Stefanie Rietzler: Ruhe jetzt
Elternbildung
Seite 2

Gemeinsam mit den Schülerinnen für mehr Ruhe sorgen

«Jetzt seid mal leise!», «Ruhe bitte!» – meist muss die Lehrperson alleine für Ruhe sorgen und die Lernenden müssen sich anpassen. Wer mithelfen möchte und sich als Schüler mit einem «Psst!» zu seinen Klassenkameraden umdreht, wird schnell als Streber abgestempelt. 
In ­schallsanierten Räumen ist die Herzfrequenz von Lehrern um zehn Schläge pro Minute niedriger als in normalen Klassenzimmern.   
In dieser Dynamik bemerken die Lernenden meist gar nicht, dass der Lärmpegel auch sie selbst stört und sich viele Mitschülerinnen und Mitschüler ebenfalls nach mehr Ruhe sehnen.  

Oft ist es bereits hilfreich, die Klasse für das Thema zu sensibilisieren. Gemeinsam kann darüber gesprochen werden, warum es schön ist, stille Momente zu geniessen und möglichst ungestört arbeiten zu können. Vielleicht findet die Klasse kreative Ideen, wie mehr Ruhe Einzug halten könnte? 

Möglichkeiten wären:

  • Eine Lärmampel, die den Dezibelwert misst und mittels eines grünen, orangefarbenen und roten Lichtsignals anzeigt, ab wann es zu laut wird. So erhalten die Schülerinnen und Schüler eine unmittelbare Rückmeldung, ohne dass sich die Lehrperson den Mund fusslig reden muss. Die neueren Lärmampeln lassen sich sogar individuell einstellen.

  • Eine kurze Achtsamkeitsübung am Morgen oder nach der grossen Pause, um zu sich zu kommen und sich zu sammeln. Für einen Moment dem eigenen Atem folgen, sich auf den Klang eines Gongs fokussieren oder bewusst den eigenen Körper wahrnehmen – es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten.

  • Ein- bis zweimal pro Lektion eine kurze, ein- bis zweiminütige Minipause, in der die Fenster geöffnet werden und vielleicht sogar der Blick aus dem Fenster ins Grüne oder auf ein Naturbild schweifen kann. Eine Studie aus Bremen konnte zeigen, dass regelmässiges zweiminütiges Lüften den Lärmpegel nicht nur unmittelbar, sondern auch langfristig verringert. 

Dem Bedürfnis nach Ruhe und Stille kann auch innerhalb der Familie bewusst Rechnung getragen werden. Je nach Familiensituation eignen sich dazu unterschiedliche Rituale. Ein kurzes Schläfchen über Mittag oder nach der Schule hilft dabei, die Batterien wieder aufzuladen. ­An­dere bevorzugen einen Spaziergang an der frischen Luft. Eine Familie mit drei Kindern zwischen sieben und dreizehn Jahren hat nach dem Abendessen eine «Ruhestunde» eingeführt, in der alle Familienmitglieder lesen oder mittels Kopfhörer ein Hörbuch hören, für sich etwas spielen oder einfach ihren Gedanken nachhängen können. Schon bald wurde dies für die ganze Familie zu einer liebgewonnenen Gewohnheit und für die Eltern zu einer wertvollen Pause. Wie ist das bei Ihnen? Wie finden Sie in Ihrer Familie oder Ihrem Klassenzimmer zu ruhigen Momenten?

Zur Autorin: 

Stefanie Rietzler ist Psychologin und Autorin («Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden», «Erfolgreich lernen mit ADHS», «Clever lernen»). Gemeinsam mit Fabian Grolimund leitet sie die Akademie für Lerncoaching, ein Beratungs- und Weiterbildungsinstitut mit Sitz in Zürich: www.mit-kindern-lernen.ch, www.biber-blog.com. Stefanie Rietzler lebt mit ihrem Mann in Zürich. 
Anzeige

Mehr lesen von Stefanie Rietzler: 

  • «Du gehst jetzt raus, bis du dich wieder beruhigt hast»
    Oft sind Kinder so gefangen in ihrer Wut, dass sie andere mit ihren Ausrastern ängstigen. Viele Eltern und Lehrpersonen verordnen dem tobenden Kind dann eine «Auszeit». Dabei wäre es förderlicher, sich in das Kind hineinzufühlen und ihm zu helfen, seine Wut in Worte zu fassen.

  • Wie reagiert Ihr Kind auf Lob?
    Kann Ihr Kind schlecht mit Lob umgehen? Wie sieht das denn bei Ihnen aus? Wer seine eigenen Reaktionen auf Komplimente versteht, kann auch das Verhalten seiner Kinder besser einordnen.


2 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Von Sandra am 19.11.2020 08:48

Bei uns wurde es bei den Mahlzeiten oft sehr laut. Darüber habe ich mich jeweils sehr genervt. In irgend so einer irren Situation ist dann ein Wort entsprach bei dem alle eine Minute ruhig sein müssen. Jeder hat das recht es einmal zu verwenden. Zu Beginn musste das teilweise noch stark durchgesetzt werden, inzwischen halten sich eigentlich alle daran. Übrigens verwenden es die Kinder eben so oft wie die Erwachsenen.

> Auf diesen Kommentar antworten
Von Axel am 19.11.2020 08:06

Bei unseren beiden Töchtern konnte ich am Elternbesuchstag jeweils einen sehr hohen Lärmpegel feststellen und ich war schockiert zu sehen, dass einige Kindern unter einem Pamir arbeiteten. Ich habe mich immer gefragt, weshalb dies überhaupt so ist und konnte mir das nur so erklären, dass die Lehrer versuchen, bei den Schülern die Fähigkeit im Lärm konzentriert arbeiten zu können, fördern wollen. Der Preis dafür schien mir jedoch sehr hoch. Wie aus dem Artikel nun hervor geht, leidert die Lerneffizienz enorm und auch bei den Lehrern verursacht dies Probleme. Es geht allerdings auch anders. Bei einzelnen Schulen und Lehrern herrscht ein tiefer Lärmpegel zum Vorteil aller. Weshalb die Notwendigkeit zu mehr Ruhe im Schulzimmer erst jetzt langsam wahrgenommen wird, ist mir jeodhch unerklärlich.

> Auf diesen Kommentar antworten

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.