Desktop grolimund neu 1130x500
Elternbildung

«Hilfe, mein Kind vergleicht sich ständig mit anderen!»

Für unsere Entwicklung ist es wichtig, dass wir uns mit anderen messen. Was aber sollen Eltern tun, wenn das eigene Kind sich ständig vergleicht und daraus Enttäuschung und Frust entstehen?
Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Im Frühling 1960 lieferten sich in einem Innenhof in St. Gal­len zwei Kindergartenkinder das folgende hitzige Wortge­fecht:

 «Meine Eltern haben das grösse­re Auto als ihr!» – «Dafür haben wir ein Haus!» – «Aber ein altes! Wir haben eine neue Wohnung und mehr Geld!» Jetzt wurde es schwie­rig für meinen Onkel: «Dafür hat mein Vater mehr Kinder!» – «Aber wir reisen dafür in den Ferien weiter weg!» Mein Onkel hörte sich fast verzweifelt an, als er seinen letzten Trumpf ausspielte: «Dafür hat mein Vater viel mehr Haare auf dem Bauch als deiner!» Mit dem haarigen Argument hatte mein Onkel, damals fünf Jahre alt, den Schlagabtausch gewonnen.

Eltern fragen mich immer wie­der, wie sie ihren Kindern das Ver­gleichen abgewöhnen und sie darin bestärken können, mehr auf die eigenen Stärken und Fortschritte zu achten.

Bevor ich auf diese Frage eingehe, möchte ich betonen, dass es zur natürlichen Entwicklung eines Kin­des gehört, sich mit anderen zu ver­gleichen und zu messen.
Kleinere Kinder achten vor allem auf äussere Unterschiede.
Sobald Kinder sich selbst und andere erforschen, beginnen sie, auf Ähnlichkeiten und Unterschiede zu achten. Kleineren Kindern fallen zunächst die gut sichtbaren äusseren Unterschiede auf – insbesondere diejenigen, die in der kindlichen Welt Bedeutung haben: Wer ist der Grösste, der Stärkste, die mit den längsten Haaren?

Jüngere Kinder sind dabei meist noch sehr von sich selbst überzeugt. Und natürlich sind auch ihre Väter die Stärksten und Grössten, das Mami das Schönste. Nach und nach entdecken sie, dass andere in be­stimmten Dingen besser abschnei­den. Erste Enttäuschungen schlei­chen sich ein, und gleichzeitig wird das Bild von sich und anderen differenzierter: «Papa, der Papa von Marius ist grösser als du!»

Im Grundschulalter, wenn die Gleichaltrigen wichtiger werden und die Kinder sich und andere immer besser einschätzen können, nimmt das Vergleichen meist zu. Dabei lernen wir uns mit unseren Stärken und Schwächen kennen. Das eigene Bild wird im Verlauf der Jahre und Jahrzehnte nuancierter und realistischer. Wenn wir Glück haben, gelingt es uns in diesem Pro­zess, uns selbst immer besser anzu­nehmen, unsere starken Seiten zur Geltung zu bringen und uns mit unseren Deffiziten und Schwächen auszusöhnen.

Wie soll ich reagieren, wenn mein Kind sich mit anderen vergleicht?

Ganz allgemein würde ich dazu raten, mit Vergleichen unter Kin­dern gelassen umzugehen. Vielleicht ist es gar nicht nötig, etwas dazu zu sagen ausser ein kleines «Hm» oder «Aha»?

Wenn Kinder dabei schmerzhaf­te Erfahrungen machen, können wir sie als Eltern begleiten – im Vertrau­en darauf, dass Kinder auch mit gelegentlichen Enttäuschungen zu­rechtkommen.

Als ich nach einem zusätzlichen Kindergartenjahr in die Schule kam, war ich noch immer auffallend lang­sam und verträumt. Eine wunder­bare Lehrerin und meine Eltern bestärkten mich und gaben mir das Gefühl, auf gutem Weg zu sein. Ende der ersten Klasse trug ich stolz mein Zeugnis nach Hause. Ich öffnete den Umschlag kurz vor unse­rem Haus und betrachtete die zwei Vierer und den Viereinhalber, die in schöner Handschrift  eingetragen waren.

Mein bester Freund lief neben mir und schaute sich seines an. Als ich durch das Gartentor zu unserem Haus wollte, meinte er: «Zeig mal deines!» Er hielt die Zeugnisse ne­beneinander. Ich sah seine Fünfein­halber und Sechser und er erklärte mir, dass meine Noten «schlecht» seien. Alle Beteuerungen meiner Eltern, dass eine Vier doch bedeute, dass ich «genügend» sei und sie sich darüber freuten, halfen wenig. Ich wusste nun, wo ich stand.

Anzeige
0 Kommentare
Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren