Elternbildung

Strafe – muss das sein?

Wie bringen wir ein Kind dazu, das eine zu tun und das andere zu unterlassen? Indem wir es bestrafen oder ihm etwas Positives entziehen. Doch es geht auch anders: mit Beharrlichkeit, Ausdauer und ein wenig Mut.
Text: Fabian Grolimund
llustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren 
Mein Onkel hatte ein Mantra: «Schimpfen tut nicht weh. Hauen geht nicht lang. Töten darf er mich nicht.» Mit ­diesen Sätzen versuchte er sich morgens Mut zu machen, wenn er zur Schule musste. Dort hiess es: «Hast du das Gedicht gelernt? Aufsagen!» Fiel es ihm nicht mehr ein oder ­hatte er die Hausaufgaben vergessen, verprügelte ihn sein Grundschullehrer mit dem Gehstock. 
Es ist noch nicht lange her, dass solche Strafen nicht nur geduldet, sondern als wirksames Erziehungsmittel propagiert wurden. Das höchste Ziel in der Erziehung war der Gehorsam, man wollte Kinder, die sich unterordnen können.

Online-Dossier: Erziehen ohne Strafe

«Wenn du jetzt nicht, dann ...» Solche Sätze kennen viele Eltern. Strafen oder nicht strafen, das ist die Frage, die sich viele Eltern stellen. Die Antwort ist klar: Erziehen ohne strafen geht – auch wenn es nicht immer einfach ist. Eine Anleitung und viele Tipps lesen Sie in unserem Dossier «Erziehen ohne Strafe»
Heute jedoch lehnen die meisten Eltern und Lehrpersonen dieses Erziehungsziel ab. Wir wollen nicht gehorsame, sondern lebendige ­Kinder. Wir wollen keine Befehls­em­pfänger, sondern Kinder mit einem moralischen Kompass, der Fähigkeit nachzudenken, sich eine eigene Meinung zu bilden und persönliche Grenzen zu wahren. Wir möchten Kinder, die sich sozial verhalten, weil sie sich in andere einfühlen können, und nicht, weil sie sich vor Strafen fürchten.
Dann gibt es natürlich auch Situationen, in denen wir von unseren Kindern erwarten, dass sie sich führen lassen, nach­geben und Regeln befolgen. Dabei appellieren wir zunächst an ihre Einsicht, versuchen ihnen zu erklären, weshalb uns das wichtig ist, kommen dann aber rasch wieder mit Strafen, wenn das nicht funktioniert. 
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Haben Lehrpersonen keine andere Wahl als zu strafen?

Noch schwieriger ist es in der Schule. Mit einem oder drei Kindern etwas auszuhandeln, ist vergleichsweise einfach. Mit über 20 Kindern, die zu Hause jeweils sehr unterschiedlich erzogen werden, ist es extrem anspruchsvoll. Viele Lehrpersonen haben daher das Gefühl, dass ihnen einfach keine andere Wahl bleibt, als Strichlisten zu führen, rote oder gelbe Karten zu arbeiten oder mit Nachsitzen zu drohen.  Das Problem ist, dass diese Strafsysteme meist schlecht funktionieren, regelmässig den beabsichtigten Zweck verfehlen und häufig ziemlich unappetitliche Nebenwir­kungen haben. 
Wenn ich im Rahmen von Fortbildungen mit Lehrpersonen über dieses Thema spreche, bitte ich sie jeweils um Folgendes: «Denken Sie an das Kind in Ihrer Klasse, das Sie am häufigsten bestrafen müssen. Wie hat es sich diese Woche in Ihrer Klasse verhalten? Wie war es zu Beginn des Schuljahres? Wenn Sie das Gefühl haben, dass sich die ­Situation durch die Strafen wesentlich gebessert hat, dann heben Sie jetzt bitte die Hand.» 
Das Problem ist, dass 
Strafsysteme meist schlecht funktionieren und den 
beabsichtigten Zweck verfehlen. 
Bei einem Vortrag vor 500 Lehrpersonen ging genau eine einzige Hand nach oben. Wie sich dann aber herausstellte, waren es die Gespräche nach der Strafe und die gute Beziehung zur Lehrperson, die dem Kind dabei halfen, sich auf das Lernen einzulassen. 
Meist ist genau das Gegenteil einer Besserung der Fall: Die Beziehung ist vergiftet, das Kind lehnt sich mit aller Macht gegen diese Behandlung auf und seine Motiva­tion nimmt zusehends ab. 

Wie setzen wir als Eltern oder Lehrpersonen Regeln ohne Strafen durch?

Doch was können wir als Eltern oder Lehrperson tun, wenn uns etwas wichtig ist? Wenn wir gewisse Regeln festlegen, an die sich die ­Kinder einfach halten müssen, egal ob es ihnen gefällt oder nicht, ob sie es einsehen oder nicht? 

Ich selbst bin mit sehr wenigen Regeln aufgewachsen. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht erinnern, dass meine Eltern jemals bewusst Regeln aufgestellt hätten. Es war einfach klar, dass man Rücksicht aufeinander nimmt und sich mit Respekt begegnet. Wenn es aber etwas gab, das ihnen wichtig war, haben sie das beharrlich vertreten.
Mit meinen Kindern handhabe ich es ähnlich. Ich erkläre ihnen, was mir wichtig ist und warum. Danach lasse ich mich nicht jedes Mal auf Diskussionen ein. Ich kann mich beispielsweise daran erinnern, dass mein Sohn sich plötzlich nicht mehr die Zähne putzen liess. Ich sagte zu ihm: «Wir müssen die Zähne putzen. Jeder putzt die Zähne, sonst gehen sie kaputt.» Er liess sich nicht darauf ein. Ich setzte mich ins Badezimmer und wartete. Nach fünf Minuten meinte er: «Was machst du?» Ich erwiderte: «Ich warte – ich muss dir die Zähne putzen.» Er wollte, dass ich ihm die Gute-Nacht-Geschichte vorlese. «Das mache ich gerne», sagte ich, «gleich nach dem Zähneputzen.» Er ging aus dem Badezimmer und spielte Lego. Nach fünf Minuten ging ich ebenfalls raus. «Erzählst du jetzt?», fragte er: «Das mache ich nach dem Zähneputzen, jetzt hole ich mein eigenes Buch, damit ich lesen kann. Sonst wird es mir langweilig, während ich auf dich warte.» Nach 15 Minuten war es dann so weit: Er liess sich die Zähne putzen. Nach drei Tagen war es nie wieder ein Thema. 

Dazu stehen, was wir sagen

Beharrlich zu sein signalisiert dem Kind: «Das ist mir wichtig, davon weiche ich nicht ab.» Natürlich steht dahinter ein gewisser Druck. Ich als Erwachsener weiss, dass die Zähne geputzt werden müssen, und es liegt in meiner Verantwortung, dafür zu sorgen, dass keine Löcher entstehen. Dem kann ich mich nicht entziehen. Aber wenn wir beharrlich sind, können wir dem Kind diese Tatsache verdeutlichen, ohne ihm zu drohen oder es für ein «Fehlverhalten» zu bestrafen.

Beharrlichkeit braucht Ausdauer und ein wenig Mut, weil es von uns verlangt, dass wir zu dem stehen, was wir sagen. Deswegen sollten wir nicht zu oft davon Gebrauch machen, sondern nur, wenn uns etwas wirklich wichtig ist.

Eine Lehrerin meinte zu mir: Ich habe sehr wenige Regeln, aber da bin ich stur. Die werden so lange geübt, bis es alle können. 
Etwas so lange zu üben, bis man es kann, halte ich für eine ziemlich gute Alternative zu Strafen. Was machen wir mit einem Kind, das die Buchstaben oder das Einmaleins nicht kann? Wir lassen es üben. ­Viele Kinder haben genauso grosse Probleme, wenn es um ihre Selbststeuerung geht. Sie schaffen es einfach nicht, ihre Impulse zu kontrollieren oder im richtigen Moment an die Regel zu denken. Oft fehlt es ihnen schlicht an der nötigen Übung. 
Dieses Üben kann zunächst in der Klasse stattfinden. Wenn beispielsweise die Regel «Wenn der Gong ertönt, sind wir alle still» eingeführt wird, wird diese trainiert. Die Kinder dürfen quatschen, die Lehrperson schlägt den Gong und schaut, wie schnell sie es schaffen, ruhig zu werden – bis es ganz rasch geht. Am Tag darauf wird die Regel wieder geübt und danach so lange, bis die Klasse es in jeder Situation kann. Wenn nur ein oder zwei Kinder Mühe damit haben, übt die Lehrperson mit ihnen nach dem Klingeln eine Extrarunde. 
Etwas so lange zu üben, bis man es kann, halte ich für 
eine ziemlich gute Alternative zu Strafen. 
Kinder, die die Regeln absichtlich verletzen, haben wenig Lust auf ­solche Extraübungen und befolgen die Regeln ziemlich rasch. Kinder, die Mühe mit der Selbststeuerung haben, sind froh darum und machen oft auch bereitwillig mit, sofern sie die richtige Haltung dahinter spüren. Sie lautet: Diese Regel ist mir wichtig – du bist mir noch wichtiger! Und du darfst das hier mit mir so lange üben, bis du es kannst.
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Literaturtipp: 

Den Lehrpersonen unter Ihnen empfehle ich dazu gerne das Buch Classroom-Management von Christoph Eichhorn.

Zum Autor: 

Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor («Mit Kindern lernen»). In der Rubrik «Elterncoaching» beantwortet er Fragen aus dem Familienalltag. Der 39-Jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes, 5, und einer Tochter, 3. Er lebt mit seiner Familie in Freiburg.
 

Weiterlesen: 

  • Erziehen ohne Strafen – ja, das geht!
    Wie bringen wir Kinder dazu, unerwünschtes Verhalten zu unterlassen? Indem wir sie bestrafen oder ihnen etwas Positives entziehen. Doch es geht auch anders. Eine Anleitung zum konstruktiven Umgang mit Kindern in Konfliktsituationen.


4 Kommentare

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Von denise am 17.10.2018 06:55

sehr nachvollziehbar mit dem beispiel. aber wie mach ich das unter zeitdruck? wenn der herr/ die dame mehr oder weniger pünktlich bereit stehen muss? dann kann ich ja nicht einfach warten...?

Von Fabian am 18.10.2018 23:53

Hallo Denise, das Warten ist komischerweise oft auch in dieser Situation hilfreich. Wenn ich mit meinen Kindern aus dem Haus will und versuche, sie aus dem Haus zu "schieben", dauert das ziemlich lange - es fällt ihnen immer noch etwas ein, was sie tun möchten. Wenn ich aber sage "wir gehen dann - ich geh schon mal runter und zieh mir die Schuhe an - ihr kommt dann nach", dauert es meist keine drei Minuten, bis sie auch unten sind und die Schuhe anziehen. Gerade jüngere Kinder orientieren sich oft einfach daran, was der Erwachsene tut. Auf der anderen Seite finde ich es auch wichtig, dass die Kinder mal zu spät kommen dürfen. Mein Sohn kam zweimal zu spät in den Kindergarten - allerdings weil ich so rumgetrödelt und mit ihm über alles Möglich gequatscht habe - seither fragt er immer mal nach, ob wir nicht bald gehen müssten, damit er den Schulbus nicht verpasst.

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Von Karin am 13.10.2018 13:12

Als STEP- Kursleiterin „ empfehle“ ich natürlich, logische Folgen eintreten zu lassen. Dem Kind eine Wahlmöglichkeit geben, kann eine Hilfe sein um nicht in einen Machtkampf zu geraten. „ Möchtest du deine Zähne zuerst alleine putzen und danach ich?“ dann jedoch liebevoll konsequent sich an die Abmachung halten.
Die Frage: WOZU verhält sich das Kind so, ist zentral. Das Bedürfnis dahinter zu verstehen ist hilfreich für den Umgang mit dem Kind.
In der Schule gemeinsame Regeln aufstellen- fördert unter anderem die Kooperation.

Von Fabian am 18.10.2018 23:43

Hallo Karin, vielen Dank für den Kommentar. Zum Thema "gemeinsam Regeln aufstellen" gibt es ein Video von uns:

https://www.youtube.com/watch?v=53T-Hgjb5jg

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