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Elternbildung

Jetzt geht es um SIE! Machen Sie das Ihren Kindern klar

Eine allein erziehende Mutter von drei Kindern wendet sich an Jesper Juul. Sie fühlt sich überfordert, ausgelaugt, ist verzweifelt und im Begriff, sich aufzugeben.
Text: Jesper Juul
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
 Die Mutter hat drei grosse Jungs im Alter von 14, 16 und 19 Jahren. Ihr Problem ist, dass vor allem die jüngeren zwei Jungen sehr schlechte Angewohnheiten in Bezug auf die Abendroutine haben. Da die Mutter im Schichtdienst und dadurch unregelmässig arbeitet, ist sie zu unterschiedlichen Zeiten zu Hause. Sie kann die Aktivitäten ihrer Jungs nicht kontrollieren, zum Beispiel wann sie ins Bett gehen und am Morgen aufstehen. Die aufgestellten Regeln werden nicht respektiert. Dies hat oft zur Folge, dass die Kinder nicht zur Schule gehen oder zu spät kommen. Die Mutter weiss, dass es sich dabei auch um ein allgemeines Problem in diesem Alter handelt, aber das sei kein Trost. Es geht über die Grenzen aller, sowohl physisch als auch mental.

Die Mutter ist geschieden und die Beziehung zum Vater der Jungen ist schlecht. Der Vater bombardiert die Mutter mit Kritik und hält ihr vor, dass sie sich unangemessen verhalten würde. Weil die Mutter darauf bestanden hat, dass die Kinder nach der Scheidung bei ihr wohnen, lehnt der Vater jegliche Verantwortung ab. In letzter Zeit ist die Mutter zunehmend verzweifelt, wenn sie am Morgen zu Hause ist und versucht, die Jungs aufzuwecken und zur Schule zu schicken. Das sei sowohl entwürdigend wie auch anstrengend, berichtet sie. Weiter meint sie, dass ihr Ex-Mann recht damit hätte, wenn er sie kritisiert. Sie findet, dass die Jungs eigentlich genug alt wären, um selbst die Verantwortung zu übernehmen, aber der Mutter fällt es schwer, loszulassen. Sie ist absolut hilflos.

Mit dem ältesten Sohn, 19, hatte die Mutter das gleiche Problem. Er hat die Matura nur knapp geschafft, und das auch nur durch den enormen Einsatz seiner Mutter. Die Angst, dass es bei den beiden anderen genauso sein wird, ist gross.

Computerspiele und Fernsehen machen die Sache umso schwerer. Beides stiehlt den Jungen einen gros­sen Teil ihres täglichen Lebens und hält sie auch von ihren Pflichten ab, etwa den Hausaufgaben. Die Mutter hat darüber nachgedacht, ob es Sinn macht, ihr Leben komplett zu ändern, beispielsweise das Fernsehen für eine Weile zu verbieten.

Die Mutter fühlt sich im Moment völlig ausgelaugt. Je müder sie wird, umso schwieriger wird es, über eine Lösung nachzudenken. Ihre Frage an Jesper Juul lautet: «Wie viel Verantwortung soll ich übernehmen und wie viel Verantwortung können die Kinder bereits tragen?» 

Jesper Juul antwortet der Mutter direkt:

Ich verstehe, dass Sie erschöpft sind, sich am liebsten verstecken würden und erst wieder zum Vorschein kommen möchten, wenn Ihre Kinder erwachsen sind. Aber das ist nicht möglich. Ihre einzige Möglichkeit ist, sich schnell um professionelle Hilfe zu kümmern – sei es bei einer öffentlichen Stelle oder einem privaten Familientherapeuten.

Ihre Kinder verhalten sich unverantwortlich und sind es gewohnt, dass Sie sie bedienen. Das älteste Kind ist Ihr Ex-Mann. Jemand sollte ihn mit der Frage konfrontieren, ob er denn etwas Konstruktives zur aktuellen Situation beitragen kann. Optimal wären Gespräche, an denen alle Familienmitglieder teilnehmen.

So wie die Dinge im Moment stehen und sie auch bereits schon länger waren, sind ihre Söhne – wie ich es nenne – «De-facto-Waisen». Was bedeutet, dass Mutter und Vater weder die Fähigkeit, den Wunsch noch die Energie haben, den Kindern das zu geben, was sie brauchen. In Ihrem Fall: einen Nutzen, einen Überblick, Führung und ein sinnvolles Vorbild. Es liegt in der Verantwortung der Erwachsenen, dafür geradezustehen, wie sich die Situation entwickelt hat, und es wäre deshalb sehr unfair, die Kinder dafür zu bestrafen. Die Unverantwortlichkeit der Kinder ist lediglich ein Sym­ptom, das sie zeigen.
Sie haben gegegben, gegeben und gegeben - und nun sind Sie leer.
Als Leserin meiner Kolumnen wissen Sie, dass ich kein Freund von Schuldzuweisungen bin. Es gibt sehr viele Gründe, warum Ihre Familiensituation im Moment für kein Mitglied angenehm ist. So wie Sie Ihre eigene Gefühlslage als Mutter beschreiben, sind sie verzweifelt, erschöpft und machtlos. Dies hat sich über viele Jahre hin entwickelt, und wenn ich mich nicht irre, so liegt es daran, dass Sie nicht gut genug auf sich selbst aufgepasst haben.

Sie haben Ihre eigenen Bedürfnisse, Ihre Werte, Ihre Grenzen und Ihre Gefühle ignoriert. Sie haben gegeben und gegeben, und nun sind sie leer. Wenn Sie nun auch noch einen Ex-Mann haben, der sich permanent über Ihre Grenzen hinwegsetzt und sie ständig verletzt, so ist es an der Zeit, dass Sie Prioritäten setzen. Diese sind Sie selbst und Ihre Gesundheit. Nicht auf Kosten der Jungen, sondern wegen deren Bedürfnis nach einer glaubwürdigen erwachsenen Führung.

Ihre Söhne können nicht auf Sie aufpassen und in dieser chaotischen und unklaren Situation auch nicht auf sich selbst. Sie erfahren eine Mutter ohne Autorität und einen Vater, der ein schlechtes Beispiel abgibt. Darum ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, Ihnen eine altersgerechte Verantwortung zu übertragen. Es ist höchste Zeit für Sie als Frau und Mutter, die gesamte Verantwortung, die Sie über die Jahre hin übernommen haben, genauer zu betrachten und sich zunächst für sich selbst zu entscheiden.

Ganz wichtig dabei ist, dass Sie sich Hilfe von aussen holen, um gemeinsam mit Ihren Kindern darüber sprechen zu können, wie sich alle fühlen. Sie müssen Ihren Kindern klarmachen, dass Sie sich jetzt um sich selbst kümmern müssen. Es bedarf einer Form der Kommunikation, durch die Ihre Familie erkennt, dass Sie es wirklich ernst meinen. Ohne diese Hilfe fühlen sich Ihre Söhne nur noch mehr schuldig und werden vermehrt selbstzerstörerische Züge entwickeln.

Ich vertrete die Ansicht, dass Kinder ihren Eltern helfen können, sich persönlich zu entwickeln, wie dies auch Eltern für ihre Kinder tun. Sie haben als Frau das klassische Verhalten einer Frau entwickelt, die durch ihre bedingungslose Liebe, ihre Aufopferung, erhöhte Belastbarkeit und ständige Verfügbarkeit an Selbstwert verliert. Dieses Muster ist sehr oft bei jungen Frauen zu beobachten. Später jedoch werden sie schlecht behandelt, und ich denke, das war auch einer der Gründe für Ihre Scheidung.

Nun müssen Sie sich selbst und Ihren Söhnen gegenüber als unnachgiebig zeigen. Es ist Ihre Chance, als Frau, als Mutter und als Mensch zu wachsen. Die gute Nachricht ist, dass Ihre Söhne davon profitieren werden, sobald Sie damit anfangen. Es wird Ihnen immer noch möglich sein, eine liebevolle und aufbauende Beziehung zueinander zu schaffen.

Haben auch Sie eine Frage an Jesper Juul, die er persönlich beantworten soll? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail oder einen Brief an: Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi, Dufourstrasse 97, 8008 Zürich
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Familientherapeut Jesper Juul schreibt für jede Ausgabe des ElternMagazins Fritz+Fränzi eine Kolumne. Sie wollen diese regelmässig lesen? Dann abonnieren Sie jetzt unser Heft.

Über den Autor:
Jesper Juul ist Familientherapeut und Autor zahlreicher internationaler Bestseller zum Thema Erziehung und Familien. 1948 in Dänemark geboren, fuhr er nach dem Schulabschluss zur See, war später Betonarbeiter, Tellerwäscher und Barkeeper. Nach der Lehrerausbildung arbeitete er als Heimerzieher und Sozialarbeiter und bildete sich in den Niederlanden und den USA bei Walter Kempler zum Familientherapeuten weiter. Seit 2012 leidet Juul an einer Entzündung der Rückenmarksflüssigkeit und sitzt im Rollstuhl. Jesper Juul hat einen erwachsenen Sohn aus erster Ehe und ist in zweiter Ehe geschieden.

Die Kolumnen von Jesper Juul entstehen in Zusammenarbeit mit familylab.ch

2 Kommentare

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Von Franz Josef am 02.11.2016 10:53

Die gute Mama denkt an sich selbst zuerst.
Frau XY kommt mit ihrem 10jährigen Sohn wegen Schulproblemen. Sie kriecht schon fast zur Tür herein, so erschöpft wirkt sie. Ihre erste Frage ist: "Was kann ich tun, um meinen Sohn besser zu unterstützen?" Sie hört mich schallend lachen und fragen: "Wer von Euch beiden braucht denn eine Stütze?"
Ich frage weiter: "Dein Sohn soll ja etwas lernen von dir. Braucht er dich als Vorbild für >Wie arbeite ich mich auf?" oder als Vorbild für >Wie bewältige ich MEIN Leben?<
Sie versteht und wir einigen uns darauf, dass sie die nächsten 14 Tage sehr darauf achten wird, dass es IHR GUT geht. Wahrscheinlich wird sich der Sohn bald beschweren: "Mama, du hast schon eine Woche mein Zimmer nicht mehr aufgeräumt!" und sie wird dann ganz erstaunt sein: "Ja, aber mir geht es doch GUT. Warum hast du nicht längst abgeschaut, wie ich das mache?"
Die gute Mama denkt an sich selbst zuerst und sorgt dafür, dass es IHR gut geht. Dann hat das Kind ein gutes Vorbild, von dem es wirklich etwas lernen kann. Und vor allem hat es eine Mutter, der es gut geh - wer hat das heute noch?
Franz Josef Neffe

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Von Barbara am 02.11.2016 09:32

Der Artikel fängt ja gut an, ich erkenne mich selber (ausser dem Ex-Mann, der ist bei mir gar nicht nennenswert, so selten sehen wir den), mit meinem 16-jährigen Sohn, der auch nicht aufstehen will, die Lehre machen soll, raucht, kifft und telefonisch selten erreichbar ist. Nur, ich erhoffte mir dann schon wenigstens einen Ansatz von Tipps. Gehen Sie zum Familientherapeuten, ja super, danke.

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