Desktop juul neu 1130x500
Elternbildung

Soll ich für eine neue Liebe von meinem Sohn wegziehen?

Ein Vater teilt sich mit seiner Ex-Partnerin das Sorgerecht für seinen vierjährigen Sohn. Nun überlegt er sich umzuziehen. Damit würde er seinen Sohn – zumindest räumlich – verlassen. Er fragt Jesper Juul in seinem Gewissenskonflikt um Rat.
Text: Jesper Juul
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Ich bin ein 30-jähriger Mann und habe einen 4-jährigen Sohn aus einer früheren Beziehung. Wir wohnen nur ein paar Kilometer voneinander entfernt. Ich habe eine sehr gute Beziehung zu Mirko, meinem Sohn, und auch eine vernünftige Beziehung zu meiner Ex-Partnerin. Wir haben zwar wenig persönlichen Kontakt, können aber gut über unseren Sohn reden. Wir teilen uns das Sorgerecht. Drei Tage pro Woche ist unser Sohn bei mir, vier Tage bei seiner Mutter. Das funktioniert gut. An den Tagen, an denen er bei mir ist, hole ich Mirko vom Kindergarten ab und bringe ihn am nächsten Tag hin. Meine Ex-Partnerin und ich stammen beide aus dem Wallis, wohnen aber nun in St. Gallen. Dorthin zogen wir wegen ihrer Ausbildung.

 Ich wollte schon immer zurück ins Wallis zu Familie und Verwandten. Dort habe ich mein Netzwerk und fühle mich wirklich zu Hause. Einer der Gründe für die Trennung war unsere Uneinigkeit in Bezug auf unsere Zukunftspläne. Meine Ex-Partnerin kommt gut zurecht in der Stadt, es scheint, als wolle sie weiterhin hier leben. Ich dagegen fühle mich hier nicht wohl. Nun habe ich eine Frau im Wallis kennengelernt und mich in sie verliebt. Sie hat auch ein Kind – es ist im gleichen Alter wie Mirko. Die beiden Kinder haben sich vor Kurzem kennengelernt und sich gut verstanden. Es läuft richtig gut, wenn wir vier zusammen sind. Ich bin mir sicher, dass ich genauso unzufrieden mit meiner Wohnsituation gewesen wäre, wenn ich diese neue Frau nicht getroffen hätte. 
«Letztlich geht es nicht um Ihren Sohn. Sondern um die Frage, wer Sie sind und wer Sie sein wollen.» 
Jesper Juul
Das Problem ist, dass die Entfernung zwischen dem Wallis und der Ostschweiz sehr gross ist. Wenn ich umziehen würde, wäre ein gemeinsames Sorgerecht, wie wir es heute haben, unmöglich umzusetzen. Es würde für mich bedeuten, eine neue Vereinbarung für meine gemeinsame Zeit mit Mirko zu treffen, und das ist wohl das, was mich am meisten verunsichert. Wenn ich umziehe, wird es für den Buben und mich ein ganz anderer Alltag werden. Es ist offensichtlich, dass Mirko beide Elternteile schätzt. Ich kämpfe mit meinem Gewissen, was ich tun soll. Meine Vernunft und meine Gefühle sind zweigeteilt. Ich möchte so viel wie möglich am Leben meines Sohnes teilnehmen und weiss gleichzeitig, dass mein Glück  im Wallis liegt.

Ich komme mir sehr egoistisch vor, wenn ich daran denke, welche grosse Distanz ich zwischen mich und Mirko damit legen würde, aber auf der anderen Seite macht es für mich Sinn, diesen Schritt zu tun, um im Leben weiterzukommen. Sollte ich auf «meine eigenen Bedürfnisse» zugunsten der meines Sohnes verzichten? Denn auch ich möchte mein Leben mit jemandem teilen. Bekannte raten mir, damit zu warten, bis der Junge älter ist oder seine Mutter wieder ins Wallis zurückkehrt. Sollte ich wegziehen, bin ich mir nicht sicher, welches Leben das für mich und den Jungen werden wird – auch wenn ich davon überzeugt bin, dass es ihm viel besser mit mir gehen würde, wenn wir an einem Ort wären, an dem ich mich wohlfühle. Nur: Wie oft könnte ich meinen Sohn sehen? Würde ich mit einem Umzug einen Konflikt mit der Mutter provozieren, der den Kontakt erschweren könnte?

Anzeige
0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren