Elternbildung
Seite 2

Eine Auszeit als Verschnaufspause, nicht als Strafe

Während man Säuglinge und Kleinkinder mit ihren Gefühlen nicht allein lassen kann, sind ältere Kinder und Jugendliche manchmal froh, wenn sie sich aus einer Situation, die sie überreizt oder überfordert, zurückziehen dürfen. Dann kann ihnen eine Verschnaufpause guttun – aber nur, wenn sie nicht den Charakter einer Strafe, sondern einer Hilfestellung hat.

Ich erinnere mich an einen Lehrer, der mit einem 13-Jährigen über die Gründe für seine Aggressionen sprach und ihm den folgenden Vorschlag unterbreitete: «Ich habe das Gefühl, manchmal wächst dir alles über den Kopf …» «Ja.» «Mir hilft es manchmal, wenn ich mir einen Moment für mich nehmen kann: rausgehen, tief durchatmen, mich ein bisschen bewegen. Wäre das vielleicht auch etwas für dich?» Fortan stand es dem Lehrer wie auch dem Jugendlichen frei, durch ein Handzeichen zu signalisieren, dass eine kurze «Cool-down-Phase» für den Schüler jetzt sinnvoll wäre.

Deutlich hilfreicher als eine Auszeit ist für Kinder jedoch ein Mensch, der sie bei der Gefühls­regulation begleitet. Wir können die Gefühle des Kindes in Worte fassen, vielleicht auch einfach da sein und den Frust mit ihm gemeinsam aushalten. Wenn das Kind sich ein wenig beruhigt hat, lässt sich darüber sprechen, was los war, was das Kind braucht, welche Handlungsmöglichkeiten es gibt – und was wir uns von ihm wünschen.
Hilfreicher als eine Auszeit für Kinder ist ein Mensch, der sie bei der Gefühlsregulation begleitet. 
Das braucht Zeit, ist anstrengend und gerade in der Schule schwierig umzusetzen – aber es lohnt sich!

Ob man ein Kind in seinem Frust begleitet oder ihm ermöglicht, sich zurückzuziehen: Das Wichtige ist die Haltung, die dahintersteht: Deine Gefühle sind okay – mir ist es wichtig, dass du gute Möglichkeiten findest, mit ihnen umzugehen. Auch wenn du wütend wirst, bin ich auf deiner Seite und für dich da.
Möchten Sie sich diesen Artikel merken? Dann pinnen Sie folgendes Bild auf Ihre Pinnwand bei Pinterest. Vielen Dank! 
Möchten Sie sich diesen Artikel merken? Dann pinnen Sie folgendes Bild auf Ihre Pinnwand bei Pinterest. Vielen Dank! 

Den kleinen Menschen in seiner Not sehen»

Als ich mich an diesem Morgen neben die Drittklässlerin setze, die den Kopf in den Armen vergraben hat und sich verweigert, hallt der Rat einer Berufskollegin in meinem Kopf: «Du musst diesen kleinen Menschen, der da wütet, in seiner Not sehen. Denkt man: Der will mich ärgern, der testet meine Grenzen aus, fühlt man sich manipuliert und wird selbst wütend. Besser sagst du dir: Dieses Kind ist überfordert und weiss gerade nicht weiter.»

Also atme ich tief durch und flüstere dem Mädchen zu: «Du bist gerade total wütend, hm?» Keine Reaktion. «Ich kann verstehen, dass du am liebsten aufhören würdest. Die Aufgaben sind echt knifflig …»

«Warum gibst du sie mir dann?!», zischt sie hinter ihrem Haarvorhang.

«Weil es mich interessiert, was du schon alles kannst – und, weil ich sie dir zutraue.»

Stille. Wenig später hebt das Mädchen den Kopf.

«Meinst du, wir können weitermachen?»

Sie zuckt mit den Schultern.

«Was würde dir helfen, wieder einzusteigen?»

Ihre Hand greift eine kleine Plüschmaus.

«Soll die sich zu uns setzen?»

Das Mädchen nickt – und geht zurück an ihren Platz.

Stefanie Rietzler

ist Psychologin und Autorin («Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden», «Erfolgreich lernen mit ADHS», «Clever lernen»). Gemeinsam mit Fabian Grolimund leitet sie die Akademie für Lerncoaching, ein Beratungs- und Weiterbildungsinstitut mit Sitz in Zürich: www.mit-kindern-lernen.ch, www.biber-blog.com
Stefanie Rietzler lebt mit ihrem Mann in Zürich. 
Anzeige

Keinen Text verpassen!

Stefanie Rietzler schreibt diese Kolumne im Wechsel mit ihrem Kollegen Fabian Grolimund.

Wenn Sie keine Kolumne verpassen möchten,
sichern Sie sich ein Abo!

Jesper Juul zum Thema Auszeiten:


3 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Von Ralf am 17.10.2019 11:10

Als Vater von mittlerweile 2 erwachsenen Töchtern (26+30J), kann ich nur sagen: Hätte ich den Artikel von Frau Rietzler nur mal schon vor 30 Jahren gelesen... Vielen Dank für Ihre klare Sprache und dass Sie komplizierte und umfassende Themen so gut auf den Punkt bringen. Ihre Kolumne ein Ratgeber für die Praxis. Sehr gut!

> Auf diesen Kommentar antworten
Von Nadja am 08.10.2019 15:28

Wie von vielen anderen bisher gelesenen Artikeln der Autorin, bin ich ein weiteres mal beeindruckt wie fundiert und gleichzeitig lebenspraktisch komplexe psychische Themen dargeboten werden. So regt mich auch dieser Text sowohl zur Reflexion über unseren Umgang mit unseren Kindern und allg. nahestehenden Personen, als auch eigener früherer Lernerfahrungen und Konsequenzen an. Durch die lebensnahe Darstellung und Untermalung mit Beispielen aus dem Alltag/der Praxis, gelingt es genau dem näherzukommen, was postuliert wird: der Entwicklung von Empathie. Vielen Dank für die weitere Bereicherung!

> Auf diesen Kommentar antworten
Von Kathrin am 05.10.2019 12:02

Ich habe ein Kind, das haut, beist, zerstört und die Schwester maltretiert. Kein Durchkommen, kein Begleiten, kein Rankommen möglich. Nach ihren Wutausbrüchen weiss sie von nichts. Sie schreit alles zusammen und ist extrem gewaltätig. Sie hat keine Auszeiten, sir wissen aber keine Lösung mehr.

> Auf diesen Kommentar antworten

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.