Stefanie Rietzler: Stofftiere werden zum Problemlöser
Elternbildung
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Lösung in Form eines Helfertiers

Oft sind Kinder auch für einen Lösungsvorschlag offener, wenn er in Form eines Helfertiers, einer guten Fee oder eines unsichtbaren Superhelden daherkommt. Wir können das Kind fragen, welches Tier denn besonders gut mit der Situation umgehen könnte und was dieses wohl tut und zu sich sagt, um sich mutiger zu fühlen, auf andere zuzugehen oder gut zuzuhören. 

Eine helfende Figur muss nicht unbedingt vom Kind selbst entwickelt werden. So brachte eine Lehrerin ihrer ersten Klasse einen Plüschhund mit Leine und einem Körbchen mit. Sie stimmte mit den Kindern über dessen Namen ab und erzählte ihnen, dass dieser Hund unbedingt regelmässig Auslauf brauche. Wurde eine Schülerin oder ein Schüler im Unterricht hibbelig und unruhig, sagte sie: «Gehst du kurz mit unserem Hund Gassi? Ich glaube, der braucht ein wenig Bewegung.» Das Kind lief die zuvor vereinbarte ­Strecke ab und setzte den Hund danach wieder ins Körbchen. Ist das nicht eine wunderbare Möglichkeit, die Situation zu entspannen, ohne einzelne Schülerinnen und Schüler zurechtzuweisen oder zu beschämen?
Es muss nicht immer ein Tier oder Monster sein, das Kindern dabei hilft, sich mit ihren Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. 

Eine Lehrerin erzählte mir von einem ADHS-betroffenen Jungen, der auf Ermahnungen und Kritik sehr explosiv reagierte. Ein Problem, das sie unbedingt mit ihm angehen wollte, war sein andauerndes Plappern und Singen während der Still­arbeit, das zunehmend auch die anderen Kinder störte. 

«Wo ist der Ausknopf für dein Radio?»

Als der Junge etwas abseits sass und wieder einmal vor sich hinredete und trällerte, setzte die Lehrerin sich neben ihn und flüsterte ihm zu, dass sich wohl «sein Radio» eingeschaltet habe. Der Junge sah sie verwundert an. Dann erklärte die Lehrerin kurz, warum es wichtig sei, dass bei der Stillarbeit die Radios ausgeschaltet sind, und fragte, ob er denn einen «Ausknopf» für seines wüsste. Der Bub überlegte eine Weile und zeigte auf sein Kinn. «Super! Magst du es ausschalten oder soll ich?», wollte sie wissen. Der Junge grinste, drückte mit dem Zeigefinger auf sein Kinn und war still. Seine Lehrerin lächelte und bedankte sich. Wenn der ­Junge später wieder zu plappern und singen begann, gab die Lehrerin unauffällig das «Radio-Ausschalt-Zeichen» in seine Richtung. Immer häufiger gelang es ihm, sich selbst im richtigen Moment daran zu erinnern, dass das Radio Sendepause hat und die Lippen sich schliessen. Die Lehrerin war erstaunt, als sie plötzlich andere Kinder sah, die sich gegenseitig das Radio-Aus-Signal gaben, wenn es ihnen zu laut wurde.
Kindern macht es Freude, das neue Wesen kennenzulernen. Plötzlich können sie eine Schwierigkeit angehen, vor der sie sich sonst verschliessen.
Wir können nicht nur Probleme ins Aussen verlagern, um uns bewusst um sie zu kümmern, sondern auch schöne und wichtige Aspekte unseres Lebens. So schreibt Daniela Kunkel in ihrem Kinderbuch «Das kleine WIR»: «Ein WIR entsteht überall dort, wo sich ­Menschen mögen.» Das WIR, ein sympathisches, grasgrünes Wesen, will von den Freunden Ben und Emma gepflegt werden, damit es gross, gesund und glücklich bleibt. Wenn Kinder fies zueinander sind, sich beschimpfen oder streiten, schrumpft das WIR und fühlt sich schlecht. Dies bietet einen tollen Einstieg, um in der Familie oder im Kindergarten zu überlegen, was dem WIR guttun würde und wie man es pflegen kann.
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Stefanie Rietzler

ist Psychologin und Autorin («Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden», «Erfolgreich lernen mit ADHS», «Clever lernen»). Gemeinsam mit Fabian Grolimund leitet sie die Akademie für Lerncoaching, ein Beratungs- und Weiterbildungsinstitut mit Sitz in Zürich: www.mit-kindern-lernen.ch, www.biber-blog.com
Stefanie Rietzler lebt mit ihrem Mann in Zürich. 

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Stefanie Rietzler schreibt diese Kolumne im Wechsel mit ihrem Kollegen Fabian Grolimund.
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