Mein Sohn, das aggressive Problemkind?
Elternbildung

Mein Sohn, das aggressive Problemkind?

Der Sohn von Autorin Sandra Casalini war als Kleinkind der klassische Spielplatz-Schreck. Auch später fiel er immer wieder in alte Aggressionsmuster zurück – bis er auf Lehrpersonen traf, die ihn nicht in die «Problemkind»-Schublade steckten.
Text: Sandra Casalini
Bild: Marianne Gobble / Plainpicture
«Als Baby war mein Sohn ein pflegeleichter Sonnenschein, der viel schlief und noch mehr ass. Als er mobil wurde, zeigte sich aber immer mehr, dass seine Frustrationstoleranz nicht besonders hoch war. Als er zum Beispiel krabbeln lernte und sich dabei rückwärtsstiess statt vorwärtszukommen, wurde er manchmal so wütend, dass er den Kopf auf den Boden schlug. Später war er dann der klassische Spielplatz-Schreck: Er schlug, biss, nahm anderen die Spielsachen weg, warf Sand und Steine – das pure Gegenteil seiner älteren Schwester.
<div>Dieser Artikel ist Teil des Online-<a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/aggressivitat"><strong>Dossiers Aggression bei Kindern in der Familie und in der Schule.</strong></a><strong> </strong>Hier finden Sie eine Übersicht mit allen relevanten Artikeln zum Thema. <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/aggressivitat">-&gt; zum Dossier Aggression</a></div>
Dieser Artikel ist Teil des Online-Dossiers Aggression bei Kindern in der Familie und in der Schule. Hier finden Sie eine Übersicht mit allen relevanten Artikeln zum Thema. -> zum Dossier Aggression
Sie stand jeweils am Fuss der Rutschbahn und wartete, bis jeder, der raufwollte, oben war, bevor sie selbst hochging. Ihr Bruder zerrte den, der auf dem Weg war, von der Leiter, wenn er selbst raufwollte.

Ich war verzweifelt. Und fragte mich immer wieder, was ich falsch machte. Wie konnte es sein, dass eines meiner Kinder so sozial war und das andere so aggressiv? Ich hatte immer gedacht, aggressive Kinder seien so, weil sie das von zu Hause mitbekommen. Bei uns herrschte ein liebevoller Umgang untereinander und weder verbale noch körperliche Gewalt waren je ein Thema. Woher kam diese Aggression?
Gerade keine Zeit diesen Artikel zu lesen? Dann pinnen Sie dieses Bild auf Pinterest, um ihn sich zu merken. Folgen Sie uns schon auf Pinterest?
Gerade keine Zeit diesen Artikel zu lesen? Dann pinnen Sie dieses Bild auf Pinterest, um ihn sich zu merken. Folgen Sie uns schon auf Pinterest?
Interessanterweise ging mir in einer völlig gegenteiligen Situation ein Licht auf. Wir besuchten eine Verwandte in einem Pflegeheim. Beim Mittagessen sass eine alte Dame ganz allein in ihrem Rollstuhl, ihr Gesicht gegen die Wand gerichtet, angeschlossen an unzählige Kabel. Mein Sohn, damals etwa fünf Jahre alt, kletterte auf ihren Schoss, schaute sie an und sagte: ‹Hoi, Frau!› Die alte Dame nahm seine kleine Hand in ihre, Tränen schossen in ihre Augen. Und plötzlich wusste ich: Dieses Kind hat so feine Antennen, dass es die Einsamkeit dieser alten Frau wahrgenommen hatte, ihr Bedürfnis nach etwas Wärme.
«Die vielen Eindrücke überforderten ihn.»
All die Eindrücke, die jeweils auf dem Spielplatz auf ihn einprasselten, die vielen Kinder, die vielen Spielsachen, die vielen Möglichkeiten – das konnte er gar nicht verarbeiten, sie überforderten ihn. Zu Hause, in seinem sicheren Umfeld, war er kaum aggressiv. Ich versuchte, die Spielplatzbesuche für ihn zu strukturieren, setzte mich mit ihm in den Sandkasten und erklärte ihm genau, was wir womit machen, oder schaute, dass er einen Spielgefährten hatte, auf den er sich konzentrieren konnte. Trotzdem blieb es ein Krampf, und er fiel immer wieder in alte Muster zurück.

So war es auch während der folgenden Jahre. Immer wenn mein Sohn in eine neue Situation kam, fiel er in sein aggressives Verhaltensmuster zurück – und wir hatten das Pech, dass das bis vor zwei Jahren regelmässig der Fall war, da er jährlich wechselnde Lehrpersonen und/oder Klassen hatte. Die Kindergartenzeit war anspruchsvoll. Er brauchte eine Ewigkeit, bis er halbwegs einen Platz in der Gruppe gefunden hatte, plagte andere Kinder, äffte die Kindergärtnerin nach und räumte auf dem Heimweg regelmässig Briefkästen aus und stiess Mülltonnen um. Mir wurde immer wieder nahegelegt, meinen Job zu kündigen, dann wäre das Kind vielleicht etwas ‹normaler›. Oder ihn abzuklären – auf ADS, Asperger, irgendetwas, das sein ‹abnormales Verhalten› erklären würde. Aber ich wollte mein Kind nicht stigmatisieren, noch bevor es in die Schule kam.

Auch der Schulanfang war nicht einfach. Im Klassenzimmer schubste oder kniff er andere Kinder, in der Pause schlug er auch immer wieder zu. Das Schlimmste aber waren die Hausaufgaben. Er schrie und warf Sachen um sich, wenn beispielsweise beim Spitzen die Spitze des Bleistifts abbrach. Ich sass manchmal zwei Stunden neben ihm, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen, meine Nerven dem Zerreissen nahe.

Seit zwei Jahren hat er nun dieselben Lehrpersonen und ist mehr oder weniger in derselben Klasse, wo er sich gut integriert hat. Zwei Mal pro Woche geht er in die Hausaufgabenhilfe, das ist eine grosse Erleichterung für mich. Seit über einem Jahr gab es keine Vorfälle mehr in der Schule. Und: Im letzten Zeugnis war er in fast jedem Fach besser als vorher. Das liegt sicherlich nicht zuletzt an den Lehrpersonen, die seine Sensibilität erkannt und ihn nicht einfach in die Problemkind-Schublade gesteckt haben.

In einem guten Jahr kommt mein Sohn in die Oberstufe. Ich hoffe sehr, dass die vergangenen Jahre ihn dann so selbstbewusst gemacht haben, dass er nicht wieder in alte Muster zurückfällt. Und dass er auch dort auf Lehrpersonen trifft, die sein Potenzial erkennen, und – sollten sie wieder auftauchen – nicht nur seine Aggressionen sehen.»
Anzeige

Zur Autorin:

<div><strong>Sandra Casalini </strong>wünschte, sie hätte schon früher für dieses Dossier recherchiert – dann nämlich, als ihr Sohn auf dem Spielplatz regelmässig zuschlug. Heute zeigt der 11-Jährige seine Aggressionen auf weniger gewaltsame Art.</div>
Sandra Casalini wünschte, sie hätte schon früher für dieses Dossier recherchiert – dann nämlich, als ihr Sohn auf dem Spielplatz regelmässig zuschlug. Heute zeigt der 11-Jährige seine Aggressionen auf weniger gewaltsame Art.

Weiterlesen:

  • Das aggressive Kind
    Aggression hat viele Gesichter und viele Ursachen. Frustration und Provokation sind Grundpfeiler für die grosse Wut im Bauch. Warum ist Aggression wichtig? Wie sollen Eltern und Lehrpersonen reagieren, wenn Kinder schreien, drohen, schlagen?


  • Aggressive Kinder, was ist normal?
    Wutanfälle, herumschreien, das kleine Geschwister hauen – wer Kinder erzieht, kennt diese Ausbrüche. Was aber, wenn die Aggression extrem wird?

  • Macht Kriegsspielzeug Kinder aggressiv?
    Eine verunsicherte Mutter sucht Rat bei Jesper Juul: Sollen Eltern eingreifen, wenn sich Kinder gegenseitig mit Plastikpistolen «erschiessen» und so tun, als würden sie anderen Kindern die Kehle durchschneiden?

  • Wie man übt, Frust zu ertragen
    Viele Kinder reagieren auf Enttäuschungen und Niederlagen mit Wut und Aggression. Wie Eltern und Lehrpersonen einem Kind helfen können, seine Frustrationstoleranz zu verbessern und Bedürfnisse und Wünsche besser zu kontrollieren. 




3 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Von Karin am 22.01.2020 18:00

Das kommt mir weitgehend bekannt vor, nur ist es bei uns genau umgekehrt: In der Schule ist Sohnemann sehr angepasst, hält sich an alle Regeln, ist lieb und hilfsbereit. Die Lehrerinnen loben ihn über den grünen Klee! Daheim jedoch ein komplett anderes Kind. Kann sich nicht allein beschäftigen, sehr niedrige Frustrationstoleranz, provoziert und drangsaliert, schlägt um sich... Ich habe noch keine Erklärung und keine Lösung gefunden. Klar, ich bin irgendwie froh dass es so rum ist und nicht umgekehrt. Finde es aber echt schwierig da andere oft ungläubig reagieren wenn ich zu erklären versuche was bei uns, daheim abläuft... Es ist wie Tag und Nacht! Ach ja, er ist 8.

> Auf diesen Kommentar antworten
Von Corinne am 20.01.2020 12:49

Das ist mir ein Stück weit vertraut. Was mir aber etwas fehlt, ist das Abwägen der Bedürnisse des eigenen gegen die Bedürfnisse der von der Aggression betroffenen Kinder. Sie möchten ihr Kind nicht stigmatisieren mit einer Abklärung - mir ging das genauso. Aber die anderen Kinder, die gebissen, geschlagen, gestört, beworfen, von Gerüsten gezerrt etc werden haben auch Rechte. Und ich finde es angemessen, deren Bedürfnisse und die ihrer Eltern hoch zu gewichten. Eine Abklärung ist ein Zugeständnis, das je nach Fall angemessen ist.

> Auf diesen Kommentar antworten
Von Funda am 04.06.2018 12:55

Oh je dieser Artikel hat mich sofort an meinem Sohn fast 12 Jahre alt ! Er hat bis heute nicht das Glück in der Schule so auf genommen zu sein , das es für ihn ein angenehmer Tag ist .... Er bekommt oft zu spüren, das es für andere schwierig ist , mit seiner Art zurecht zu kommen , somit durchlaufen wir weiterhin irgendwelche Termine, wie Psychologe, Psychiater usw ..... Danke für diesen tollen Bericht 😅

> Auf diesen Kommentar antworten

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.