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Elternbildung

«Mein autistischer Sohn wurde ständig geärgert und beleidigt»

Das Mobbing begann, als ihr behinderter Sohn in die Regelschule kam. Für das, was er in der Schule durch seine Mitschüler erleiden musste, gibt es für seine Mutter* nur eine Bezeichnung: seelische Grausamkeit. Ein Erfahrungsbericht.
Aufgezeichnet von Fabian Grolimund
Mein Sohn ist 12 Jahre alt und hat frühkindlichen «high-functioning autism» (HFA)1. In den ersten vier Jahren besuchte er eine Förderschule, seit der fünften Klasse geht er in die Regelschule und wird von einem Schulbegleiter unterstützt. In der Förderschule wurde er niemals geplagt und er fühlte sich wohl, aber er war fachlich unterfordert.  Das Mobbing begann, als mein Sohn in die Regelschule kam. Er wurde ständig geärgert und beleidigt. Gespräche mit den Eltern der jeweiligen Kinder haben nichts gebracht. Alle sagten fast das Gleiche: «das sind doch Kinder…», mein Sohn müsse auch selbst lernen, damit umzugehen. Einige Eltern waren ganz kalt und kamen mit dem frechen Vorschlag, für meinen Sohn eine Sonderschule auszusuchen. Die Mobber selber behaupteten, sie hätten nichts getan.  

Die Kinder nutzten die Behinderung aus

Die Lehrer führten Gespräche mit den Mitschülerinnen und Mitschülern und die Klasse schrieb danach einen Entschuldigungsbrief an ihn. Das half aber nur für kurze Zeit und danach wurde mein Sohn wieder gemobbt. Eine Geschichte möchte ich hier ausführlicher erzählen. Autistische Kinder wie mein Sohn nehmen Aussagen üblicherweise wörtlich und verstehen Witze oder Ironie nicht. Die Kinder verstanden schnell, wie sie das ausnützen können.  Ein Mitschüler hat meinem Sohn einen Stift in den Rücken gerammt und sagte, dass er ihm damit eine Mikrokamera in den Körper eingeführt hätte. So könne man ihn überall beobachten. Mein Sohn verträgt es überhaupt nicht, wenn jemand ihn anschaut oder beobachtet,  das ist Teil seiner Autismus-Störung. Er gerät dann in Panik und bekommt Todesangst. 
«Die Mobber behaupteten, sie hätten nichts getan».  
Von seinen Klassenkameraden zu hören, dass er nun überall durch eine Mikrokamera beobachtet wird, war für ihn der Horror!  Mein Sohn bat den Jüngsten der Klasse, diese Kamera aus seinem Rücken herauszuholen. Der Junge hat zuerst noch gelacht, stimmte dann aber zu.  Einmal sass mein Sohn mit diesem Typen während des Unterrichts im Nebenraum. Da sagte der Junge, er könne die Kamera nur entfernen, wenn er meinem Sohn den Penis in den Po stecke – es müsse aber direkt passieren, solange sie hier zu zweit seien. Beide blieben angezogen und waren in Jeans, der Typ hat sich durch die Kleidung hindurch an meinen Sohn gedrückt.  Danach sagte er, die Kamera sei nun weg,  aber mein Sohn sei jetzt eine Frau geworden.  

Anzeige bei der Polizei erstattet

Mein Sohn hat echte seelische Grausamkeiten erlebt. Aber er hat den Mut gefunden, mir alles zu erzählen. Ich bin mit ihm zur Polizei gefahren und habe eine Anzeige gemacht. Und erst nach dieser Anzeige und vielen klärenden Gesprächen wurde mein Sohn endlich akzeptiert und in Ruhe gelassen. Ich denke, die anderen haben dadurch erkannt, dass solche Misshandlungen scharfe Konsequenzen nach sich ziehen können. Auf jeden Fall ist mittlerweile alles geklärt und mein Sohn fühlt sich wieder wohl.  Die Schule, bzw. Schulleiterin und Sonderpädagogin haben uns sehr geholfen. Eine Schulbegleiterin ist nach dem letzten Vorfall auch während der Pause bei meinem Sohn. Abschliessend möchte ich Eltern und Lehrern folgendes sagen: Erklären Sie den Kindern, dass es in unserer Gesellschaft auch kranke oder behinderte Kinder gibt – ob man will oder nicht; Und dass Behinderte auch das Recht haben, akzeptiert zu werden. 

*Die Mutter möchte anonym bleiben, der Name ist der Redaktion bekannt.

Bild: Gallery Stock
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1 Kommentar

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Von Cornelia am 25.09.2016 22:00

Ein entsetzlicher Zwischenfall der mir bekannt ist. Die Mutter des Jungen wandte sich damals an die Selbsthilfegruppe .
Ich denke oft besondere Kinder sind unschuldige reine Seelen wärend in so vielen "normalen Kindern" derart viel Verdorbenheit steckt. 😢

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