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Elternbildung

Mein Sohn, das aggressive Problemkind?

Der Sohn von Autorin Sandra Casalini war als Kleinkind der klassische Spielplatz-Schreck. Auch später fiel er immer wieder in alte Aggressionsmuster zurück – bis er auf Lehrpersonen traf, die ihn nicht in die «Problemkind»-Schublade steckten.
Text: Sandra Casalini
Bild: Marianne Gobble / Plainpicture
«Als Baby war mein Sohn ein pflegeleichter Sonnenschein, der viel schlief und noch mehr ass. Als er mobil wurde, zeigte sich aber immer mehr, dass seine Frustrationstoleranz nicht besonders hoch war. Als er zum Beispiel krabbeln lernte und sich dabei rückwärtsstiess statt vorwärtszukommen, wurde er manchmal so wütend, dass er den Kopf auf den Boden schlug. Später war er dann der klassische Spielplatz-Schreck: Er schlug, biss, nahm anderen die Spielsachen weg, warf Sand und Steine – das pure Gegenteil seiner älteren Schwester.

Sie stand jeweils am Fuss der Rutschbahn und wartete, bis jeder, der raufwollte, oben war, bevor sie selbst hochging. Ihr Bruder zerrte den, der auf dem Weg war, von der Leiter, wenn er selbst raufwollte.

Ich war verzweifelt. Und fragte mich immer wieder, was ich falsch machte. Wie konnte es sein, dass eines meiner Kinder so sozial war und das andere so aggressiv? Ich hatte immer gedacht, aggressive Kinder seien so, weil sie das von zu Hause mitbekommen. Bei uns herrschte ein liebevoller Umgang untereinander und weder verbale noch körperliche Gewalt waren je ein Thema. Woher kam diese Aggression?
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Interessanterweise ging mir in einer völlig gegenteiligen Situation ein Licht auf. Wir besuchten eine Verwandte in einem Pflegeheim. Beim Mittagessen sass eine alte Dame ganz allein in ihrem Rollstuhl, ihr Gesicht gegen die Wand gerichtet, angeschlossen an unzählige Kabel. Mein Sohn, damals etwa fünf Jahre alt, kletterte auf ihren Schoss, schaute sie an und sagte: ‹Hoi, Frau!› Die alte Dame nahm seine kleine Hand in ihre, Tränen schossen in ihre Augen. Und plötzlich wusste ich: Dieses Kind hat so feine Antennen, dass es die Einsamkeit dieser alten Frau wahrgenommen hatte, ihr Bedürfnis nach etwas Wärme.
«Die vielen Eindrücke überforderten ihn.»
All die Eindrücke, die jeweils auf dem Spielplatz auf ihn einprasselten, die vielen Kinder, die vielen Spielsachen, die vielen Möglichkeiten – das konnte er gar nicht verarbeiten, sie überforderten ihn. Zu Hause, in seinem sicheren Umfeld, war er kaum aggressiv. Ich versuchte, die Spielplatzbesuche für ihn zu strukturieren, setzte mich mit ihm in den Sandkasten und erklärte ihm genau, was wir womit machen, oder schaute, dass er einen Spielgefährten hatte, auf den er sich konzentrieren konnte. Trotzdem blieb es ein Krampf, und er fiel immer wieder in alte Muster zurück.

So war es auch während der folgenden Jahre. Immer wenn mein Sohn in eine neue Situation kam, fiel er in sein aggressives Verhaltensmuster zurück – und wir hatten das Pech, dass das bis vor zwei Jahren regelmässig der Fall war, da er jährlich wechselnde Lehrpersonen und/oder Klassen hatte. Die Kindergartenzeit war anspruchsvoll. Er brauchte eine Ewigkeit, bis er halbwegs einen Platz in der Gruppe gefunden hatte, plagte andere Kinder, äffte die Kindergärtnerin nach und räumte auf dem Heimweg regelmässig Briefkästen aus und stiess Mülltonnen um. Mir wurde immer wieder nahegelegt, meinen Job zu kündigen, dann wäre das Kind vielleicht etwas ‹normaler›. Oder ihn abzuklären – auf ADS, Asperger, irgendetwas, das sein ‹abnormales Verhalten› erklären würde. Aber ich wollte mein Kind nicht stigmatisieren, noch bevor es in die Schule kam.

Auch der Schulanfang war nicht einfach. Im Klassenzimmer schubste oder kniff er andere Kinder, in der Pause schlug er auch immer wieder zu. Das Schlimmste aber waren die Hausaufgaben. Er schrie und warf Sachen um sich, wenn beispielsweise beim Spitzen die Spitze des Bleistifts abbrach. Ich sass manchmal zwei Stunden neben ihm, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen, meine Nerven dem Zerreissen nahe.

Seit zwei Jahren hat er nun dieselben Lehrpersonen und ist mehr oder weniger in derselben Klasse, wo er sich gut integriert hat. Zwei Mal pro Woche geht er in die Hausaufgabenhilfe, das ist eine grosse Erleichterung für mich. Seit über einem Jahr gab es keine Vorfälle mehr in der Schule. Und: Im letzten Zeugnis war er in fast jedem Fach besser als vorher. Das liegt sicherlich nicht zuletzt an den Lehrpersonen, die seine Sensibilität erkannt und ihn nicht einfach in die Problemkind-Schublade gesteckt haben.

In einem guten Jahr kommt mein Sohn in die Oberstufe. Ich hoffe sehr, dass die vergangenen Jahre ihn dann so selbstbewusst gemacht haben, dass er nicht wieder in alte Muster zurückfällt. Und dass er auch dort auf Lehrpersonen trifft, die sein Potenzial erkennen, und – sollten sie wieder auftauchen – nicht nur seine Aggressionen sehen.»

Zur Autorin:

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Sandra Casalini wünschte, sie hätte schon früher für dieses Dossier recherchiert – dann nämlich, als ihr Sohn auf dem Spielplatz regelmässig zuschlug. Heute zeigt der 11-Jährige seine Aggressionen auf weniger gewaltsame Art.

Weiterlesen:

Dieser Artikel stammt aus unserem grossen Dossier zum Thema Aggression aus der Ausgabe 05/18. Sie können das Magazin hier bestellen.

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1 Kommentar

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Von Funda am 04.06.2018 12:55

Oh je dieser Artikel hat mich sofort an meinem Sohn fast 12 Jahre alt ! Er hat bis heute nicht das Glück in der Schule so auf genommen zu sein , das es für ihn ein angenehmer Tag ist .... Er bekommt oft zu spüren, das es für andere schwierig ist , mit seiner Art zurecht zu kommen , somit durchlaufen wir weiterhin irgendwelche Termine, wie Psychologe, Psychiater usw ..... Danke für diesen tollen Bericht 😅

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