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Elternbildung

Nehmen Sie sich selber ernst! 

Kinder mögen es nicht, wenn ihre Eltern ihnen etwas vorspielen. Sie wollen die Eltern «in echt».
Text: Jesper Juul
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Wir alle werden mit einem hohen  Mass an persönlicher Autorität geboren. Von Anfang an drücken wir mit grosser Selbstverständlichkeit unsere Wünsche, Bedürfnisse und auch Grenzen im Zusammensein mit anderen aus – und das schon ab einem Alter von vier Monaten. Erst später lernen wir uns selbst infrage zu stellen und uns schuldig für unsere Wünsche zu fühlen.

Um persönliche Autorität zu entwickeln, braucht es ein Mindestmass an Selbstwert. Deshalb möchte ich kurz den Begriff Selbstwert definieren, der aus zwei Komponenten besteht:

  1. Wie gut kenne ich mich selbst? Mein inneres und äusseres Verhalten, meine Gefühle, Werte und persönlichen Grenzen? Diese  Komponente entwickelt sich das ganze Leben lang. Das Tempo hängt davon ab, wie mein Umfeld mit mir interagiert.

  2. Wie stehe ich in moralischer und gefühlsmässiger Hinsicht zu mir, mit dem, was ich über mich selbst weiss?
Diese Komponente hängt gänzlich davon ab, wie meine Eltern und Bezugspersonen mit mir interagieren. Kinder kooperieren mit der vollen Überzeugung, dass ihre Eltern sie lieben, und übernehmen die elterliche Haltung ihnen gegenüber, egal ob diese von Anerkennung (die optimale Voraussetzung), Lob und Tadel, Moralisierung, Verurteilung, physischer oder psychischer Gewalt geprägt ist. 
«Eine Mutter, die 24 Stunden zur
Verfügung steht und darunter leidet,
ist nicht glaubwürdig.» 
Jesper Juul
Ein gesunder Selbstwert ist dadurch zu erkennen, dass man ein nüchternes, nuanciertes und akzeptierendes Verhältnis zu sich selbst hat – sowohl im Guten als auch Bösen. Es liegt in der Geschichte der Erziehung, dass die meisten Menschen über 30 Jahre lang wenig Selbstwert und dadurch auch wenig Selbstrespekt oder die Fähigkeit, sich selbst ernst zu nehmen, entwickelt haben. Auf dieser Basis ist es schwierig, den Respekt anderer zu bekommen und von anderen ernst genommen zu werden.

Besonders Frauen haben noch Schwierigkeiten sich ernst zu nehmen

In früheren Zeiten stellten Rollen eine wichtige Art der Kompensation dar, und damit verbunden war auch das Recht, andere, weniger mächtige Menschen (sowohl Kinder als auch Erwachsene) zu bestrafen und zu demütigen. Das war ein selbstverständlicher Teil der patriarchischen Machtstruktur. Ihre Opfer waren in erster Linie natürlich Frauen und Kinder, die zwar gesehen, aber nicht gehört wurden. Immer noch haben insbesondere Frauen Schwierigkeiten damit, sich selbst ernst zu nehmen – vor allem in Liebesbeziehungen. Obwohl in vielen Familien und pädagogischen Einrichtungen längst die Frauen die Macht übernommen haben.

Nach einem meiner Vorträge wurde ich von einer Mutter gefragt: «Ich habe drei Kinder – eine Tochter von vier Jahren und zwei Söhne, sechs und neun Jahre alt. Ständig wetteifern sie um meine Aufmerksamkeit und streiten sich deswegen oft. Mein Mann reist viel, und ich arbeite halbtags. Ich bin so erschöpft, dass ich nicht mehr weiterweiss. Wie bringe ich meine Kinder dazu, dass sie mit Streiten aufhören und ich endlich ein bisschen Luft habe?» Meine Antwort darauf war, dass sie damit anfangen sollte, sich selbst ernst zu nehmen, nämlich ihre persönlichen Bedürfnisse und Grenzen. Sie schüttelte den Kopf, wohingegen ihre Freundin eifrig nickte. «Was würden Sie denn vorschlagen?», fragte mich die Mutter.
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«Meine Energie gehört mir, ich nutze sie so, wie ich will»

Ich gab ihr folgende Antwort: «Wenn Sie heute nach Hause kommen, ist es womöglich 23 Uhr. Wecken Sie Ihre Kinder auf und sagen Sie ihnen, sie sollen bitte ins Wohnzimmer kommen. Dann schauen Sie Ihren Kindern in die Augen und sagen: Meine Liebe gehört mir, und ich verteile sie so, wie ich will. Meine Aufmerksamkeit gehört mir, und ich verteile sie so, wie ich will. Meine Energie gehört mir, und ich nutze sie so, wie ich will. Gute Nacht und schlaft gut!»

Die Frau war schockiert. Sie könne ihre Kinder doch nicht mitten in der Nacht aufwecken. Was, wenn sie sich dann abgewiesen fühlen? Was ist, wenn sie mich hassen? Und kann ich so egoistisch sein? Es war mir völlig klar, dass ich mit meinem Vorschlag gegen die Unterdrückung, Selbstunterdrückung und ein über Generationen geprägtes falsches Verständnis von wirklicher Mutterliebe kämpfte. Ich konnte ihr also nur anbieten, über meinen Vorschlag nachzudenken.

Zwei Wochen später bekam ich eine E-Mail: «Ich wusste, dass Ihr Vorschlag richtig war, aber ich hatte sehr viele Bedenken. Es hat deswegen eine ganze Woche gedauert, bis ich mich traute. Allerdings weckte ich die Kinder nicht auf. Ich rief sie vor dem Schlafengehen des jüngsten Kindes zusammen und sagte, was Sie mir vorgeschlagen hatten. Zuerst waren die Kinder still, dann aber kam der älteste Sohn und umarmte mich ganz lange und fest. Die zwei anderen Kinder kamen nach, und wir waren alle erleichtert und glücklich.

1 Kommentar

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Von Annemarie am 06.02.2018 07:38

tolle Artikel,vielen Dank dafür-ich kann sie als Elternlektüre im Kindergarten auflegen und so unsere Eltern unterstützen.
Ich freu mich sehr auf ihren Newsletter
auch mich selber mit drei erwachsenen Kindern unterstützen die Inhalte besonders von Jesper Juul immer wieder

Annemarie

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