Lutz Jäncke: «Eltern müssen ihre Kinder viel mehr führen»
Elternbildung
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Was heisst das für Kinder, die in so einer Gesellschaft aufwachsen?

Sie haben das grösste Problem. Unser Gehirn reift bis ungefähr zum zwanzigsten Lebensjahr, sogar noch ein bisschen darüber hinaus. Und bei diesem Reifungsprozess nimmt der Frontalkortex eine besondere Rolle ein. Dieses Stirnhirn ist sehr wichtig für die Selbstdisziplin und die Selbstkontrolle. Der noch nicht voll ausgebildete Frontalkortex ist einer der Gründe, warum die Kinder in der Pubertät so sind, wie sie sind. Dass sie zum Beispiel Schwierigkeiten mit ihrer Aufmerksamkeit und der ­Kontrolle ihrer Emotionen haben. Kinder sind anfällig für Lust-Im­pulse. Sie sind deswegen auch anfällig für Süchte. Und jetzt kommen sie mit dem Internet in eine Welt, in der sie sofort alles haben können, was sie sich wünschen. Meine inzwischen erwachsenen Söhne haben mich als Teenager mal gefragt: «Was hast du eigentlich so gemacht, als du 16 ­Jahre alt warst?» Und als ich dann geantwortet habe: «Naja, zur Schule gehen, lesen, Sport und vielleicht alle vier Wochen mal ins Kino», fanden sie diese Vorstellung unsäglich langweilig. Kinder heute können sich gar nicht mehr vorstellen, in einer Welt zu leben, in der sie nicht alles sofort haben können.

Wie können Eltern ihre Kinder dabei unterstützen, in dieser Welt voller ­Reize zurechtzukommen?

Wir müssen die Kinder heute viel mehr führen. Mehr als wir geführt worden sind. Wir müssen den fehlenden Frontalkortex ersetzen. Das ist Erziehung. Nur weil Kinder gut mit dem Computer umgehen können, sind sie nicht früher reif. Wir müssen als Erwachsene die Kinder so unterstützen, dass sie sich in der modernen Welt entfalten können. Durch mehr Werte, mehr Führung und mehr Selbstdisziplin.

Was verstehen Sie denn unter «mehr Führung»?

Wir müssen uns erinnern, dass wir Tiere sind und bestimmte Fähigkeiten erlernen und perfektionieren müssen. Selbstdisziplin muss man trainieren. Heute sind in einer Schulklasse Geräuschpegel normal, wie wir sie früher am Bahnhof hatten. Mir geht es nicht darum, dass Eltern und Lehrpersonen autoritär werden sollen. Aber man muss einen klaren Rahmen bieten. Wir müssen auch den Kindern beibringen, sich zu reduzieren. Sie müssen lernen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Kinder suchen Klarheit und Struktur. Und dass Eltern dabei Unterstützung suchen, sieht man auch daran, dass strenger geführte Privatschulen heute einen enormen Zulauf haben.

Welche Art von Regeln helfen den Kindern? 

Zunächst ist wichtig, dass der Erziehungsstil nachvollziehbar ist. Das Überschreiten der klar kommunizierten Grenzen, zum Beispiel «Du musst um Uhrzeit X zu Hause sein», muss Konsequenzen haben. Das darf nicht ständig aufgeweicht werden. Je jünger die Kinder, desto enger sollte der Erziehungsrahmen sein. Mit zunehmendem Alter kann er dann immer breiter und weiter gesteckt werden. Genauso wichtig sind Ziele für Kinder und Jugendliche. Mit konkreten Anleitungen, wie sie diese erreichen können.
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Und wer sein Ziel erreicht, wird belohnt?

Eigentlich geht es eher darum, den Kindern zu zeigen, dass schon das Erreichen des Zieles eine Belohnung an sich ist. Der Psychologe Heinz Heckhausen hat gezeigt, dass Kinder, die selbst gesteckte Ziele erreichen, sich das schönste Gefühl schenken, das sich ein Kind selbst geben kann, nämlich Stolz. Das funktioniert schon bei Vierjährigen, die Klötze zu Türmen stapeln. Wenn wir Kinder anleiten, wie sie ihre selbst gesteckten Ziele erreichen, bauen sie eine Leistungsmotivation auf.

Wie finden Kinder diese eigenen Ziele?

Indem Eltern Angebote machen. Die Kinder sollen sich spielerisch ausprobieren. Zum Beispiel im Musikunterricht, Malunterricht, im Sport.

Das sind alles Ziele, die als kulturell ­wertvoll gelten.

Es hilft, wenn wir die Kinder anleiten, über unsere Kultur nachzudenken. Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Das geht eleganter. Man kann Kinder auch nebenbei mit Literatur versorgen. Und natürlich muss man es vorleben. Wenn Sie selbst lesen, werden Ihre Kinder auch lesen. Wenn die Mutter Germany’s Next Topmodel schaut, während die Tochter Lateinvokabeln pauken soll, wird es schwierig. Die Kinder verinnerlichen die Werte der Eltern. Selbst wenn sie später entscheiden, sich davon abzuwenden, ist der Bezugspunkt immer der Werte­kanon der Eltern. Deshalb sollten wir so leben, dass wir Vorbilder für un­sere Kinder sind. Eltern und Lehrpersonen sind das wichtigste Momentum für Kinder im gesamten Leben.

Aber nicht das einzige. Was, wenn die Kinder sich Ziele in einem Bereich ­setzen, der den Eltern nicht passt?

Das kann ja auch gut sein. Die Eltern von Anne-Sophie Mutter sollen zu Beginn auch nicht begeistert gewesen sein, als sich ihre Tochter der Geige zuwandte. Wenn das Kind des Bankers zum Beispiel Malerin werden möchte, sollte man es fördern und sich entfalten lassen. Und sich daran freuen, dass die Kinder Leistung zeigen und Freude an eigenen Zielen entwickeln. Wenn allerdings die Kinder etwas reizt, was konträr zu den Wertevorstellungen der Eltern ist, müssen die Eltern natürlich eingreifen. Das sind aber eher Extrembeispiele – etwa wenn die Tochter einen IS-Kämpfer heiraten möchte.

Gegen den ambitionierten Gamer ist aus Ihrer Sicht nichts einzuwenden?

Im Game-Bereich muss man hinsehen, ob eine Sucht vorliegt. Wenn Sie bei Ihren Kindern bemerken, dass beim Entzug der Spiele Craving (Anm. der Redaktion: ein heftiges Verlangen) auftritt, dann ist das gefährlich – das ist ein Indikator von Sucht. Wenn mein Kind aber Spiele programmiert oder seine Gaming-Fähigkeit so ausbaut, dass es damit Geld verdient, warum soll ich das dann verbieten? Das ist Erfolg.

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