Stefanie Rietzler über Kinder, die sich zuhause anders verhalten als in der Schule
Elternbildung
Seite 2

Der Einfluss der Situation wird oft ausgeblendet 

Vieles spricht dafür, dass Joels Eltern und der Lehrer sich unbemerkt im sogenannten «fundamentalen Attributionsfehler» verfangen haben. Der Sozialpsychologe Lee Ross prägte den Begriff für das folgende Phänomen in den 70er-Jahren: Er konnte in verschiedenen Experimenten nachweisen, dass wir Menschen dazu neigen, die Handlungen anderer viel zu stark auf deren Charakter, Persönlichkeitseigenschaften oder Grundeinstellung zurückzuführen und den Einfluss der Situation auszublenden.  

Wann immer wir behaupten: «Dieses Kind ist ...», können wir ­besser sagen: «In diesem Kontext verhält sich das Kind auf eine bestimmte Art und Weise». Bei Joel liesse sich so beispielsweise feststellen, dass er in Situationen sehr motiviert und ausdauernd lernt, in denen er die Themen, den Ablauf und die Lernform frei wählen kann, und dass sich dies ins Gegenteil verkehrt, je stärker Inhalte von aussen vorgegeben werden und nach einem festen Plan bearbeitet werden müssen. Fürsorglich und einfühlsam zeigt sich Joel seinem kleinen Bruder oder den jüngeren Nachbarskindern gegenüber. In einer Gruppe mit Gleichaltrigen kann er aber aufdrehen, wild sein und um den Führungsanspruch kämpfen – eine Facette, die die Eltern selten zu Gesicht bekommen. Manchmal trat sie zwar bei einer Geburtstagsparty oder bei einem Fussballspiel des Sohnes hervor, fiel den Eltern jedoch nicht auf, weil sie sie als untypisch abtaten.
«Oft komme ich mir vor wie ein Blitzableiter, auf den sich die ganze Anspannung eines Schultages entlädt», erzählt eine Mutter. 
Je stärker wir davon überzeugt sind, dass ein Mensch «halt ist, wie er ist», desto weniger Entwicklungspotenzial gestehen wir ihm zu. Schnell findet sich das Kind in einer festen Rolle wieder – der Bestimmer, die Faule, die Zicke oder der Angsthase –, aus der es nur noch schlecht ausbrechen kann. Sprechen wir hingegen davon, dass sich ein Kind in bestimmten Situationen oder unter bestimmten Umständen herausfordernd verhält, weitet dies den Blick für kleine, aber wichtige Unterschiede und öffnet uns wieder für den Dialog.

Zur Autorin: 

Stefanie Rietzler ist Psychologin und Autorin («Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden», «Erfolgreich lernen mit ADHS», «Clever lernen»). Gemeinsam mit Fabian Grolimund leitet sie die Akademie für Lerncoaching, ein Beratungs- und Weiterbildungsinstitut mit Sitz in Zürich: www.mit-kindern-lernen.ch, www.biber-blog.com. Stefanie Rietzler lebt mit ihrem Mann in Zürich. 

Mehr lesen von Stefanie Rietzler: 

  • Ruhe jetzt!
    Ein hoher Lärmpegel stresst Lehrende wie Lernende. So kommen Kinder in der Schule und zu Hause zur Ruhe.

  • «Du gehst jetzt raus, bis du dich wieder beruhigt hast»
    Oft sind Kinder so gefangen in ihrer Wut, dass sie andere mit ihren Ausrastern ängstigen. Viele Eltern und Lehrpersonen verordnen dem tobenden Kind dann eine «Auszeit». Dabei wäre es förderlicher, sich in das Kind hineinzufühlen und ihm zu helfen, seine Wut in Worte zu fassen.

  • Wie reagiert Ihr Kind auf Lob?
    Kann Ihr Kind schlecht mit Lob umgehen? Wie sieht das denn bei Ihnen aus? Wer seine eigenen Reaktionen auf Komplimente versteht, kann auch das Verhalten seiner Kinder besser einordnen.
Anzeige

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.