Lutz Jäncke: «Eltern müssen ihre Kinder viel mehr führen»
Elternbildung
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Was passiert mit Kindern, die ihren Reizen immer nachgeben?

Sie werden mehr und mehr zum Lustwesen. Das ist schlecht fürs gesamte Leben. Denn der Erfolg im Leben wird davon abhängen, ob man lernt, Gratifikationsverzögerungen auszuhalten. In der Schule lernen wir, um zum Beispiel in drei Wochen eine gute Prüfung zu schreiben. Wir studieren vier ­Jahre, um später einen Universitätsabschluss zu erlangen. Diese Fähigkeit, auf eine Belohnung in der ­Ferne hinzuarbeiten, ist der Grund, warum sich der Mensch so weit entwickelt hat.

Lässt sich die Entwicklung von ­Selbstdisziplin nachholen, wenn sie in der Jugend, also bis zur Ausreifung des Stirnhirns, nicht passiert ist?

Theoretisch lässt sich das Gehirn später noch verändern, man kann vieles korrigieren. Aber Korrekturen sind immer schwierig. Wir lernen mit dem Alter langsamer. Zudem findet ja der Berufseinstieg zwischen 15 und etwa 25 statt. Wenn wir bis dahin nicht gelernt haben, Gratifikationsverzögerungen auszuhalten, werden wir nicht hoch einsteigen können.

Wie können Eltern mit ihren Kindern Selbstkontrolle üben?

Man muss Kinder und Jugendliche schrittweise an die Selbstkontrolle heranführen. Das gilt auch für das Computerspiel. Sie sollen lernen, nur für eine bestimmte Zeit zu spielen. Zu Beginn dieses Prozesses kontrollieren die Eltern die Einhaltung der vereinbarten Zeit – zum Beispiel eine Stunde – und schalten dann gegebenenfalls den Computer ab.  Wenn das funktioniert, sagen sie  «Okay, beim nächsten Mal schaltest du selbst nach einer Stunde ab» – und stellen eine Uhr daneben. Es hilft, Vereinbarungen zu treffen und die Kinder sukzessive heranzuführen, diese selbst einzuhalten. So wird die Fremdkontrolle zur Selbstkontrolle.

Und wenn schon das mit der ­Fremdkontrolle nicht funktioniert, weil sich das Kind weigert, das Game zur Seite zu legen?

Dann hilft es vielleicht, den Ablauf zu ändern. Viele Eltern denken, es ist eine gute Idee, wenn sich das Kind nach der Schule erst einmal mit Games entspannen kann, bevor es an die Hausaufgaben geht. Aber das läuft der Logik des Gehirns und des Lernens entgegen. Es ist viel schwieriger, etwas zu beenden, was so lustgetrieben wie das Gamen ist, um etwas mit einem langfristigen Ziel zu machen als umgekehrt. Besser wäre es, wenn die Kinder lernen, dass auf die Absolvierung einer mühseligen Aufgabe eine entspannende und Lust bringende Tätigkeit folgt. Das nennen wir positive ­Verstärkung – es verstärkt das vor der Belohnung gezeigte Verhalten. Ausserdem ist es wichtig, dass die Kinder erfahren, dass gut erledigte Schulaufgaben erfolgreiche Realisierungen selbst gesetzter Ziele sind. Das fördert die Entwicklung der Leistungsmotivation. Im Schulalltag zeigt sich das dann, wenn man endlich etwas kapiert oder plötzlich der Zweitbeste der Klasse ist.
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Was halten Sie von Digital Detox?

Ich finde es wichtig, dass Eltern ihren Kindern zeigen, dass auch Ruhe interessant ist. Ich bin ein grosser Fan von digitaler Technik. Aber man muss lernen, damit umzugehen. Und dazu gehören auch klar definierte Zeiten ohne Medien. Aber natürlich ist genauso wichtig, dass wir schauen, was die Kinder im Internet eigentlich machen, und ihnen beibringen, mit all den Informationen umzugehen.

Was hilft dabei?

Gerade zu Beginn finde ich technische Hilfsmittel gut. Dass man zum Beispiel nur kinderfreundliche Suchmaschinen verwendet. Und so hart es klingt: Man sollte kontrollieren, was die Kinder im Internet tun. Ich finde es nicht gut, dass Eltern zum Beispiel ihr 13-jähriges Mädchen auf Instagram alles machen lassen. Und nicht wissen, mit wem es in Chats kommuniziert. Eltern müssen ihre Kinder begleiten. ­Meine Eltern hatten es viel leichter als die Eltern heutzutage: Ich habe praktisch nur gelesen, was sie mir gegeben haben. Heute haben die Kinder Zugriff auf alles. Also müssen wir noch viel mehr darüber miteinander reden, was sie im Internet so alles treiben. Die direkte Kommunikation wird immer wichtiger. 

Woher sollen Eltern die Zeit für diese enorme Aufgabe nehmen?

Kinder zu haben, ist eine echte Herausforderung. Vielleicht anspruchsvoller als je zuvor. Natürlich haben wir aber auch weniger Kinder pro Familie als früher. Und wir können damit mehr Zeit in ihre Aufzucht und Pflege investieren. Diese Verantwortung müssen wir aber wahrnehmen. Es macht ja auch Spass.

Ja, bitte, sagen Sie noch etwas ­Positives! 

Stellen Sie sich nur mal vor, wie langweilig das Leben ohne Kinder wäre. Zu sehen, wie junge Menschen heranwachsen, und mit ihnen mitzufühlen, ist anstrengend. Aber das ist Leben. Kinder geben Lebenssinn.

Hat nicht auch die digitale Welt einen positiven Effekt? Lernen wir neue Fähigkeiten?

Das kann ich noch nicht abschliessend beantworten. Wir haben natürlich einen leichteren Zugang zu ­Wissen. Wenn wir das Richtige finden. Wir können Kultur im Internet geniessen und mit der ganzen Welt kommunizieren. Leider nutzt es nicht jeder gewinnbringend. Es sind die zwei Seiten einer Medaille.

Lernen wir digital anders?

Der grosse Unterschied ist, dass uns beim digitalen Lernen kein Mensch direkt gegenübersitzt. Die Evolution hat uns zu sozialen Wesen geformt. Deshalb ist für das Lernen, insbesondere in der Kindheit und Jugend, der echte Mensch und Lehrer ein wichtiger Katalysator. Je jünger die Kinder, desto eher lernen sie auch für den Lehrer. ­Unsere Spiegelneuronen sorgen dafür, dass wir imitieren – aber nur bei echten Menschen. Belegt ist zum Beispiel, dass Kinder Sprachen deutlich schneller von einem echten Lehrer als von einem Lehrer lernen, der nur auf dem Bildschirm erscheint.

Und noch besser lernt er, wenn er von Hand schreibt?

Unbedingt. Wenn Sie zum Beispiel mit der rechten Hand schreiben, wird diese vom linksseitigen Motorkortex kontrolliert. Der steht in enger Nachbarschaft zu den Spracharealen auf der linken Hirnhemisphäre. Das bedeutet, die Kommunikation zwischen diesen beiden Zentren erfordert kurze Wege und ist deshalb sehr effizient. Wenn sie hingegen mit beiden Händen auf einer Tastatur tippen, müssen die motorischen und kognitiven Sig­nale immer zwischen den Hirnhälften hin und her transportiert werden. Dieser Austausch ist langsam und fehleranfällig. Zudem tippen wir schneller als wir schreiben. Von Hand schreiben ist eine Entschleunigung, die dazu führt, dass wir jedes Wort länger präsent haben. Ausserdem sehe ich, wie sich die Buchstaben entfalten, und höre das Kratzen auf dem Papier. Wir koppeln also viele Informationen miteinander und haben mehr Zeit, um diese dem Langzeitgedächtnis zuzuführen, als beim Tippen. Wir merken uns Informationen besser, die wir von Hand schreiben.

«Kosmos Kind»: Vortrag von Lutz Jäncke am 1. Juni. Aktuelle Infos und Tickets:
<div><strong>Bianca Fritz</strong> ist freie Autorin und berät Selbständige und kleine Unternehmen in ihrem Social Media Marketing. Ein Gebiet, das besonders viel Selbstdisziplin und Achtsamkeit braucht.</div>
Bianca Fritz ist freie Autorin und berät Selbständige und kleine Unternehmen in ihrem Social Media Marketing. Ein Gebiet, das besonders viel Selbstdisziplin und Achtsamkeit braucht.

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