Der israelische Psychologe Haim Omer
Elternbildung
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Wer kommt als Unterstützer infrage?

Freunde der Eltern, Patinnen, Gross­eltern, Nachbarn, Lehrpersonen, Freunde der Kinder – die Liste ist lang. Die Erfahrung zeigt, dass meist gerne hilft, wer angefragt wird. Kom­men wir auf das Mädchen aus unse­rem Beispiel zurück: Die Familie hat Pläne fürs Wochenende, es besteht die Möglichkeit, dass die Tochter erneut streiken wird. Diesmal berei­ten sich die Eltern vor. Sie haben ihr nahes Umfeld über die Situation informiert und bitten nun eine geeignete Person – vielleicht die Freundin der Mutter, es kann auch ein bezahlter Babysitter sein –, am besagten Tag bei der Familie zu erscheinen. Die Eltern informieren die Tochter wie gehabt, dass eine Unternehmung ansteht, und gut zehn Minuten vor Abfahrt steht der Unterstützer vor der Tür.

Was dann?

Stellt sich die Tochter quer, reagieren die Eltern darauf nicht, es genügt eine kurze Information: «Wir brechen nun auf, XY bleibt bei dir.» Indem sie auf seine Provokationen nicht ein­steigen, nehmen sie dem Mädchen den Wind aus den Segeln: Was lohnt sich Geschrei, wenn keiner darauf reagiert? Sie fragen sich vielleicht nun, was passiert, wenn die Tochter ihre Wut am Babysitter auslässt. Es wird nicht passieren, weil sich der Kontrollzwang solcher Kinder meist nur gegen die Eltern richtet.

Stellen Eltern ihr Kind an den Pranger, wenn sie andere einweihen?

Das sehe ich nicht so. Unterstützer sind nicht dazu da, das Kind auszu­schimpfen, sie vermitteln ihm, dass sie über die Lage im Bild sind. So kann es beim Zwölfjährigen, der seine Schwester schlägt, wirksam sein, wenn auch die Lieblingstante oder der Vater des besten Freundes das Wort ergreift. Sie können dem Buben sagen: «Schau, ich halte gros­se Stücke auf dich, aber ich weiss, dass du deine Schwester schlägst, und das ist nicht akzeptabel. Ich glaube, dass du das überwinden kannst. Wir finden sicher eine Lösung.» Das funktioniert auch über Whatsapp oder Skype, falls die Tan­te nicht in der Nähe wohnt. Unter­stützer können Tröster und Ermu­tiger sein, Anbieter von Auszeiten, Mediatoren, Nachhilfelehrer oder Zeugen. Nicht hilfreich ist es, Unterstützer im Sinne einer Strafe beizu­ziehen: «Das erzähle ich Oma!» 

Der Bub dürfte peinlich berührt sein, dass Aussenstehende ihn auf sein Fehlverhalten ansprechen.

Die Eltern können ihm sagen, dass es nicht nur seine Angelegenheit ist, wenn er die Schwester schlägt, son­dern auch die der Tante, des Umfelds – weil er und seine Schwester diesen Leuten wichtig sind. Und es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass Scham und Gewissensbisse immer schlecht für die Entwicklung des Kindes sei­ en. In einem respektvollen Kontext können sie sogar hilfreich sein. Das Kind lernt, zu seinem Verhalten zu stehen und Konsequenzen zu tragen.
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Sie sagen, Eltern gewichteten die Privatsphäre ihrer Kinder ohnehin zu stark?

Für viele Eltern stellt sie ein unan­tastbares Gut dar. Oft genügt eine Andeutung des Kindes, sich aus seinem Leben herauszuhalten, und die Eltern sind sofort paralysiert. Ich rate Eltern, diese Hemmungen abzu­legen.

Und dem Nachwuchs auch mal in den Jugendtreff oder die Diskothek zu folgen, wenn es sein muss?

Sie sprechen das Nachgehen und Aufsuchen an, weitere Widerstandsformen. Dann erscheinen die Eltern an Orten, wo möglicherweise ein Problemverhalten auftritt. Dafür ist im Vorfeld manchmal eine Telefonrunde nötig.

Eine Telefonrunde?

Sie ist beispielsweise hilfreich, wenn Jugendliche sich weigern, zu sagen, wohin sie gehen, oder wenn sie partout zu spät nach Hause kommen. Die Telefonrunde funktioniert so: Sie sammeln im Vorfeld Nummern von Freunden und Bekannten des Kindes und rufen im Bedarfsfall möglichst viele von ihnen an, um zu erfahren, wo sich Ihr Kind aufhält. So zeigen Sie Präsenz und werden im Beziehungsnetz Ihrer Kinder sichtbar. Viel öfter, als Sie denken, sind diese Jugendlichen bereit, Ihnen zu helfen. Wenn nötig, erscheinen Sie an Ort und Stelle.

Wie gehen Eltern dabei vor?

Nehmen wir an dieser Stelle das Beispiel eines 16-Jährigen, der oft von zu Hause verschwindet. Er hängt in einer sturmfreien Bude herum, als plötzlich die Eltern im Raum stehen. Sie sagen kein Wort. Der Jugendliche ignoriert sie zunächst, die Eltern bleiben. Seine Freunde drängen ihn bald, die Sache zu klären, sie wollen ihre Ruhe haben. Unter Protest begleitet der 16-Jährige seine Eltern nach Hause. Er ist verärgert, fühlt sich blamiert – gleichzeitig kommt ihm der Gedanke, dass Weglaufen eine schlechte Idee war.

Was, wenn der Jugendliche wegläuft?

Selbst dann ist die Aktion der Eltern nicht gescheitert. Sie verbleiben noch einen Moment bei den Freunden, oft finden sich so weitere Unterstützer. Der Jugendliche macht zwar nicht mit, aber die Eltern zeigen entschlossen Präsenz. Noch vor Kurzem hätten sie hilflos zu Hause gesessen. Nach ihrer Aktion fühlen sie sich gestärkt. Durch Nähe statt Distanz, Widerstand statt Strafe.

Sind Sie grundsätzlich gegen Strafen?

Nicht immer. Schulen könnten nicht funktionieren, hätten sie nicht die Möglichkeit, gewalttätige Jugendliche zu suspendieren. Grundsätzlich aber haben Kinder einen angeborenen Drang nach Unabhängigkeit. Belohnungen und Bestrafungen sind ein Versuch, ihr Verhalten in eine gewünschte Bahn zu lenken, was dem kindlichen Selbständigkeitsdrang entgegenläuft. Das führt oft zu Eskalation. Insbesondere bei Jugendlichen ist mit nicht wünschenswerten Gegenreaktionen zu rechnen. Kinder strafen die Eltern zurück, wenn sie bestraft werden.

Weiterlesen:

  • Das aggressive Kind Warum ist Aggression wichtig? Wie sollen Eltern und Lehrpersonen reagieren, wenn Kinder schreien, drohen, schlagen?



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