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Elternbildung

Mobbing aus Sicht einer Lehrerin

Die Primarlehrerin F. S.* über ihre Erfahrungen mit einem Jungen, der anders ist als die andern. Und deswegen leiden muss.
Aufgezeichnet von Barbara Stengl, 
* F. S. unterrichtet an einer Primarschule in Uster. Sie ist 50 Jahre alt. 
In meiner ersten Klasse ist ein Junge, der benimmt sich nicht altersgerecht. Er trägt andere Kleider als die anderen Kinder und hat so einen Bändel mit einem Anhängertierli um den Hals. Seine Klassenkameraden finden das doof und lassen ihn das auch spüren. 

Ich unterrichte 22 Schülerinnen und Schüler. Es gibt Kinder, die bereits Malrechnen können, die «Drei Fragezeichen» lesen, und solche, die nicht genau wissen, was mehr ist: fünf oder acht, und beim Lesenlernen erst einzelne Buchstaben erkennen. Mehrere Schüler verstehen sehr wenig Deutsch. 

Das Wort «ich» höre ich öfter als vor 25 Jahren, als ich anfing, zu unterrichten. Heute, scheint mir, hängt das Glück der Eltern mehr vom Glück der Kinder ab. Geht es dem Kind gut, geht es auch den Eltern gut. Das Kind ist ein «Projekt», das geplant wird und erfolgreich sein muss. 

Aus meiner Sicht ist das Thema Mobbing komplex. Da spielt vieles zusammen: gesellschaftliche Tendenzen, Schulstrukturen, Elternhaus und die Persönlichkeit des Kindes. Ob ein Kind gemobbt wird oder nur geärgert, ist schwierig zu erkennen. Aufmerksam werde ich, wenn ein Kind öfters und über längere Zeit beim Spielen ausgeschlossen wird, wenn es im Sportunterricht regelmässig als Letztes gewählt wird, nie zu einem Geburtstagsfest eingeladen wird und bei den Gruppenarbeiten oft zuletzt einen Partner oder eine Partnerin findet! Dann merke ich, dass es diesem Kind nicht gut geht und dass es besondere Aufmerksamkeit braucht. 
Wenn ich zum x-ten Mal höre: «Sie, de…hät wieder...», wird es mir manchmal zu viel.
Wie der Junge mit dem Anhängertierli um den Hals, der sich nicht gut spürt. Oft fasst er die anderen Kinder an, «schupft» sie beim Vorübergehen und stört die Gruppe. Er meint das nicht böse, er ist einfach eher ungeschickt und noch unreif im Umgang mit seinen Mitschülerinnen und Mitschülern.
 
Seine Klassenkollegen verstehen das nicht. Da entwickelte sich eine Dynamik, die sehr anstrengend wurde. Dieser Junge wurde von fast allen Aktivitäten ausgeschlossen. Das belastete ihn sehr, er konnte nicht mehr lernen, weil er die ganze Zeit nachgrübeln musste, warum die anderen ihn nicht mögen. Sein auffallendes Verhalten verstärkte sich dadurch. Das brauchte unheimliche Geduld von meiner Seite, und manchmal fehlte die mir schlichtweg. Wenn ich zum x-ten Mal höre: «Sie, de...hät wieder...», wird es mir manchmal zu viel. Da wünschte ich mir mehr Engagement von den Eltern des betroffenen Kindes.
 
Dennoch lasse ich mir was einfallen. Ich spreche mit der Klasse, ohne das betroffene Kind, erkläre die Situation des Kindes, fordere die anderen auf, in der Pause als Klasse gemeinsam etwas zu spielen. Es ist wichtig, dass die Kinder sich nicht allein überlassen sind, dass sie wissen, wie sie sich zu verhalten haben, und was sie in der Freispielzeit machen können. Mit dem betroffenen Kind führe ich auch Gespräche, manchmal zusammen mit der Schulsozialarbeiterin und den Eltern. 

Wir wollen dann wissen: Wieso schliessen sie dich aus? Was könntest du anders machen? Was könnten die anderen ändern, damit sie dich weniger ärgern?
 Wir treffen Abmachungen, und ich überprüfe sie regelmässig. Wenn man Glück hat, verbessert sich so das Verhalten des Kindes und der Klasse. 

Wenn ich als Lehrerin merke, dass so eine Situation andauert und trotz meiner Interventionen sich nichts verändert, suche ich Hilfe bei Fachpersonen. Die Schulsozialarbeiterin kommt dann in die Klasse und übt mit den Schülern, sich abzugrenzen. Die Kinder lernen zum Beispiel mit verschiedenen Spielen, die «Stopp-Regel» einzuhalten und Grenzen zu respektieren.
 
Mit dem Jungen aus meiner Klasse arbeite ich mit einem Belohnungssystem. Wir haben abgemacht, dass er für jede 15 Minuten, in denen er kein anderes Kind stört, einen Smiley bekommt. Wenn er das eine halbe Stunde lang schafft, darf er sich ein Spiel im Turnen wünschen. Bei 22 Kindern den Überblick zu behalten, fordert. 

Bild: Bildbyran/Imago

Tipps für die Eltern

Wenn die Eltern den Verdacht haben, dass ihr Kind gemobbt wird, sollen sie schnell reagieren und nicht warten, bis die Klassenlehrperson es merkt. Ich empfehle, den Kontakt zu den Eltern der Kinder, die mobben, zu suchen. Miteinander zu sprechen und zu schildern, wie es ihrem Kind geht und was dem Kind passiert. Viele Eltern wagen diesen Schritt nicht, aus Angst, dass ihr Kind dann schlechter dasteht als vorher. Doch das ist aus meiner Sicht nicht der Fall. Wichtig ist auch der Kontakt zur Klassenlehrperson. Nur kann man ihr nicht die ganze Verantwortung abgeben. 

Tipps für die Lehrpersonen 

Als Lehrperson ist es wichtig, hinzuschauen und zu handeln. Aber nicht alleine; man sollte sich Hilfe von aussen holen. Das Gefühl, alles alleine machen zu müssen, ist eine Falle. Es ist wichtig, sich zu vernetzen. Oftmals leiden Lehrpersonen unter dem Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Nützlich finde ich eine schnelle Teamintervision, in der man das Problem schildern kann und verschiedene Perspektiven zu hören bekommt. Als Lehrperson sollte man immer mit beiden Gruppen arbeiten, mit den Tätern und den Opfern.
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Dieser Text erschien im Dossier Mobbing in der Septemberausgabe des Schweizer ElternMagazins Fritz+Fränzi 2016. Auf 26 Seiten setzen wir uns mit allen Facetten des Mobbings auseinander, stellen Lösungsansätze vor und lassen alle Beteiligten zu Wort kommen. Sie können die Ausgabe HIER bestellen. 

Weiterlesen: 
Der No-Blame-Approach: Wie Lehrpersonen bei Mobbing eingreifen können

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