Elternbildung

Die Jugend von heute? Ein Grund zur Freude!

Jugendliche sind heute angepasst, konsumorientiert und unpolitisch – so die landläufige Meinung über die Generation Z. Von wegen, sagt unser Kolumnist. Die heutige Generation ist unbequem, engagiert, meinungsstark, steht zu ihren Gefühlen und fordert uns Eltern heraus. Gut so!
Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Was ist nur mit der «heutigen Jugend» los? Glaubt man vielen Medien­berichten und Darstellungen in Büchern, dann sind sie beziehungsunfähig, egozentrische Tyrannen, funktio­nieren nur nach dem Lustprinzip, können sich nicht konzentrieren, hängen nur am Smartphone, sind verhaltensauffällig, konsum­orientiert, unpolitisch und verantwortungslos.

Mich stört dieses Bild. In den sozialen Netzwerken kursieren unzählige solcher Behauptungen, sie werden unseren Jugendlichen aber nicht gerecht. Und sie entfremden uns voneinander.
Umso mehr hat es mich gefreut, wie viel Aufmerksamkeit die Rede von Greta Thunberg erhalten hat – einer 16-Jährigen, die glaubt, dass man «nie zu klein dafür ist, um einen Unterschied zu machen», und die den Mut hatte, am Klimagipfel in Polen vor laufenden Kameras den mächtigsten Menschen der Welt die Leviten zu lesen.

Seit August 2018 schwänzt sie am Freitag die Schule, um auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam zu machen – anfangs gegen den Willen ihrer Eltern und massiven äusseren Druck, mit der Zeit mit immer mehr Unterstützung. Mittlerweile hat sie weltweit Zehntausende Schülerinnen und Schüler zu Klimastreiks bewegen können.

Greta Thunberg ist nur ein Beispiel von vielen. Felix Finkbeiner liegt die Umwelt ebenfalls sehr am Herzen. Er sagte der «Frankfurter Allgemeinen»: «Wir Kinder fühlen uns verarscht.» Aber anstatt sich lähmen zu lassen, ist er selbst aktiv geworden und hat angefangen, Bäume zu pflanzen. Mit neun Jahren hat er die Umweltorganisation «Plant-for-the-Planet» ins Leben gerufen, die mittlerweile in über 50 Ländern aktiv ist. 
«Ihr seid nicht erwachsen genug, die Wahrheit zu sagen», klagt Umweltaktivistin Greta Thunberg. «Sogar diese Bürde überlasst ihr uns Kindern.»
Aber nicht nur Umweltprobleme werden von Kindern und Jugendlichen angegangen: Im September 2018 hatte der siebenjährige Emil aus Hamburg genug davon, dass sein Vater ständig ins Smartphone glotzt – und startete eine Kinderdemo unter dem Motto «Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr nur aufs Handy schaut!».

Wer die Augen offen hält, sieht überall Kinder und Jugendliche, die sich nicht nur trauen, ihre Meinung zu sagen und zu ihren Gefühlen zu stehen, sondern sich auch aktiv für ihre Ziele einbringen und etwas in Bewegung setzen.
Was mich dabei besonders erstaunt: Sie machen das auf eine unaufgeregte, bedachte und verantwortungsvolle Weise, der wir Respekt zollen müssen. 

Reden und Demonstrationen sind die Ereignisse, die wir aus den Medien mitbekommen. Wer mit Jugendlichen spricht, findet viele Beispiele im Alltag. Junge Menschen, die sich Ziele setzen, Verantwortung übernehmen, sich um andere kümmern, denen Werte wie Familie, Freundschaft, Gerechtigkeit und die Umwelt wichtig sind.
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Auch wenn uns die Medien ein anderes Bild vermitteln oder auch diese Befunde mit einer Überschrift wie «Generation brav» ins Negative verkehren wollen: Jugendliche rauchen und trinken heute weniger (WHO 2016) und bemühen sich aktiv um einen gesunden Lebensstil (Jugendbarometer 2018). Sie nehmen Schule, Beruf und Studium ernst (Juvenir 4.0) und haben ein besseres Verhältnis zu ihren Eltern als frühere Generationen.

Die Eltern von heute

Auf diese Entwicklung dürfen wir als Eltern stolz sein. Auch das ist uns heute fast peinlich. Der Trend lautet: sich aufregen, sich schuldig fühlen und mit dem Finger auf Negativbeispiele zeigen – Helikoptereltern, Eltern, die nur Freunde ihrer Kinder sein wollen, anstatt sie zu erziehen etc.

Natürlich gibt es sie: die vernachlässigenden, überbehütenden, kontrollsüchtigen Eltern – uns allen fallen Beispiele dazu ein. Aber daneben gibt es so viele Eltern, die ihre Sache gut machen. Eltern, die ihren Kindern mit Liebe und Herzlichkeit begegnen, ohne sie zu verwöhnen. Eltern, die Grenzen aufzeigen und ihren Kindern Sicherheit geben, ohne sie zu demütigen oder zu bestrafen. Eltern, die ihre Kinder zu einfühlsamen, selbstbewussten Menschen heranziehen, die selber denken und für sich und ihre Bedürfnisse einstehen können.
Es ist schade, dass Emils Eltern zu viel aufs Handy glotzen. Auf der anderen Seite haben sie einen Sohn, der bereits mit sieben Jahren merkt, dass ihm das nicht guttut, der den Mut hat, dies zu äussern, eine konstruktive Lösung findet und sogar andere dazu bewegt, aktiv zu werden. Es sind Eltern, die mutig genug sind, sich mit dieser Botschaft auseinanderzusetzen und ihren Sohn in seinem Protest zu unterstützen. 

Auch früher gab es Väter, die hinter der Zeitung verschwanden und sich kaum ins Tischgespräch einbrachten – aber sie hätten eine Beschwerde des siebenjährigen Kindes wohl kaum zum Anlass genommen, sich selbst zu hinterfragen. 

Die Jugend von heute macht es uns nicht einfach

Menschen wie Greta sind unbequem. Sie sagen Dinge zu uns wie: «Ihr seid nicht einmal erwachsen genug, die Wahrheit zu sagen. Sogar diese Bürde überlasst ihr uns Kindern.» Und wir fühlen uns ertappt, vielleicht beschämt, hoffentlich wachgerüttelt. 

Wir ziehen eine Jugend heran, die anspruchsvoll ist, die uns herausfordert, deren Respekt wir uns als würdig erweisen müssen. Wir Erwachsenen können uns nicht mehr hinter Status, Titeln und Rollen verschanzen. Immer mehr Jugendliche fragen nach dem «Warum» und geben sich mit einem «Darum», «Du machst das, weil wir das sagen» oder einem «Denk nicht drüber nach, mach es einfach» nicht zufrieden. 
Junge Menschen übernehmen  Verantwortung, setzen sich
Ziele, kümmern sich um andere.
Ihnen sind Werte wie Familie
und die Umwelt wichtig.
Wenn wir Jugendliche möchten, die selber denken, dann müssen wir bereit sein, uns konfrontieren zu lassen. Das tut manchmal weh und verunsichert uns. Aber es bietet uns die Chance, Bestehendes zu hinterfragen und bessere Antworten zu suchen.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff, Autor des Buchs «Warum unsere Kinder Tyrannen werden», sagte in einem Interview in dieser Zeitschrift: «…denn so funktioniert die Psyche eines Kindes: Was es tut, tut es für mich. Wenn ich es lobe, strahlt es, es sucht immer meine Rückmeldung. Erst ein 14-Jähriger fängt an, Dinge zu hinterfragen – wenn er normal entwickelt ist. Mit 16 ist er so weit, dass er abwägt, was er machen soll und was nicht.»

Kinder und Jugendliche wie Greta, Felix und Emil hätten für eine derartige Einschätzung wohl nur ein müdes Lächeln übrig. Ein Grund zur Freude.

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2 Kommentare

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Von Andrea am 11.03.2019 19:37

Ja, auch ich danke Ihnen herzlich für diesen wichtigen Artikel. Es tut uns Erwachsenen gut, uns zu hinterfragen. Es tut gut, zu überlegen, ob wir wirklich erwachsen sind und genügend Verantwortung übernehmen. Erwachsene, die wirklich erwachsen das Leben anpacken - unsere Kinder und Jugendliche haben solche Erwachsene verdient.

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Von Franziska am 10.03.2019 14:58

Ich unterschreibe jedes Wort - dank für diesen reflektierten Artikel!

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