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Elternbildung

Frau Härter, wann kann ein Kind alleine bleiben?

Alleine zu Hause bleiben: Manche Kinder finden die Vorstellung berauschend, andere beängstigend. Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind bereit ist für diesen Schritt? Was, wenn die Tochter auf die Strasse rennt? Oder der Sohn den Topf auf dem Herd vergisst? Erziehungsberaterin Rahel Härter vom Kinder und Jugenhilfezentrum kjz Winterthur weiss Antwort.
Interview: Kathrin Blum

Für die Entwicklung eines Kindes ist es wichtig, dass Väter und Mütter ihnen etwas zutrauen. Gelingt das Eltern bei Söhnen und Töchtern gleich gut?

Ich erlebe, dass an Jungen und Mädchen teils unterschiedliche Erwartungen gestellt werden. Diese wirken auf die Kinder - und auch auf die Eltern selbst. Denn wenn Eltern Vertrauen haben, dass ihr Kind etwas alleine schafft, fällt es leichter loszulassen. Umgekehrt machen sich Väter und Mütter mehr Sorgen, wenn sie davon ausgehen, dass es Schwierigkeiten geben könnte. Ich habe den Eindruck, dass von Mädchen eher erwartet wird, dass sie weniger Seich machen als Jungen.
Bei Anweisungen ist «Tu dies» viel besser als «lass das». 

Sind Mädchen tatsächlich vernünftiger?

Ich bezweifle das. Ein Stück weit hängen Reaktionen von Kindern damit zusammen, was und wie Eltern etwas kommunizieren. Zu sagen:  «Mach keinen Seich»  ist etwas anderes, als:  «Ich traue dir das zu, du bist vernünftig genug». In meinen Beratungen beobachte ich immer wieder, dass Jungen eher gesagt wird, was sie nicht tun sollen. Dabei schwingt oft die Erwartung mit, dass sie sich nicht an die Regeln halten. Bei Mädchen beobachte ich, dass Eltern öfter positive geben, die für Kinder auch einfacher umsetzbar sind. Es ist immer besser, klar und vor allem positiv zu formulieren, wie sich das Kind verhalten soll. Also nicht: «Renn nicht auf die Strasse», sondern: «Bleib auf dem Gehweg». «Tu dies» ist besser als «lass das». 
Die Psychologin Rahel Härter (33) arbeitet als Erziehungsberaterin im  kjz Winterthur, einem von 14 Kinder- und Jugendhilfezentren, die zur Bildungsdirektion des Kantons Zürich gehören. 
Die Psychologin Rahel Härter (33) arbeitet als Erziehungsberaterin im  kjz Winterthur, einem von 14 Kinder- und Jugendhilfezentren, die zur Bildungsdirektion des Kantons Zürich gehören. 

Wenn ich mein Kind allein lassen will, lautet die Anweisung also: «Bleib in der Wohnung und streiche dir ein Butterbrot, wenn du Hunger bekommst». Wann ist mein Kind dafür alt genug?

An einem bestimmten Alter kann man das nicht festmachen. Dafür entwickeln sich Kinder zu unterschiedlich. Eltern sollten sehr genau schauen, wo ihr Kind steht, welche Impulse von ihm selbst kommen, und was sie ihm zutrauen können. Unabhängig davon ist das Lernen, alleine zu sein, eine Entwicklung in Richtung Selbstständigkeit. Es stellt sowohl für Kinder als auch Eltern einen Ablösungsprozess dar, zu dem viele kleine Schritte gehören. 

Wie könnte ein erster Schritt aussehen?

Erste Schritte sind ein Üben in Alltagssituationen, in denen Eltern das Kind für kurze Zeit alleine lassen. So zum Beispiel, wenn der Vater oder die Mutter kurz ohne das Kind im Keller etwas holen muss oder ins Bad geht. Dabei sollten sie ihr Kind genau beobachten, wie es reagiert. Solche Erfahrungen helfen, das Kind einschätzen zu können und herauszufinden, was für das Kind passend ist. Wenn es von heute auf morgen heisst: «So, jetzt bleibst du mal alleine zu Hause», fühlen sich Kinder rasch überfordert. Wichtig ist, dass Kinder und auch Eltern während dieses Prozesses üben und lernen können.
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