Elternbildung

Wie reagiert Ihr Kind auf Lob?

Kann Ihr Kind schlecht mit Lob umgehen? Wie sieht das denn bei Ihnen aus? Wer seine eigenen Reaktionen auf Komplimente versteht, kann auch das Verhalten seiner Kinder besser einordnen.
Text: Stefanie Rietzler
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Wie wäre es für Sie, wenn Sie jemand für Ihre Herzlichkeit, Ihre berufliche Kompetenz, Ihre Intelligenz, Ihre Kreativität, Ihre Schönheit, Ihr geschmackvoll eingerichtetes Heim oder Ihre Kochkünste lobt?

Wenn andere uns sagen, was sie an uns schätzen, erhöht dies die Selbstaufmerksamkeit. Wir stehen plötzlich im «Scheinwerferlicht» und werden dazu gezwungen, uns selbst zu betrachten. In unserem Kopf beginnt ein blitzschneller Bewertungsprozess:

  • Stimmt das?
  • Habe ich das «verdient»?
  • Warum sieht diese Person mich so?
  • Welche Absicht verfolgt mein Gegenüber?
  • In einer Gruppe: Was passiert mit den anderen, wenn sie das hören?
  • Wie soll ich reagieren?

Wenn ein Lob Scham, Ärger, Gleichgültigkeit oder sogar Abwehr auslöst, hat dies meist mit einem oder mehreren dieser Aspekte zu tun.
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«Ups, die glotzen mich alle an!»

Schüchterne oder introvertierte Menschen geraten rasch in Stress, wenn sie kurz im Mittelpunkt stehen. Bereitet Ihnen diese Situation ebenfalls Unbehagen? Dann kann es hilfreich sein, wenn Sie sich bewusstmachen, dass Ihr Gegenüber wahrscheinlich auch seinen Mut zusammennehmen musste und ein wenig nervös ist – und Sie mit einem einfachen «Danke» und einem kleinen Lächeln kaum etwas falsch machen können. Entlastend wirkt auch der folgende Gedanke: «Ich darf zeigen, dass mich diese Rückmeldung berührt.»

Lehrpersonen berichten mir häufig, dass einzelne Schülerinnen und Schüler beschämt auf Lob und ­Komplimente reagieren. Manchmal steckt dahinter die Angst vor Neid. Liest die Lehrperson einen beispielhaften Aufsatz in der Klasse vor oder lässt jemanden im Sportunterricht vorturnen, ängstigen sich manche Jugendliche zurecht, danach als Streber oder «Lehrerliebling» verspottet zu werden. Also zeigen sie keinerlei Regung, um den anderen möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.

In solchen Fällen entfaltet ein nettes Wort oft mehr Wirkung, wenn es beiläufig ausgesprochen wird, die Rückmeldung unter vier Augen erfolgt oder in Form einer kleinen Notiz, über die man sich in aller Ruhe freuen darf.
Nicht selten schwingen in Komplimenten auch Erwartungen mit, die uns unter Druck setzen. Das kann Ärger auslösen oder Ängste schüren.
Es gibt Komplimente, die wir immer wieder hören. Stimmen sie mit unserem Selbstkonzept überein, können wir darauf souverän reagieren. Manchmal sind wir schon fast genervt, wenn dem Umfeld nichts anderes an uns auffällt und wir auf den immer gleichen Aspekt reduziert werden.

Intensivere Gefühle lösen Komplimente aus, die neu sind. Oft ­klingen diese in unseren Ohren so ungewohnt, dass wir nochmals nachfragen müssen, ob wir sie richtig verstanden haben.

Nach dem ersten, irritierten «Was? Wirklich?» sind es oft genau diese Aussagen, die uns am meisten freuen.

«Die überschätzt mich!»

Sie können aber auch zu Unsicherheit und Abwehr führen: «Bin ich wirklich so? Das stimmt doch gar nicht! Die überschätzt mich!» In solchen Fällen tun wir unseren Beitrag als eine Selbstverständlichkeit ab oder weisen darauf hin, dass andere «das noch viel besser können».

Das ist schade, weil wir damit nicht nur uns selbst kleinmachen, sondern manchmal auch Menschen vor den Kopf stossen, die uns eine Freude bereiten möchten.
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Manche Jugendliche reagieren dünnhäutig auf positive wie ­negative Rückmeldungen, weil sie das Gefühl haben, ständig unter Beobachtung zu stehen.
Wir können solche Komplimente besser annehmen, wenn wir uns bewusstmachen: Andere Menschen dürfen andere Aspekte an mir wahrnehmen als ich selbst. Das fällt leichter, wenn wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass andere Menschen uns nur dann «wirklich kennen», wenn sie uns genau gleich sehen wie wir uns selbst.

Wenn uns eine Rückmeldung irritiert, dürfen wir nachfragen: «Wie kommst du darauf?», und uns auf ein spannendes Gespräch einlassen. Manchmal müssen wir auch anerkennen, dass es immer wieder Menschen geben wird, die etwas in uns hineinprojizieren, mit dem wir uns nicht identifizieren können – und dass es sinnlos ist, dagegen anzu­gehen.

«Was will die von mir?»

Teilweise fällt es uns schwer, Komplimente anzunehmen, weil wir spüren, dass das Gegenüber nicht wirklich an uns als Mensch interessiert ist, sondern eigene Absichten verfolgt. Wer beispielsweise hört, dass er «immer so hilfsbereit ist» und im nächsten Satz gefragt wird, ob er «noch bei XY einspringen könnte», fühlt sich rasch manipuliert und ärgert sich.

Nicht selten schwingen in Komplimenten auch Erwartungen mit, die uns unter Druck setzen. Mittels Aussagen wie «Du bist doch schon ein grosses Mädchen» oder «Er ist so ein guter Schüler» etabliert man eine Normvorstellung, an der sich das Gegenüber zukünftig auszurichten hat. Das kann Ärger auslösen, Aggressionen begünstigen oder Ängste schüren.

Eltern erzählen mir immer wieder, dass ihre Jugendlichen dünnhäutig auf Rückmeldungen reagieren – egal ob positive oder negative. Manchmal steckt dahinter das Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen, sich permanent beweisen und nie richtig gehen lassen zu können: in der Schule, beim Sport, in der Musik und in der Clique bezüglich Coolness, Aussehen und Beliebtheit.

Die Jugendlichen scheinen derart ermüdet von der permanenten Vermessung ihrer Person und Leistung, dass auch Komplimente plötzlich mit einem «Dauernd will jemand etwas von mir und muss seinen Senf dazugeben! Könnt ihr mich jetzt einfach mal alle in Ruhe lassen?!» quittiert werden.

Es ist gesund, wenn wir diese Gefühle wahrnehmen und offen sind für die Botschaft, die dahintersteht. Sie bewahren uns vor Verletzungen unserer Integrität und schützen uns davor, unser Denken, Fühlen und Handeln zu stark nach anderen auszurichten.

«Und wie lobe ich nun richtig?»

Vielleicht ging Ihnen diese Frage beim Lesen durch den Kopf und Sie wünschen sich nun ein klassisches Rezept wie «Lobe authentisch! Lobe unmittelbar! Lobe das (Arbeits-)Verhalten deines Kindes anstatt seine Begabung, Intelligenz oder das Ergebnis!».

Ich möchte Sie mit diesem Artikel lieber dazu anregen, Ihren Kindern, Ihren Schülerinnen und Schülern oder Freunden und Partnerinnen und Partnern näherzukommen, sie besser kennenzulernen. Vielleicht mittels Fragen wie: Was sind die drei schönsten Komplimente, die du jemals bekommen hast? Welche Rückmeldungen freuen dich? ­Warum? Wann wird es dir unangenehm? Welche Sätze nerven dich? Und was fällt zu selten jemandem an dir auf?

Zur Autorin:

Stefanie Rietzler ist Psychologin und Autorin («Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden», «Erfolgreich lernen mit ADHS», «Clever lernen»).

Gemeinsam mit Fabian Grolimund leitet sie die Akademie für Lerncoaching, ein Beratungs- und Weiterbildungsinstitut mit Sitz in Zürich:

www.mit-kindern-lernen.ch,
www.biber-blog.com

Stefanie Rietzler lebt mit ihrem Mann in Zürich. 

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Stefanie Rietzler schreibt diese Kolumne fürs ElternMagazin Fritz+Fränzi im Wechsel mit ihrem Kollegen Fabian Grolimund. Wenn Sie keine Kolumne verpassen möchten, sichern Sie sich ein Abo!

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2 Kommentare
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Von Ralf am 05.12.2019 15:46

Liebe Stefanie Rietzler, Ihr Bericht trifft NICHT nur auf Kinder zu. Ich berate viele Firmen und Führungskräfte bezüglich Lob und Anerkennung (von erwachsenen MitarbeiterInnen). Und sehr häufig wird dieses Thema sehr vernachlässigt und ist für mich eines von diversen Ursachen von Burn-Out. Vielen Dank für Ihren Bericht und mit herzlichen Grüßen, Ralf Haupts

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Von Nadja am 04.12.2019 19:40

Toll, wie man auf empathische und zur Reflexion inspirierenden Art und Weise an dieses Thema herangeführt wird. Die differenzierte Betrachtung befähigt den Leser sich bewusst mit der eigenen Wahrnehmung diesbezüglich und mit der Reaktion anderer auseinanderzusetzen und die offenen Hilfestellungen in Form möglicher entlastender Haltungen sind gleich tolle Unterstützungsangebote. Danke!

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