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Elternbildung

Noah fühlt sich in der Schule nicht wohl

Der siebenjährige Noah hat eine totale Abneigung gegen die Schule. Jeden Morgen beginnt für ihn ein neuer Kampf, er ist so traurig und verzweifelt, dass er sterben möchte. Noahs besorgte Mutter bittet Jesper Juul um Rat.
Text: Jesper Juul
Illustration: 
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Eine besonders verantwortungsvolle Mutter mit drei Kindern, Tobias, 10, Ronja, 8, und Noah, 7, schreibt, wie sehr sie die Einschulung ihres Sohnes Noah beschäftigt. Ihr Sohn findet es schwierig, in die Schule zu gehen. Jeden Morgen ist es für ihn ein Kampf, sich für die Schule bereit zu machen. Noah ist richtig traurig und verzweifelt, dass er nun nicht mehr so viel Zeit zum Spielen hat. Die Ansprüche der Schule verunsichern ihn stark. Die Mutter fragt sich, was hinter dieser Abneigung gegenüber der Schule steckt, und ist selber verunsichert. Es macht sie traurig, dass es ihrem Sohn so ergeht. Noah hat auch schon ausgesprochen, dass er sterben möchte. Seine Geschwister haben den Schuleintritt jeweils als etwas Positives empfunden. Die Mutter bittet Jesper Juul um seine Überlegungen.

Jesper Juul antwortet:

Sie teilen das Schicksal mit vielen Eltern. Denn für Eltern ist der Übergang ihrer Kinder in die Schule oft dramatisch, und sie suchen einen konstruktiven Weg, um mit der neuen Situation umzugehen. Ihre Zeilen lassen mich vermuten, dass Sie sich um geliebte Menschen sehr fürsorglich und rücksichtsvoll kümmern. (…) Aber nun zu Noah: Er ist ein Bub, der sich wohl etwas langsamer entwickelt als seine Geschwister. Das macht ihn zum Opfer mütterlichen Schutzes und der Rechenschaftspflicht. Und jetzt hat er ernsthafte Probleme damit, in die Schule zu gehen. Was ausreicht, um sowohl Vater als auch Mutter um den nächtlichen Schlaf zu bringen. Auch wenn es jetzt etwas grausam klingt, sollten Ihnen dennoch Noahs zwei grosse Probleme bewusst sein: Das erste ist, dass er nicht gerne in die Schule geht. Das zweite, dass sein Selbstbild sehr schnell kippen kann, weil er sich ständig mit seinen Geschwistern vergleicht. Darüber hinaus verletzen seine Gefühle jene seiner Mutter, was wohl das Letzte ist, was er will.
«Es geht nicht um einen Buben, der seine Lehrperson nicht mag, sondern um ein Kind, das mit der Realität der Schule überfordert ist.»
Deshalb denkt er, dass das Leben nicht lebenswert ist. Das bedeutet allerdings nicht, dass er einen Selbstmord plant, sondern nur, dass er sein Leben, so wie es jetzt ist, nicht aushält. Das ist nicht seltsam oder aussergewöhnlich für Kinder. Noah weiss, dass er in die Schule gehen muss. Und es ist für ihn im Moment unvorstellbar, das die nächsten zehn Jahre oder mehr auszuhalten. (…) Der ideale Weg zu einer Lösung mag im derzeitigen Schulsystem völlig unrealistisch erscheinen, ich erwähne ihn aber trotzdem: Sprechen Sie mit Noahs Klassenlehrperson und bitten Sie sie zu sich nach Hause. Noahs Erfahrungen in der Schule sind so negativ, dass er in der Schule kaum wahrnimmt, was die Lehrperson zu ihm sagt. Ausserdem ist ein Besuch zu Hause im Interesse aller Beteiligten: Wenn Sie die Lehrperson davon überzeugen können, eine Stunde ihrer Zeit für einen Hausbesuch zu investieren, wird sie sich in den kommenden Jahren viele Stunden an Konflikten, viele Erklärungen und Gespräche ersparen. Hier geht es nicht um einen Buben, der seine Lehrperson nicht mag, sondern um ein Kind, das mit der Realität der Schule an sich überfordert ist. Dennoch sind die beiden «Hauptparteien» in diesem Konflikt Noah selbst und die Schule. Die Lehrperson personifiziert für Noah die Schule. 
«Eltern sollten abseits von ihrem Kind stehen und ihm ihre Lebenserfahrung anbieten.»
Ich würde dem Lehrer oder der Lehrerin daher zu folgendem Gesprächseinstieg raten: «Noah, deine Mama glaubt, dass es für dich megaschwer ist, in die Schule zu gehen. Das macht uns traurig. Denn wir wünschen uns, dass es den Kindern in der Schule Spass macht und dass sie es dort spannend finden. Aber wie es scheint, ist das bei dir nicht so. Deine Mama hat dir sicher schon gesagt, dass alle Kinder in die Schule gehen müssen, egal ob sie wollen oder nicht. Ich bin heute hier, um dir zu zeigen, dass ich alles tun möchte, um euch zu helfen. Vielleicht können wir, wenn wir miteinander reden, herausfinden, wie du mir und den anderen Lehrpersonen dabei helfen kannst.»

Auf diese Weise kann die Lehrperson im Auftrag der Schule die Initiative ergreifen, damit Noah geholfen wird. Noah kann so einen Bezug zur Schule herstellen, den er alleine nicht aufbauen kann. Sie als Eltern konnten bisher nur abstrakt mit ihm über die Schule sprechen. Natürlich kann es passieren, dass die Lehrperson diese Vorgehensweise als nicht üblich oder schwierig ablehnt. Was schade wäre, weil die Schule damit eine Möglichkeit im Leben dieser Familie verpasst, um zu ihrer weiteren Zukunft konstruktiv beizutragen.
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«Denken Sie daran, dass Ihr Sohn jetzt in der Krise ist und deshalb keinen klaren Blick hat.» 
Auf diese Weise kann die Lehrperson im Auftrag der Schule die Initiative ergreifen, damit Noah geholfen wird. Noah kann so einen Bezug zur Schule herstellen, den er alleine nicht aufbauen kann. Sie als Eltern konnten bisher nur abstrakt mit ihm über die Schule sprechen. Natürlich kann es passieren, dass die Lehrperson diese Vorgehensweise als nicht üblich oder schwierig ablehnt. Was schade wäre, weil die Schule damit eine Möglichkeit im Leben dieser Familie verpasst, um zu ihrer weiteren Zukunft konstruktiv beizutragen.

Lassen Sie uns optimistisch sein: Stellen wir uns vor, dass Noah Lehrpersonen hat, die pädagogisch denken können und deshalb auch bereit sind, Noah dort zu begegnen, wo er sich gerade befindet. Das bedeutet nicht, dass sich damit das Problem auflöst. Sie und Ihr Mann haben jetzt die wichtige Aufgabe, die Balance zwischen Empathie und Mitgefühl und der Realität des Lebens zu finden. Noah braucht Ihr Engagement und Interesse als Rückhalt. Es wird wahrscheinlich mehrere Wochen oder Monate dauern, bis Noah sich artikulieren und darüber sprechen kann, was an der Schule so schwer ist für ihn. Denken Sie daran, dass Ihr Sohn jetzt in der Krise ist und deshalb keinen klaren Blick hat. Er braucht Zeit und viele Pausen abseits der Schule, in denen er nur spielen kann. 
«Als Eltern sollten Sie Noah begleiten und nicht versuchen, seine Krisen zu verhindern.»
Es ist wichtig, dass sowohl Sie als auch Ihr Mann nicht ständig mit einem besorgten Gesicht herumlaufen. Wenn Sie das nämlich tun, nehmen Sie die Szene ein (weil Noah, wie alle Kinder, kooperieren möchte) und lassen ihn alleine zurück mit dem Szenario und dem Ausblick in die Zukunft, dass er sein eigenes Leben in die Hand nehmen muss und für das Wohlbefinden seiner Eltern verantwortlich ist. Klingt das schwierig? Ist es auch! Schliesslich möchte ich darauf aufmerksam machen, dass es während der kommenden Zeit nicht nur darum geht, dass Noah sich in der Schule zurechtfindet, sondern auch darum, wie er seine Lebenskompetenz und seine individuelle Art, zukünftige Lebenskrisen zu bewältigen, aufbaut und entwickelt. Das kann er garantiert nicht in der Schule lernen, sondern nur zu Hause und gemeinsam mit Ihnen. Dazu ist es notwendig, dass Sie sich Ihrer eigenen Rolle bewusst sind: Die sollte sein, abseits zu stehen und ihm Ihre Lebenserfahrung anzubieten, ihn zu begleiten. Sie sollten nicht versuchen, seine Krisen zu verhindern. (…)

Die Kolumnen von Jesper Juul entstehen in Zusammenarbeit mit familylab.ch

Zum Autor:


Jesper Juul ist Familientherapeut und Autor zahlreicher internationaler Bestseller zum Thema Erziehung und Familien. 1948 in Dänemark geboren, fuhr er nach dem Schulabschluss zur See, war später Betonarbeiter, Tellerwäscher und Barkeeper. Nach der Lehrerausbildung arbeitete er als Heimerzieher und Sozialarbeiter und bildete sich in den Niederlanden und den USA bei Walter Kempler zum Familientherapeuten weiter. Seit 2012 leidet Juul an einer Entzündung der Rückenmarksflüssigkeit und sitzt im Rollstuhl. Jesper Juul hat einen erwachsenen Sohn aus erster Ehe und ist in zweiter Ehe geschieden.

1 Kommentar

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Von esther am 24.08.2016 10:57

Ich kann mir gut borstellen, dass im umfeld des jungen (ich nehme an er ist der jüngste) oft darüber gedprochen wird: "jetzt kommst du such schon in die schule!"...und das halt auch mit einem negativen unterton, den die kinder sehr gut aufnehmen. Der junge kõnnte sich auch verantwortlich für seine mama fühlen...die er ja nun auch noch alleine zu hause zurücklässt. Oder es wurde im vorfeld mit der schule "gedroht"....."das kannst du dann in der schule nicht mehr ...."
ich hoffe es gibt eine gute lösung und die familie findet einen weg mit der neuen situation umzugehen😃

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