Stefanie Rietzler: Ruhe jetzt
Elternbildung

Ruhe jetzt!

Ein hoher Lärmpegel stresst Lehrende wie Lernende. So kommen Kinder in der Schule und zu Hause zur Ruhe.
Text: Stefanie Rietzler
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren
Ich habe für meine zwei von ADHS betroffenen Schüler einen Gehörschutz gekauft, damit sie sich bei der Still­arbeit weniger ablenken lassen», erzählte eine Lehrerin bei einer Weiterbildung. «In den darauffolgenden Wochen kamen immer mehr Kinder auf mich zu und wollten ebenfalls einen Pamir haben. Am Ende sassen alle ausser einer mit Gehörschutz im Klassenzimmer. Das hat mir zu denken gegeben.»

«Kinder sind halt laut», ent­gegnen Eltern gerne, wenn der Geräusch­pegel der Kinder zur Sprache kommt. Dabei geht vergessen, dass Lärm nicht nur für die Erwachsenen, sondern auch für die Kinder zu einer grossen Belastung werden kann. 

Ein Siebenjähriger trifft den Nagel auf den Kopf: «Lärm ist nur toll, wenn man ihn selber macht. Sonst nervt er.»

Je nach Studie geben zwischen 50 und 90 Prozent der Lehrpersonen im deutschsprachigen Raum an, dass Lärm für sie ein zentraler Stressfaktor bei der Arbeit ist. Am stärksten leiden Primarlehrerinnen und -lehrer unter dem hohen Geräusch­pegel. 

Kinder reagieren auf Lärm mit einer erhöhten Ausschüttung von Stresshormonen, welche den Puls und den Blutdruck in die Höhe schnellen lassen. Sie können sich schlechter konzentrieren, wirken zerstreut und haben Probleme, sich Inhalte zu merken. Manche Studien weisen sogar nach, dass Lärmbelastung die Entwicklung im Sprechen, Hörverstehen und Lesen hemmt. 
Auf der emotionalen Ebene reagieren Kinder und Jugendliche mit einer höheren Reizbarkeit und Aggressivität. Manche ziehen sich in ihre Innenwelt zurück im Versuch, den Lärm auszublenden.

Räumliche Anpassungen, Musik, Naturgeräusche

Heute fehlt vielen Schülerinnen und Schülern zudem die Möglichkeit, sich über den Mittag ausreichend von der Lärmbelastung zu erholen, da sie das Mittagessen vielleicht im Hort oder in einer grossen Mensa einnehmen, wo sie wieder im Trubel sitzen. 
Kinder und Jugendliche reagieren mit einer höheren Reizbarkeit und Aggressivität auf Lärm. Manche ziehen sich in ihr Inneres zurück.
Natürlich ist absolute Ruhe in der Schule eine Illusion, aber es lässt sich einiges tun, um die Lärmbelastung wenigstens ein Stück weit zu reduzieren.

Manche Schulen behelfen sich mit Filzgleitern unter den Stuhl- und Tischbeinen, Schallabsorbern aus Schaumstoff und Korkwänden oder montieren eine Akustikdecke, damit es weniger hallt. Das kann einen spürbaren Effekt haben: In einer Messung des Instituts für interdisziplinäre Schulforschung konnte gezeigt werden, dass die Herzfrequenz von Lehrpersonen in schallsanierten Räumen um zehn Schläge pro Minute niedriger war als in normalen Klassenzimmern. 

Mehrere Lehrpersonen haben uns von positiven Erfahrungen mit ruhiger Hintergrundmusik berichtet. Während der Stillarbeit dürfen die Schüler/innen leise Instrumentalstücke hören. Weil die Lernenden der Musik lauschen möchten, sprechen sie beispielsweise bei Partnerarbeiten automatisch leiser. Studien zeigen zudem, dass Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten bei leiser Hintergrundmusik fokussierter arbeiten können. Geeignete Musik findet man unter dem Suchbegriff «Konzentrationsmusik» im Internet. Wichtig ist dabei: nicht zu schnell, zu rhythmisch oder abgehackt, nicht zu laut – und ohne Gesang.

Auch Naturgeräusche – etwa Wasserrauschen, Urwaldgeräusche oder Vogelgezwitscher – können nachweislich die Aufmerksamkeit steigern, das sympathische Nervensystem beruhigen und dadurch Stress reduzieren, die Stimmung heben – und für mehr Ruhe im Klassenzimmer sorgen. 

Ich freue mich immer, wenn ich bei Spaziergängen im Wald nahe unserer Wohnung auf Lehrpersonen treffe, die einzelne Schulstunden mit ihrer Klasse im Grünen abhalten. So viele zufriedene und aufmerksame Gesichter! 

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2 Kommentare

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Von Sandra am 19.11.2020 08:48

Bei uns wurde es bei den Mahlzeiten oft sehr laut. Darüber habe ich mich jeweils sehr genervt. In irgend so einer irren Situation ist dann ein Wort entsprach bei dem alle eine Minute ruhig sein müssen. Jeder hat das recht es einmal zu verwenden. Zu Beginn musste das teilweise noch stark durchgesetzt werden, inzwischen halten sich eigentlich alle daran. Übrigens verwenden es die Kinder eben so oft wie die Erwachsenen.

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Von Axel am 19.11.2020 08:06

Bei unseren beiden Töchtern konnte ich am Elternbesuchstag jeweils einen sehr hohen Lärmpegel feststellen und ich war schockiert zu sehen, dass einige Kindern unter einem Pamir arbeiteten. Ich habe mich immer gefragt, weshalb dies überhaupt so ist und konnte mir das nur so erklären, dass die Lehrer versuchen, bei den Schülern die Fähigkeit im Lärm konzentriert arbeiten zu können, fördern wollen. Der Preis dafür schien mir jedoch sehr hoch. Wie aus dem Artikel nun hervor geht, leidert die Lerneffizienz enorm und auch bei den Lehrern verursacht dies Probleme. Es geht allerdings auch anders. Bei einzelnen Schulen und Lehrern herrscht ein tiefer Lärmpegel zum Vorteil aller. Weshalb die Notwendigkeit zu mehr Ruhe im Schulzimmer erst jetzt langsam wahrgenommen wird, ist mir jeodhch unerklärlich.

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