der Schweiz dazu führt, dass der Zugang zu Rechten vom Wohnkanton der Kinder abhängt.

Wie lässt sich die Situation verbessern?

Diese Chancenungleichheit kann nur beseitigt werden, wenn die Kinderrechte und die Empfehlungen des Kinderrechtsausschusses der Vereinten Nationen auch in den Kantonen systematisch umgesetzt werden. Weiter fehlt auch eine systematische Überwachung der Kinderrechte auf nationaler Ebene. Die Datenlage ist aktuell vor allem für vulnerable, das heisst besonders verletzliche Gruppen zu dürftig. Zwar sind Bestrebungen zur Verbesserung der Datenlage betreffend fremdplatzierte Kinder sowie Kinder inhaftierter Eltern im Gange, doch sollten diese weiter reichen – insbesondere für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren im Asyl- und Migrationsbereich.
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Welche Rolle spielen Organisationen wie die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi in diesem Prozess?

Sie tragen dazu bei, dass die Kinderrechte in der Schweiz wahrgenommen werden. Die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi ist Vorstandsmitglied des Netzwerks Kinderrechte Schweiz, einem Zusammenschluss von rund fünfzig Hilfswerken aus der Schweiz. Das Netzwerk setzt sich für die Kinderrechte und ihre Ausgestaltung ein, beispielsweise durch seine regelmässigen Berichte an den UN-Kinderrechtsausschuss.

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