Stefanie Rietzler: Stress, lass nach!
Elternbildung
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Wenn der Partner doch nur ein bisschen anders wäre

Je ausgeprägter die oben beschriebenen Unterschiede sind, desto häufiger entwickeln sich mit der Zeit Grundsatzdiskussionen darüber, welcher Umgang mit Unsicherheiten und Problemen moralisch überlegen ist – und wer sich ändern müsste. Zündstoff liefert dabei auch, dass Menschen mit informationsvermeidender Tendenz nach aussen hin oft wirken, als würden Probleme sie nicht kümmern. Dies ist ein Trugschluss, wie mehrere Studien nachweisen: So zeigen Menschen, die angesichts bedrohlicher Informationen angeben, am wenigsten negative Gefühle zu verspüren, die höchste körperliche Erregung. Und: je schlechter sich das Stresssystem eines Menschen von bedrohlichen Informationen erholen kann, desto eher wird er zum Informationsvermeider. Ein Stück weit scheint es sich dabei also um einen Schutz zu handeln, um eine zu starke körperliche Anspannung zu umgehen.

Grundsätzlich sind beide Tendenzen in der Extremvariante problematisch. Während exzessives Informationensuchen und Beredenwollen das Risiko birgt, zu viel zu grübeln, von einer Sorge zur nächsten zu springen und mit der Zeit Depressionen und Ängste zu entwickeln, gehen Menschen, die Bedrohungen und Unsicherheiten systematisch ausblenden, oft zu spät zum Arzt, schützen sich nicht ausreichend oder erkennen Beziehungsprobleme erst an, wenn der Partner ausgezogen ist. 

Wir sind unterschiedlich – wie gehen wir damit um?

Ist unser Gegenüber gestresst, verabreichen wir ihm oft instinktiv «unsere eigene Medizin»: Als Informationssucher stellt man ihm Fragen zur Situation und zu seinen Gefühlen, gibt Impulse, mehr über den Sachverhalt herauszufinden, leitet Artikel weiter, erzählt von eigenen Beispielen im Bekanntenkreis. Als Vermeider rät man eher zu Ruhe, Zuwarten und bietet Ablenkung an. Je nach Passung sind am Ende unter Umständen beide frustriert.

Anstatt sich nun darin zu versuchen, den Partner «umzuerziehen», wäre es oft hilfreicher, Unterschiede zuzulassen und anzuerkennen. Es ist befreiend, wenn man sagen darf: In diesem Punkt funktionieren wir unterschiedlich – und das darf sein! 

Vieles wird leichter, wenn wir uns in diesem Aspekt besser kennenlernen und mehr Toleranz entwickeln. Vielleicht mithilfe von Fragen der folgenden Art: Was hilft dir, wenn du gestresst bist? Was wünschst du dir dann von mir? Wann fühlst du dich am meisten von mir unterstützt? Wann glaubst du, nicht ernst genommen oder alleingelassen zu werden? Wo wird meine Reaktion für dich zu einer zusätzlichen Belastung?
Es kostet Überwindung, dem Gegenüber das zu geben, was ihm hilft, und nicht das, was man selber als hilfreich empfindet.
Es ist meist mit einer gewissen Überwindung verbunden, dem Gegenüber das zu geben, was ihm hilft, und nicht das, was man selbst als hilfreich empfindet. Wenn wir ab und zu bereit sind, diese Extrameile für unsere Lieben zu gehen, schützen wir unsere Beziehungen vor unnötigen Schuldzuweisungen und Abwertungen. 
Und so reibt sich mein Mann das stinkende Insektenschutzmittel auf die Arme, während er über sein «overprepared girlfriend» schmunzelt. Ich wiederum beschliesse tags darauf, ihm das Ergebnis meiner soeben beendeten Recherche über die Verbreitung des Zikavirus vorzuenthalten, das Handy auszuschalten und endlich das Paradies zu geniessen.

Zur Autorin: 

Stefanie Rietzler ist Psychologin und Autorin («Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden», «Erfolgreich lernen mit ADHS», «Clever lernen»). Gemeinsam mit Fabian Grolimund leitet sie die Akademie für Lerncoaching, ein Beratungs- und Weiterbildungsinstitut mit Sitz in Zürich: www.mit-kindern-lernen.ch, www.biber-blog.com. Stefanie Rietzler lebt mit ihrem Mann in Zürich. 
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