Mathias Voelchert: «Wenn wir konstruktiv streiten, lernen unsere Kinder das auch»
Elternbildung

«Wenn wir konstruktiv streiten, lernen unsere Kinder das auch»

Der Konflikt- und Familienberater Mathias Voelchert sagt, was Mütter und Väter beim ­Streiten unbedingt vermeiden sollten, wie sich Kinder fühlen, wenn sie zu ­Streitschlichtern werden – und inwiefern sie von einem Elternstreit profitieren können.
Interview: Katharina Hoch 
Bilder: Sebastian Lock

Herr Voelchert, als ich klein war, haben meine Eltern fast jeden Tag gestritten. Mein Vater war sehr impulsiv, wurde beim Streiten meistens sehr laut und hat auch viele Schimpfwörter benutzt. Meine Mutter hat manchmal geweint. Haben meine Eltern alles falsch gemacht?

Nein, das glaube ich nicht. Viele denken ja, dass wir schlechte Eltern sind oder schlechte Eltern hatten, wenn nicht alles harmonisch läuft oder lief. Aber Harmonie ist ja kein Zeichen für gute Beziehungen. Harmonie ist eine Momentaufnahme eines langen Prozesses, der immer wieder neu beginnt. Harmonie und Konfliktfreiheit werden in unserer Zeit auch leider manchmal zur Sucht. Keine Konflikte heisst gute Beziehung. Das stimmt natürlich nicht. Konflikte gehören zu jeder Beziehung dazu.

Also ist Streit vor Kindern per se nicht schlecht?

Streit ist wunderbar und gehört zum Leben dazu. Aber nur, wenn er konstruktiv geführt wird. Wenn destruktiv gestritten wird, ist das furchtbar für Kinder. Wenn der Streit zum Beispiel nie ein Ende findet und die Grundstimmung ständig schlecht ist.
Mathias Voelchert ist Gründer und Leiter von «familylab.de – die Familienwerkstatt» in Deutschland, die nach den Werten von Jesper Juul arbeitet. Er ist Betriebswirt, Ausbildner, praktischer Supervisor, Coach und Buchautor. Voelchert berät Paare, Familien, Schulen und Unternehmen zum Thema ­Gleichwürdigkeit und gelingende Beziehungen. Er ist Vater von zwei erwachsenen Kindern und lebt mit seiner Frau im Bayerischen Wald.
Mathias Voelchert ist Gründer und Leiter von «familylab.de – die Familienwerkstatt» in Deutschland, die nach den Werten von Jesper Juul arbeitet. Er ist Betriebswirt, Ausbildner, praktischer Supervisor, Coach und Buchautor. Voelchert berät Paare, Familien, Schulen und Unternehmen zum Thema ­Gleichwürdigkeit und gelingende Beziehungen. Er ist Vater von zwei erwachsenen Kindern und lebt mit seiner Frau im Bayerischen Wald.

Was löst das bei Kindern aus?

Wenn ein Kind einmal so einen Streit mitbekommt, dann passiert gar nichts. Wenn aber ständig des­truktiv gestritten wird, dann belastet dies die Kinder schon sehr. Zum Beispiel, wenn sich Mutter und Vater dauernd dasselbe vorwerfen – «immer machst du dies und jenes» oder «nie hörst du mir zu» – und zu keiner Lösung kommen, nicht aufeinander zugehen. Kinder fühlen sich dann schnell verantwortlich für den Streit, entwickeln Schuldge­fühle und haben Verlust­ängste. Ein 9-jähriges Mädchen, dessen Eltern sich oft gestritten und schlussendlich auch getrennt haben, hat mal zu mir gesagt: «Wenn ich abends im Bett liege und meine Eltern streiten höre, spanne ich meine Muskeln ganz fest an und liege starr im Bett, weil ich Angst habe, dass meine Eltern auseinandergehen. Ich hoffe so sehr, dass meine Mama und mein Papa zusammenbleiben.»

Was wäre für Mütter und Väter ein absolutes No-Go beim Streiten vor den Kindern?

Nicht nur vor den Kindern, sondern generell wäre ein No-Go, den anderen schlechtzumachen. Den eigenen Hass auf den Partner oder die Partnerin zu projizieren. Was man auch vermeiden sollte, ist, sich immer wieder im Kreis zu drehen. Immer wieder die gleichen Vorwürfe machen. Dasselbe Theater. Ich habe das bei meinen Eltern auch so erlebt und habe mir ganz früh vorgenommen, das anders zu machen. Manchmal habe ich es geschafft und manchmal nicht.
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Ich habe zwei Kinder und ertappe mich immer wieder dabei, dass ich mich beim Streit mit meinem Mann nicht so verhalte, wie ich es mir eigentlich wünsche. Haben Sie einen Tipp, wie ich das besser schaffen kann?

Oft reagieren wir unangemessen, wenn wir gestresst sind. Wenn wir uns zu viel aufgeladen haben und nicht auf uns achtgeben. Streiten sorgt dann für Stressabbau. Besser wäre es aber, wenn wir den Stress schon vor dem Streiten loswerden. Wenn ich Seminare gebe, sage ich den Teilnehmern oft, dass sie sich ein Glas Wasser vorstellen sollen, das bis obenhin gefüllt ist und beinahe überläuft. Das Wasser symbolisiert Stress. Stress bei der Arbeit, Stress mit den Kindern, Stress in der Partnerschaft, Stress mit den Schwiegereltern, Stress mit mir selbst. Ein weiterer Tropfen Stress fällt in das Glas und es läuft über. Es ist genau der eine Tropfen zu viel. Mein Kind lässt vielleicht ein Glas Kakao auf den frisch geputzten Boden fallen oder mein Partner sagt etwas Falsches, und ich platze. Meine Reaktion ist nicht mehr adäquat zu dem, was passiert ist. Mein Gegenüber bekommt alles ab, was sich in dem Glas befindet. Jetzt ist die ­grosse Frage: Was macht man da? Die Lösung, die ich für mich gefunden habe, heisst: abtrinken. Wir müssen dafür sorgen, dass dieses Glas nicht zu voll wird.

Und wie geht das?

Indem man sich bewegt und die aggressive Energie umwandelt. Indem man sportlich tätig ist, für sich sorgt und sich Pausen gönnt. Indem man das loswird, was in einem ist.

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