Elternbildung
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Wie setzen wir als Eltern oder Lehrpersonen Regeln ohne Strafen durch?

Doch was können wir als Eltern oder Lehrperson tun, wenn uns etwas wichtig ist? Wenn wir gewisse Regeln festlegen, an die sich die ­Kinder einfach halten müssen, egal ob es ihnen gefällt oder nicht, ob sie es einsehen oder nicht? 

Ich selbst bin mit sehr wenigen Regeln aufgewachsen. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht erinnern, dass meine Eltern jemals bewusst Regeln aufgestellt hätten. Es war einfach klar, dass man Rücksicht aufeinander nimmt und sich mit Respekt begegnet. Wenn es aber etwas gab, das ihnen wichtig war, haben sie das beharrlich vertreten.
Mit meinen Kindern handhabe ich es ähnlich. Ich erkläre ihnen, was mir wichtig ist und warum. Danach lasse ich mich nicht jedes Mal auf Diskussionen ein. Ich kann mich beispielsweise daran erinnern, dass mein Sohn sich plötzlich nicht mehr die Zähne putzen liess. Ich sagte zu ihm: «Wir müssen die Zähne putzen. Jeder putzt die Zähne, sonst gehen sie kaputt.» Er liess sich nicht darauf ein. Ich setzte mich ins Badezimmer und wartete. Nach fünf Minuten meinte er: «Was machst du?» Ich erwiderte: «Ich warte – ich muss dir die Zähne putzen.» Er wollte, dass ich ihm die Gute-Nacht-Geschichte vorlese. «Das mache ich gerne», sagte ich, «gleich nach dem Zähneputzen.» Er ging aus dem Badezimmer und spielte Lego. Nach fünf Minuten ging ich ebenfalls raus. «Erzählst du jetzt?», fragte er: «Das mache ich nach dem Zähneputzen, jetzt hole ich mein eigenes Buch, damit ich lesen kann. Sonst wird es mir langweilig, während ich auf dich warte.» Nach 15 Minuten war es dann so weit: Er liess sich die Zähne putzen. Nach drei Tagen war es nie wieder ein Thema. 

Dazu stehen, was wir sagen

Beharrlich zu sein signalisiert dem Kind: «Das ist mir wichtig, davon weiche ich nicht ab.» Natürlich steht dahinter ein gewisser Druck. Ich als Erwachsener weiss, dass die Zähne geputzt werden müssen, und es liegt in meiner Verantwortung, dafür zu sorgen, dass keine Löcher entstehen. Dem kann ich mich nicht entziehen. Aber wenn wir beharrlich sind, können wir dem Kind diese Tatsache verdeutlichen, ohne ihm zu drohen oder es für ein «Fehlverhalten» zu bestrafen.

Beharrlichkeit braucht Ausdauer und ein wenig Mut, weil es von uns verlangt, dass wir zu dem stehen, was wir sagen. Deswegen sollten wir nicht zu oft davon Gebrauch machen, sondern nur, wenn uns etwas wirklich wichtig ist.

Eine Lehrerin meinte zu mir: Ich habe sehr wenige Regeln, aber da bin ich stur. Die werden so lange geübt, bis es alle können. 
Etwas so lange zu üben, bis man es kann, halte ich für eine ziemlich gute Alternative zu Strafen. Was machen wir mit einem Kind, das die Buchstaben oder das Einmaleins nicht kann? Wir lassen es üben. ­Viele Kinder haben genauso grosse Probleme, wenn es um ihre Selbststeuerung geht. Sie schaffen es einfach nicht, ihre Impulse zu kontrollieren oder im richtigen Moment an die Regel zu denken. Oft fehlt es ihnen schlicht an der nötigen Übung. 
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Dieses Üben kann zunächst in der Klasse stattfinden. Wenn beispielsweise die Regel «Wenn der Gong ertönt, sind wir alle still» eingeführt wird, wird diese trainiert. Die Kinder dürfen quatschen, die Lehrperson schlägt den Gong und schaut, wie schnell sie es schaffen, ruhig zu werden – bis es ganz rasch geht. Am Tag darauf wird die Regel wieder geübt und danach so lange, bis die Klasse es in jeder Situation kann. Wenn nur ein oder zwei Kinder Mühe damit haben, übt die Lehrperson mit ihnen nach dem Klingeln eine Extrarunde. 
Etwas so lange zu üben, bis man es kann, halte ich für 
eine ziemlich gute Alternative zu Strafen. 
Kinder, die die Regeln absichtlich verletzen, haben wenig Lust auf ­solche Extraübungen und befolgen die Regeln ziemlich rasch. Kinder, die Mühe mit der Selbststeuerung haben, sind froh darum und machen oft auch bereitwillig mit, sofern sie die richtige Haltung dahinter spüren. Sie lautet: Diese Regel ist mir wichtig – du bist mir noch wichtiger! Und du darfst das hier mit mir so lange üben, bis du es kannst.
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Literaturtipp: 

Den Lehrpersonen unter Ihnen empfehle ich dazu gerne das Buch Classroom-Management von Christoph Eichhorn.

Zum Autor: 

Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor («Mit Kindern lernen»). In der Rubrik «Elterncoaching» beantwortet er Fragen aus dem Familienalltag. Der 39-Jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes, 5, und einer Tochter, 3. Er lebt mit seiner Familie in Freiburg.
 

Weiterlesen: 

  • Erziehen ohne Strafen – ja, das geht!
    Wie bringen wir Kinder dazu, unerwünschtes Verhalten zu unterlassen? Indem wir sie bestrafen oder ihnen etwas Positives entziehen. Doch es geht auch anders. Eine Anleitung zum konstruktiven Umgang mit Kindern in Konfliktsituationen.


4 Kommentare

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Von denise am 17.10.2018 06:55

sehr nachvollziehbar mit dem beispiel. aber wie mach ich das unter zeitdruck? wenn der herr/ die dame mehr oder weniger pünktlich bereit stehen muss? dann kann ich ja nicht einfach warten...?

Von Fabian am 18.10.2018 23:53

Hallo Denise, das Warten ist komischerweise oft auch in dieser Situation hilfreich. Wenn ich mit meinen Kindern aus dem Haus will und versuche, sie aus dem Haus zu "schieben", dauert das ziemlich lange - es fällt ihnen immer noch etwas ein, was sie tun möchten. Wenn ich aber sage "wir gehen dann - ich geh schon mal runter und zieh mir die Schuhe an - ihr kommt dann nach", dauert es meist keine drei Minuten, bis sie auch unten sind und die Schuhe anziehen. Gerade jüngere Kinder orientieren sich oft einfach daran, was der Erwachsene tut. Auf der anderen Seite finde ich es auch wichtig, dass die Kinder mal zu spät kommen dürfen. Mein Sohn kam zweimal zu spät in den Kindergarten - allerdings weil ich so rumgetrödelt und mit ihm über alles Möglich gequatscht habe - seither fragt er immer mal nach, ob wir nicht bald gehen müssten, damit er den Schulbus nicht verpasst.

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Von Karin am 13.10.2018 13:12

Als STEP- Kursleiterin „ empfehle“ ich natürlich, logische Folgen eintreten zu lassen. Dem Kind eine Wahlmöglichkeit geben, kann eine Hilfe sein um nicht in einen Machtkampf zu geraten. „ Möchtest du deine Zähne zuerst alleine putzen und danach ich?“ dann jedoch liebevoll konsequent sich an die Abmachung halten.
Die Frage: WOZU verhält sich das Kind so, ist zentral. Das Bedürfnis dahinter zu verstehen ist hilfreich für den Umgang mit dem Kind.
In der Schule gemeinsame Regeln aufstellen- fördert unter anderem die Kooperation.

Von Fabian am 18.10.2018 23:43

Hallo Karin, vielen Dank für den Kommentar. Zum Thema "gemeinsam Regeln aufstellen" gibt es ein Video von uns:

https://www.youtube.com/watch?v=53T-Hgjb5jg

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